Reisebuch über Iran Die letzten weißen Flecken dieser Welt

"Im Geheimen passiert alles, was verboten ist", schreibt der Reisejournalist Stephan Orth. Mit zwei Fotografen porträtiert er Iran als Land von tausendundeinem Widerspruch.

Samuel Zuder

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Lang bevor der Reiseführer erfunden wurde, gab es Reisebücher journalistischer, mitunter literarischer Qualität. Sie waren von eingeschränktem direkten Nutzwert. Sie versuchten selten, die baulichen Infrastrukturen eines Ortes, die Hotels und Pensionen in Reihenfolge ihres Preises, die Essmöglichkeiten vom Restaurant bis zur Pommesbude in Vollständigkeit zu erfassen. Mit Best-of-Listen, versteht sich, und - Daumen rauf, Daumen runter - ach so nützlichen Tipps zu lokalen Trips, Attraktionen oder den angesagtesten Hangouts.

Stattdessen erzählten sie Geschichten über Menschen, Orte und Begegnungen. Über das Leben an fremden, exotisch empfundenen Orten, die in Weltgegenden lagen, wo Landkarten nur eines zeigten: weiße Flecken.

Die letzten weißen Flecken dieser Welt liegen an Orten, die uns entweder den Zugang erschweren, verweigern oder zu denen man sich nicht selbst zu reisen traut. Iran, islamische Republik und vorderasiatische Großmacht, war lange so ein Ort: Auch Sie kennen vermutlich wenige Menschen, die dort schon einmal Urlaub gemacht haben.

Das könnte sich ändern und sollte es auch, folgt man dem Reisejournalisten Stephan Orth. In seinem Buch "Couchsurfing im Iran" trieb er den direkten Kontakt mit den Menschen dort auf die Spitze, berichtete witzig reportierend aus dem iranischen Alltag.

Sein mit den Fotografen Mina Esfandiari und Samuel Zuder verfasstes Buch "Iran. Tausend und ein Widerspruch" schließt daran an und ist ebenfalls kein Nutzwert-Schmöker. Die Autoren erzählen in Worten, vor allem aber in Bildern Geschichten, in denen es um das geht, worauf es wirklich ankommt: Das Leben vor Ort. In allen seinen oft höchst unerwarteten Facetten.

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Stephan Orth, Mina Esfandiari und Samuel Zuder:
Iran

Tausend und ein Widerspruch

NG Buchverlag, 192 Seiten, 40 Euro

Im Mittelpunkt stehen dabei die zahlreichen Fotografien aus dem Alltagsleben Irans. Orth steuert dazu kurze, prägnante Texte bei, die Schlaglichter auf die Geheimnisse, die Geschichte, das Leben der Frauen werfen. Andere zeigen, welche Rolle der Krieg oder der Glaube im Leben dort spielen. Und immer wieder geht es um die Methoden, mit denen moderne Iraner sich ihre Freiheiten ertrotzen - oft deutlich jenseits der Legalität.

"Am Hintereingang einer Shoppingmall in Urmia trifft sich Mehrdad mit seinem Dealer, dem Sohn wohlhabender Eltern, der an einer Eliteuni studiert hat und nebenher Alkohol und Drogen vertickt", liest man da. Und fährt dann mit dem Erzähler per Bus durch Teheran, eine Plastiktüte Cannabis hängt am Sitz, deren Inhalt später zum Teil in Rauch aufgehen wird.

Das ist nichts, was man als Tourist im Land der Mullahs unbedingt mal ausprobieren sollte. Aber es ist gut zu lesen, dass die Kontrolle eben nicht flächendeckend greift, und dass und wie selbstverständlich das alles geschieht: durch subversive, ganz pragmatisch organisierte Regelbrüche in einem Land, in dem Nicht-Konformität durchaus den Tod bedeuten kann und schon auf der Straße zu singen ein Verbrechen ist.

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9  Bilder
Bildband Iran: Tausendundein Widerspruch

Aber das, vermittelt das Buch höchst anrührend, sagt nichts aus über die Menschen vor Ort, ihre Freiheitsliebe und ihren Drang, zutiefst normale Bedürfnisse auszuleben: Sie singen trotzdem, sie tanzen und feiern, wie sie wollen. Orth und die Fotografen nähern sich nicht dem oft restriktiven Ort Iran, sondern seinen Menschen. "Im Geheimen", schreibt Orth, "passiert alles, was verboten ist."

So porträtieren sie ein Land, das oft genug auch an sich selbst leidet. Sich Regeln und Gesetze gegeben hat, mit denen große Teile der Bevölkerung nicht konform gehen. Lebensweisen pflegt, die viele gern wieder aufgeben würden. Die herzliche Gastfreundschaft, von der die Autoren berichten, die sie in ihren Bildern dokumentieren, rührt an: Im Sinne des Wortes entdeckt man in diesem Buch ein Land, das heimlich viel freier ist, als wir gemeinhin vermuten.

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13  Bilder
Couchsurfing im Iran: Sehnsüchte unter Strafe

Vor allem aber ist es viel bunter, facettenreicher, und kulturell vielfältiger als die Nachrichtenbilder von Militärparaden und Mullah-Ansprachen vermuten lassen.

Iran, schreiben die Autoren im Vorwort, sei ein Land, "dessen Besuch verschreibungspflichtig sein sollte für Menschen, die an überkommenen Vorurteilen festhalten. Ein Land, das fesselt und aufwühlt, verzaubert und wütend macht. Ein Land, in dem man aus dem Staunen nicht mehr herauskommt."

Dann passt das Buch "Iran" dazu ja ganz prächtig.

Disclaimer: Stephan Orth war von 2007 bis 2016 erst Volontär, dann Redakteur bei SPIEGEL ONLINE. Heute arbeitet er als freier Autor. Seine Bücher "Couchsurfing im Iran" sowie "Couchsurfing in Russland" waren Bestseller und wurden in mehr als zehn Sprachen übersetzt.



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