"Secret City" Oak Ridge: Strahlende Vergangenheit

Von Denis Krick

Oak Ridge in Tennessee: Die Stadt, die es nicht gab Fotos
Oak Ridge CVB

Der Ort Oak Ridge in Tennessee war lange eines der bestgehüteten Geheimnisse der USA. Wegen einer Anlage, die Material für Atombomben herstellte. Heute suchen hier Touristen nach Spuren des Zweiten Weltkriegs - scharf geschossen wird noch immer.

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Die Fahrt nach Oak Ridge könnte eigentlich recht malerisch sein. Die kurvige Straße, die vom Interstate Highway 40 in die beschauliche Stadt führt, windet sich leicht durch die Berge von Tennessee. Die kurze Reise geht vorbei an dichten Wäldern und über den Clinch River, ehe man das Appalachen-Tal erreicht. Nur die großen Schilder, die alle paar hundert Meter regelmäßig am Straßenrand erscheinen, trüben die Idylle.

"Betreten verboten" steht darauf geschrieben. Geldstrafen, Gefängnis und Gewalt werden angedroht. Wer sich zu weit in den Wald begibt, der betritt irgendwann die sogenannte Killzone. Dort wird scharf geschossen.

Der Grund für die Schilder ist Y-12. Das simple Kürzel ist der Name eines Hochsicherheitskomplexes, in dem die USA einen Großteil ihres Nuklearmaterials einlagern. Über 6000 Menschen arbeiten in der Anlage. Ein Spitzname von Oak Ridge ist deswegen auch Atomic City, ein anderer ist Secret City - die geheime Stadt.

Einst durfte die Öffentlichkeit nicht erfahren, was sich hier im Hinterland von Tennessee befand. Jahrelang tauchte der Ort auf keiner normalen Landkarte auf. In einem Kraftakt hatte 1942 das US-Militär Oak Ridge in dem spärlich besiedelten Tal aus dem Boden gestampft. Die Landbevölkerung wurde enteignet und weggeschickt. Dann begann man in einem Wahnsinnstempo Fertighäuser zu bauen.

Geld spielte keine Rolle

Die neuen Einwohner kamen aus allen Teilen des Landes. Wissenschaftler, Ärzte und Ingenieure wurden direkt nach dem Abschluss von den besten Universitäten abgeworben, Krankenschwestern, Sekretärinnen und Fabrikarbeiter in den gesamten Südstaaten angeheuert. Oak Ridge war keine Denkfabrik, sondern eine ganze Denkstadt. Y-12 gehörte ebenso dazu wie die Komplexe K-25, S-50 und X-10. 1945 war die Bevölkerung auf 75.000 angewachsen. Als Arbeitsstätte hatte man für sie unter anderem eines der damals größten Gebäude der Welt errichtet.

"Geld spielte in den Kriegsjahren keine Rolle", sagt der 90-jährige Bill Wilcox, der 1943 als junger Chemiker unter einem Vorwand nach Oak Ridge gelockt wurde. "Ich dachte, ich solle für das Unternehmen Eastman Kodak neue Filme entwickeln." Schnell wurde ihm klar, dass dies nicht der Fall war. Woran er aber wirklich arbeitete, erfuhr er erst am 6. August 1945. An diesem Tag explodierte die Atombombe über Hiroshima.

Oak Ridge war Teil des Manhattan-Projekts. Hier wurde das angereicherte Uran hergestellt, das man für die Konstruktion der ersten Atombomben in Los Alamos benötigte. Dementsprechend hoch waren die Sicherheitsvorkehrungen in der Retortenstadt, die von hohen Zäunen und Wachtürmen umgeben war.

"Wir durften mit niemandem über unsere Jobs sprechen", sagt Wilcox bedächtig. Und es klingt so, als würde er noch immer ein paar Geheimnisse hüten. "Nicht einmal meine Eltern wussten, was ich hier in Tennessee trieb." Auch innerhalb von Oak Ridge war man zur Verschwiegenheit verpflichtet. Egal, ob Physiker, einfacher Soldat oder Müllmann - das Thema Arbeit war tabu.

Mehr Frauen als Männer

Damit das auch so bei den zivilen Angestellten blieb, sorgten die Militärs für reichlich Zerstreuung. Allerhand Sportvereine wurden gegründet. Ein eigenes Kino zeigte ständig neue Filme. Und es wurden jede Menge Tanzabende veranstaltet. Bei Letzteren gab es nur ein kleines Problem: In Oak Ridge wohnten weitaus mehr Frauen als Männer. "Wir fanden diesen Umstand eigentlich ganz gut", sagt die 88-jährige Margene Lyon und lacht. "Die Kerle haben sich natürlich auch nicht beschwert."

Lyon kam 1944 als Sekretärin nach Oak Ridge und arbeitete im Krankenhaus. In ihrer Abteilung wurden Arbeiter und Wissenschaftler regelmäßig auf mögliche Strahlungsschäden untersucht. "Ich treffe heute noch Menschen auf der Straße, an deren Namen ich mich nicht erinnere, aber deren Blut- und Urinwerte ich noch kenne", sagt sie und schaut dabei wissend über den Rand ihrer Brille.

Auch Lyon wurde damals ordentlich durchgecheckt. Bevor sie sich in Oak Ridge niederlassen durfte, überprüfte das FBI ihren Leumund. "Die Agenten kamen in meine kleine Heimatstadt und horchten die Nachbarn, die Lehrer und sogar den Postboten aus", sagt Lyon. "Alle in der Stadt fragten sich, was ich wohl ausgefressen hatte." Natürlich musste auch sie in dieser Zeit über ihre Arbeit schweigen.

Vielleicht reden gerade deshalb die meisten Menschen von Oak Ridge heute sehr gern über ihre Rolle im Zweiten Weltkrieg. In der kleinen Stadt sind viele stolz darauf, dass man beim Bau der Atombomben eine entscheidende Rolle gespielt hat. Der Abwurf über Hiroshima und Nagasaki sei grausam gewesen, sagt Wilcox. Allerdings hätten die Japaner danach auch kapituliert. Schade sei nur, dass man beim Thema Manhattan-Projekt immer nur von Los Alamos rede - und dabei seine Heimatstadt ganz vergesse.

Die Kinder leuchten nicht im Dunkeln

In Oak Ridge können Touristen noch vieles aus der strahlenden Vergangenheit besichtigen. Ein kleines Museum gibt eindrucksvoll Auskunft über die bewegte Geschichte des Ortes. Überall im Stadtgebiet finden sich kleine Gedenktafeln, die an die Arbeit der Männer und Frauen während des Zweiten Weltkriegs erinnern. In einem kleinen Park steht eine große Glocke, die in Japan gefertigt wurde. Ein Symbol der Freundschaft soll sie sein, keine Entschuldigung.

Einige Wachtürme von damals existieren noch immer. Und auch zahlreiche Häuser, die einst in aller Schnelle aufgestellt wurden, sind weiterhin bewohnt. "Drei Schlafzimmer, zwei Badezimmer, ein Wohnzimmer mit traumhafter Aussicht und gemauertem Kamin", sagt Bill Wilcox und zupft sich die Fliege zurecht. "Was will man mehr."

Selbst Y-12 hat seine Pforte einen kleinen Spalt geöffnet. Eine Ausstellung soll hier aufzeigen, was hinter den dicken Toren des Komplexes passiert. Es gibt auch Führungen durch die Anlage. Natürlich muss man sich vorher anmelden und einen Sicherheitscheck über sich ergehen lassen. Wie viel radioaktives Material eingelagert ist, erfährt der neugierige Besucher aber nicht.

Wilcox und Lyon haben keine Probleme damit. Y-12 ist Teil ihrer Identität. Und die Regierung steckt außerdem eine Menge Geld in die Kommune. Eine Milliardeninvestition für eine Erweiterung von Y-12 ist bereits genehmigt. "Uns geht es besser als manch anderem Ort hier in den Appalachen", sagt Lyon. Sie werde häufig gefragt, ob das Leben in Oak Ridge irgendwelche negative Auswirkungen auf sie habe. "Meine Kinder brabbeln keinen Unsinn und leuchten nicht im Dunkeln", sagt sie dann immer. Alles sei gut.

Doch natürlich hat Y-12 nicht nur Freunde in Oak Ridge. Vergangenes Jahr brachen eine 82-jährige Nonne, ein Anstreicher und ein Herumtreiber in den Hochsicherheitskomplex ein, um für den Weltfrieden zu demonstrieren. Mit einem Drahtschneider bewaffnet durchquerten sie die Killzone und bemalten eine Wand von Y-12. Niemand wurde erschossen. Ein Gericht in Knoxville verurteilte das Trio nun als Saboteure. Im September soll das Strafmaß verkündet werden: Ihnen drohen bis zu 30 Jahre Gefängnis.

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insgesamt 10 Beiträge
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    Seite 1    
1. Strahlenwüste
Markus Landgraf 18.06.2013
Zitat von sysopDer Ort Oak Ridge in Tennessee war lange eines der bestgehüteten Geheimnisse der USA. Wegen einer Anlage, die Material für Atombomben herstellte.
Ich verstehe das nicht. Nach geltender Lehrmeinung müsste das doch jetzt eine Atomswüste sein.
2. Alles geheim?
mwinter 18.06.2013
Geheime Gefängnisse, geheime Gerichte, geheime Städte - was kommt eigentlich noch über das "Land der Freiheit" raus? Die angebliche Transparenz der USA löst sich diese Tage in Luft auf - sie war wohl immer nur Propaganda.
3. Calutron-Mädchen
grandprix 18.06.2013
Hallo, zu Bild 10: zumindest teilweise handelt es sich bei den Frauen auf dem Bild um die wirklichen Operateurinnen, siehe: http://smithdray1.net/angeltowns/or/go.htm Ich wüsste auch nicht, warum "die echten Arbeiter" anders aussehen sollten. Es sind ja nur die Bedienpulte, die Calutrons selber sind davon abgeschlossen - es besteht weder eine Notwendigkeit für Laborkittel noch sonstige Arbeitskleidung.
4. Meine zweite Heimat
wilderbeest 18.06.2013
Ich habe zwischen 1979 und 1980 ein Jahr in Oak Ridge als Austauschschueler verbracht. Der lokale Stolz auf das im zweiten Weltkrieg erreichte fand ich erst befremdend, aber doch verstaendlich. Ich habe damals auch meinen Kopf ueber das Reaktorbecken gestreckt, da ein Bekannter der Familie der ziemlich bekannte Dr. Postma war, der mir Eintritt zu dem Reaktor verschaffte. Vor drei Jahren war ich noch einmal da - fuer mein 30-jaehriges Klassentreffen. Der Stadtkern ist jetzt ziemlich heruntergekommen, und vor 30 Jahren ging es Oak Ridge besser als heute.
5. Worauf ist man stolz?
Malshandir 18.06.2013
Also warauf ist man den dort stolz? Dass man beteiligt daran war Hundertausende Zivilisten kaltbluetig ermordet zu haben. Klar man hat ja nur Befehle befolgt. Hmm, wieso kommt mir diese Argumentation so bekannt vor?
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