Es ist Freitagnachmittag, und alle Parkplätze am Yallingup Beach sind besetzt. Zwischen den dunkelgrünen Bäumen glitzert der Indische Ozean im Sonnenlicht. Wie kleine Ameisen balancieren unzählige Surfer auf dem türkisblauen Wasser, mit oder ohne Paddel, stehend oder auf dem Bauch liegend. Doch nur einen Kilometer landeinwärts findet sich eine andere Szenerie. Da stehen mächtige Baumalleen unter denen in scheinbar endlosen Reihen Weinreben wachsen. In der Region Margaret River dreht sich fast alles nur um zwei Dinge: Wein und Wellen.
75 Surfspots reihen sich drei Autostunden südlich von Perth zwischen Cape Naturaliste und Cape Leeuwin aneinander. Surfen gehört hier zum Leben wie in anderen Ländern das Fahrradfahren. Sobald sich die Kinder über Wasser halten können, machen die meisten ihren ersten Paddelversuch auf dem Brett - für viele bleibt es eine lebenslange Leidenschaft. So wie für Crystal Simpson.
Die blauen Augen der Surflehrerin strahlen, der durchtrainierte Körper steckt in einem Neoprenanzug, und die blonden Haare sind unter einer Baseballkappe versteckt. "Sonnenbaden will von uns hier wirklich keiner", sagt sie und schmiert sich eine dicke Schicht Zinkcreme auf Nase, Stirn und Wangen. Mit 17 Jahren hatte Crystal ihren eigenen Surfshop, mit 22 stieg sie bei einer Surfschule ein, die sie im vergangenen Jahr, mit 27, übernahm. Yallingup Beach ist ihr Lieblingsrevier.
"Ich liebe die Wellen dort, den Ort und die Leute. Wenn man zum Strand hinunterfährt und dann den Ozean erblickt, ist das so fesselnd und man bekommt einen riesigen Energieschub." Und nach dem Wellenreiten? "Dann koche ich mit meinen Freunden, und wir trinken guten Wein", erzählt sie und schwärmt von den verschiedenen Sorten.
Ganzjährig surfen
Denn das Klima der Region ist nicht nur perfekt, um fast ganzjährig zu surfen, sondern auch optimal für den Weinanbau. Die milden mediterranen Bedingungen lassen die Trauben zu prächtigen Weinen reifen, verlangsamt und intensiviert durch die hiesigen kalten Winde. Rund 200 Winzer haben sich inzwischen in der Region niedergelassen und produzieren gut ein Viertel der überdurchschnittlichen australischen Weine wie Chardonnay, Shiraz, Semillon, Merlot oder Cabernet Sauvignon.
Zu den renommierten Erzeugern gehört Happs Winery. Erl Happ ließ sich in den sechziger Jahren in Margaret River nieder und startete einen kleinen, aber feinen Handwerkbetrieb für Keramik. Erst zehn Jahre später begann er mit dem Weinanbau. Inzwischen sind es zwei Anbaugebiete. Jenes in Dunsborough, wo man sieben Tage die Woche von 10 bis 17 Uhr verkosten und einkaufen kann, sowie Three Hills weiter südlich in Karridale. Dort werden nur die besten Trauben verarbeitet. Erl und seine Frau Roselyn sind heute noch die kreative Seele von Happs, doch seit 2010 sind auch alle drei Kinder stark engagiert.
Sohn Jeremy interessierte sich früher mehr für Kunst und Surfen als für Wein. Mit fünf Jahren paddelte er das erste Mal auf einem Surfbrett, mit 14 kaufte er sich ein Geländemotorrad, um damit schneller querfeldein zum Strand zu gelangen. Eine willkommene Abwechslung zur Arbeit auf dem Weingut, mit der er sein Taschengeld aufbesserte. "Weinkeller waren dunkle, kalte und feuchte Räume, in denen man stundenlang Fässer schrubben musste", sagt Jeremy und räumt mit dem idyllischen Bild des Winzers auf. Deswegen versuchte er sich zunächst als Künstler und reiste mit seinem Surfbrett um die Welt.
Yoga für Wellenreiter
Er lernte andere Kulturen kennen und unterrichtete an einer Yogaakademie in Sydney. Doch jetzt ist er nicht nur zurück an Margaret Rivers Stränden, sondern auch zwischen den Weinreben. Das Surfen hat Jeremy nicht verlernt, aber er geht es heute ruhiger an.
Ebenso surfversessen wie Jeremy Happ war auch Sheridan Hammond. So sieht er auch aus, sonnengebräunt und mit schwarzer Sonnenbrille, die über der Stirn in dicken braunen Locken steckt. Inzwischen verbringt er jedoch mehr Zeit mit Sonnengrüßen auf der Yogamatte - für sich selbst und als Lehrer. Er ist Mitgründer des Samudra, einer Kombination aus Yogazentrum, Öko-Boutique und Health-Food-Café an der Geographe Bay in Dunsborough. Hier kann man Yogakurse buchen, auch in Kombination mit Surfstunden.
Tatsächlich überkommt einen schon beim Betreten des flachen Holzbaus ein wohliges Gefühl. Das Café ist eine Mischung aus lässiger Surfbar und tropischer Ethno-Lounge. Im angrenzenden Gemüse- und Kräutergarten wachsen bis zu 70 Prozent der Zutaten für die Gerichte des Cafés. Die verwandelt die Kochcrew in vegetarische Mahlzeiten - vorwiegend als Rohkost oder vitaminschonend getrocknet: Wraps aus Sprossen, Nudeln aus getrockneten Zucchinifäden, kunterbunte Dips und Obst- und Gemüsesäfte.
Und wenn man ein paar Stunden Yoga hinter sich hat, seine Reserven mit gesundem Essen gefüllt hat und in Richtung des türkisblauen Ozeans fährt, dann fühlt man sie, die Energie - die des Ozeans und die eigene in perfekter Balance.
Daniela Di Maggio-Opdahl/SRT/dkr
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