Reise-Bloggerin Siola Panke Verliebt in die Freiheit

Ob Rucksackreise oder All-inclusive-Urlaub: Für Bloggerin Siola Panke ergeben Erlebnisse, die nicht so glattlaufen, später die besten Geschichten. Einmal wurde es allerdings richtig gefährlich - zwischen den Besuchermassen eines religiösen Festivals.

quadraturderreise.de

Persönliche Texte, neue Blickwinkel: Die deutschsprachige Reise-Blogger-Szene hat sich in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt. Ein riesiger Schatz von inspirierenden Berichten aus aller Welt ist entstanden. Im Fragebogen-Interview stellen wir die Menschen hinter den originellsten Webseiten vor. Heute: Siola Panke, 28, verantwortlich für quadraturderreise.de.

Bitte schreiben Sie für uns exklusiv einen Kurz-Blog über Ihre letzte Reise - und zwar in einem Satz:

Das hat viel Schönes, denke ich, als wir trotz der sich aus den Wolken abseilenden Regenfäden die Champs-Elysées entlangschlendern und das penetrante Jucken der aus dem Hostel stammenden Bettwanzenbisse gerade für einen Moment vergessen, weil uns ein Chihuahua mit "Bonjour"-Aufschrift auf dem Hundepullover vor die Füße kackt.

Die verrückteste Reise Ihres Lebens?

Das waren zwei Monate in Indien. Obwohl ich von bisherigen Reisen einiges gewohnt war, war das ein absoluter Kulturschock. Allein die Zugfahrten dort haben mir unvergessliche, wahrscheinlich demenzresistente Geschichten in die Hirnrinde geritzt. Einmal auch, weil es richtig gefährlich wurde: am Bahnhof von Allahabad während der Mahakumbha Mela, der weltweit größten religiösen Versammlung. Zehn Millionen Menschen waren an diesem Tag angereist, um sich im Ganges von ihren Sünden reinzuwaschen.

Am Bahnhofsausgang ist dann die Situation eskaliert. Es kam am schmalen Treppenausgang zu einer Panik, bei der mehr als 30 Menschen ums Leben kamen. Ich selbst habe mich eine Stunde später genau dort zum Ausgang gedrängt. Von der Massenpanik habe ich dann erst später aus den Medien erfahren. Indien verrückt definitiv das Empfinden für Menschenmengen und Nähe. Die Kölner Rushhour in der Bahn bringt mich auf jeden Fall nicht mehr um den Verstand.

Wo fühlen Sie sich am wohlsten: Gebirge, Meer, Großstadt oder Wüste?

Von der in Sonnenorange getauchten Wildnis in Südafrika über die in Falten gelegte Berglandschaft nahe der Salzwüste Boliviens oder die menschenleeren Strände der Cook-Inseln bis hin zur pulsierenden Rastlosigkeit Mumbais - die Mischung macht's für mich. Der Ort, an dem ich jedoch am besten zur Ruhe komme, ist der Strand. Vom Meeresrauschen und Wellenschauen werde ich wohl nie satt werden.

Ohne welchen Gegenstand würden Sie niemals reisen?

Meine Spiegelreflexkamera. Ich versuche aber immer, beim Reisen die Balance zu wahren. An atemberaubenden Plätzen nehme ich mir die Zeit, die Schönheit eines Ortes nicht nur durch die Objektivlinse zu erleben. Dennoch liebe ich die Fotografie, und auch das Videoschneiden ist mir ans Herz gewachsen. Und nichts verschafft mir während meiner Reisepausen ein breiteres Grinsen, als eines meiner Videos über die bereisten Länder auf dem Laptop zu finden.

Ihr Lieblings-Blog-Eintrag bislang?

Da habe ich wohl zwei, die mir gerade wegen ihrer Gegensätzlichkeit besonders am Herzen liegen. "Der Auslandsreisekrankenversicherungsgott im Baklava-Paradies" erzählt von meinem Versuch, die Vorzüge des Pauschalurlaubs mit All-inclusive-Bändchen im Hotelbunker zu erkennen und zu genießen - also der komplette Gegenentwurf zum Backpacken.

Einen anderen Blog-Eintrag, "Emergency Supply", habe ich etwa zur Halbzeit meiner Weltreise verfasst. Darin geht es darum, dass einem als alleinreisender Backpacker manchmal vor lauter Sehenswürdigkeiten der innere Kompass abhandenkommt. Ich würde das mal als Wo-bin-ich-und-wenn-ja-warum-Moment bezeichnen. Das Einzige, was einen dann wieder in die Spur bringt, sind die unfassbar tollen Menschen, die man unterwegs trifft.

Was war Ihre schlimmste Reisepanne?

Pannen gibt es für mich eigentlich nicht. Man lebt so oft in den Tag hinein, geht durch die harte Schule der zuverlässigen Unzuverlässigkeit in manchen Ländern und lernt, dass Erwartungshaltung die Liebe versauen kann. Dadurch wird man zwangsläufig zum Improvisationskünstler. Dann steckt man eben mal drei Tage in einem indischen Dorf fest, es platzt ein Autoreifen auf 5000 Höhenmetern in der bolivianischen Salzwüste, oder die Christus-Statue in Rio ist gerade dann in Nebel gehüllt, wenn man vor ihr steht. Aus all diesen Dingen haben sich am Ende großartige Geschichten ergeben.

Hat das Bloggen die Art verändert, wie Sie reisen?

Auf jeden Fall. Fast immer spielt das Wie eine größere Rolle als das Was. Man achtet mehr auf Details und Brüche beim Reisen. Die sind dann oft Anstoß für einen neuen Blog-Eintrag. Wenn man lange Zeit und allein durch die Welt reist, ist das Blog aber auch schnell Fleischwolf für all die bezaubernden, aber manchmal schwer verdaulichen Erlebnisbrocken, Einweckglas für Erinnerungen und Kaleidoskop eines gelebten Traums.

Wie oft sind Sie im Jahr unterwegs, wie finanzieren Sie Ihre Reisen?

Das variiert. Vor einigen Monaten bin ich von einer mehr als einjährigen Weltreise durch 17 Länder und fünf Kontinente zurückgekehrt. Das Nomadenleben habe ich mit Ersparnissen durch meinen damaligen Job als Fernsehredakteurin finanziert. Nun spare ich also wieder Geld, um bald für längere Zeit meine Heringe aus dem deutschen Boden zu ziehen. Dennoch versuche ich, meinen Reisehunger in dieser Zeit zumindest durch Kurztrips innerhalb Europas zu stillen.

Der größte Luxus, den Sie sich unterwegs gönnen?

Jeden Tag aufzuwachen und nur zu tun, was ich gerade möchte, ist unbezahlbar. In den ersten Tagen meiner Weltreise bin ich fast durchgedreht, weil ich wie auf Entzug war vom festgefahrenen Rhythmus des deutschen Alltags. Und dann beginnt man sich in diese tägliche Freiheit in einer Weise zu verlieben, dass die Rückkehr nach Deutschland eine Post-Reise-Depression auslösen kann.

Lesen Sie hier die weiteren Blogger-Fragebogen dieser Serie:

Marianna Hillmer-Wiechmann vom "Weltenbummler Mag"

Christoph Pfaff von VonUnterwegs.com

Yvonne Zagermann von justtravelous.com

Peter Hinze von reception-insider.com

Heike Kaufhold von koeln-format.de

Johannes Klaus von reisedepeschen.de Gesa Neitzel von bedouinwriter.com

Patrick Hundt von 101places.de Die Fragen stellte Stephan Orth

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Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Benutzernameoptional 06.10.2013
1. Reisen wird überschätzt
Die meisten "Reisehungrigen" werden sich selbst nie finden. Zwischen 20 und 30 denkt man, die Welt zu erkunden, Menschen aller Couleur sehen - meist stammen solche Traveller selbst aus der Provonz. Man hört immer dasgleiche: Deutschland zu eng, jeden Tag tun was mal will... Aber eine echte Persönlichkeit entwickeln, das gelingt nur zu Hause oder eben an einem festen Ort. Denn Stetigkeit ist eigentliche Leistung und der ureigene Wunsch eines erwachsenen Menschen. Und ja, ich war auch viel auf Reisen ;-)
jalu-2008 06.10.2013
2.
Zitat von BenutzernameoptionalDie meisten "Reisehungrigen" werden sich selbst nie finden. Zwischen 20 und 30 denkt man, die Welt zu erkunden, Menschen aller Couleur sehen - meist stammen solche Traveller selbst aus der Provonz. Man hört immer dasgleiche: Deutschland zu eng, jeden Tag tun was mal will... Aber eine echte Persönlichkeit entwickeln, das gelingt nur zu Hause oder eben an einem festen Ort. Denn Stetigkeit ist eigentliche Leistung und der ureigene Wunsch eines erwachsenen Menschen. Und ja, ich war auch viel auf Reisen ;-)
Hier möchte ich klar widersprechen! Rückblickend waren es bei mir viele Eindrücke aus Afrika oder Asien, die meinen Charakter beeinflusst haben. Der Umgang mit Menschen etwa, unabhängig von der Hautfarbe, den Respekt, das lernt man prima, wenn man auf diese Menschen einmal angewiesen ist. Die Unwichtigkeit von materiellen Dingen, um zufrieden zu sein, das Schätzen von Freiheit und einem geregelten öffentlichen Leben wie in Mitteleuropa, den Umgang mit Lebensmitteln, die Sauberkeit der Umwelt, den Weitblick für die Welt und deren Probleme, den Umgang mit schwierigen , auch gefährlichen Situationen, das Meistern von Problemen und das finden von Lösungen... all das lernt man viel intensiver auf Individualreisen.
wauz, 07.10.2013
3. Zeltnägel
und ihre Spezialform, den Häring, schreibt man immer mit ä!
kibatake99 07.10.2013
4. Mal so mal so...!
Ich würde mal behaupten, dass jeder für sich selbst herausfinden muss, wie er/sie sich selbst finden kann. Und das kann wohl daheim in den festen 4 Wänden oder auf Reisen sein. Ich für meinen Teil habe erst nach 25 Lebensjahren nach einem längeren Mexiko-Aufenthalt mir selber eingestehen können, dass ich schwul bin und führe nun ein viel freieres Leben. An meinem festen Ort war ich zuvor nicht unglücklich, aber nun bin ich mit mir selber im Reinen. Siola, dein Blog gefällt mir richtig gut! Manchmal sind mir deine Formulierungen ein wenig zu poetisch, aber ich bin auch sicher nicht so belesen und literaturbegeistert wie du! ;) Dir weiterhin viel Erfolg beim Reisen!
kugelsicher, 12.12.2013
5.
Zitat von BenutzernameoptionalDie meisten "Reisehungrigen" werden sich selbst nie finden. Zwischen 20 und 30 denkt man, die Welt zu erkunden, Menschen aller Couleur sehen - meist stammen solche Traveller selbst aus der Provonz. Man hört immer dasgleiche: Deutschland zu eng, jeden Tag tun was mal will... Aber eine echte Persönlichkeit entwickeln, das gelingt nur zu Hause oder eben an einem festen Ort. Denn Stetigkeit ist eigentliche Leistung und der ureigene Wunsch eines erwachsenen Menschen. Und ja, ich war auch viel auf Reisen ;-)
Aber eine echte Persönlichkeit entwickeln, das gelingt nur zu Hause? Wenn ihre dogmatischen Scheuklappen nicht so traurig wären, könnte man fast über ihre Ansichten lachen.
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