Reisen in der Premium Economy: Holzklasse plus X

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Die Economy-Klasse ist zu unbequem, doch Business oder First zu teuer? Für Fluggäste, die ein bisschen mehr Luxus wollen, haben viele Fluggesellschaften eine Zwischenklasse eingeführt. Zielgruppe sind vor allem Geschäftsreisende - doch die Angebote unterscheiden sich stark.

Zwischenklasse im Flugzeug: Ein Hauch von Business Class Fotos

Lange war geheim, was sich im Hangar 9 verbarg. Seit Ende 2007 experimentierte die Fluggesellschaft Air New Zealand nur wenige hundert Meter von ihrer Hauptverwaltung in Auckland entfernt in einem alten Lagerhaus mit neuen Sitzen. Ein Ergebnis war die "Skycouch" - jeweils drei Economy-Sitze lassen sich in eine ebene Liegefläche verwandeln.

Während diese Weltneuheit seit der Einführung im Frühjahr 2011 für viele Schlagzeilen sorgte, stand eine andere Innovation etwas im Schatten: Air New Zealand hat ein völlig neues Produkt für die sogenannte Premium Economy Class entwickelt und auf den Markt gebracht: elegante Schalensitze, die so geschickt im Flugzeug installiert sind, dass gerade auf den Doppelsitzen an den Fenstern viel Privatsphäre und Sichtschutz zum Nachbarn herrscht. Etwas, das die meisten Holzklassen-Kunden schmerzlich vermissen. Gebaut werden die Sitze in Schwäbisch Hall von der deutschen Firma Recaro.

Wer als Paar reist, sitzt in der Mitte der Kabine, dort lässt sich aus zwei nebeneinander liegenden Sitzen ebenfalls eine gemeinsam nutzbare Fläche herstellen, mit der Möglichkeit, die Beine auszustrecken.

Beschwerden über mangelnde Beinfreiheit

Die neue Zwischenklasse zwischen Economy- und Business-Abteil gewinnt gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten stetig mehr Kunden. Etwa Geschäftsreisende, deren Firmen-Reisestellen kein Business-Ticket mehr bezahlen, bei denen aber Premium Economy noch als Touristenklasse durchgeht. Kein Wunder also, dass es auch immer mehr Anbieter gibt.

Schick sieht das aus bei Air New Zealand - doch die Fluggesellschaft erlebte zunächst einen Dämpfer. "Zehn Prozent der Kunden beschwerten sich über mangelnde Beinfreiheit in der Premium Economy", räumt Projektmanager Kerry Reeves ein. "Der Sitz sieht nach Business Class aus, da haben die Leute Erwartungen, die nicht erfüllt wurden."

Die Konsequenz: Die Kiwi-Airline baut jetzt eine Sitzreihe aus, reduziert das Abteil auf nur noch 44 Sitze und erhöht den Abstand um bis zu 13 Zentimeter pro Sitz. Ein guter Deal, der nicht einmal das Doppelte des Economy-Tarifs kostet. Im März 2012 beispielsweise ist die Passage von London nach Neuseeland mit Anschluss ab Deutschland in der Economy für 1480 Euro buchbar, die wesentlich komfortablere Reise in Premium Economy kostet 2650 Euro, während im Business-Bettsitz happige 5080 Euro fällig sind.

"Da gibt es riesiges Potential"

Pionier der Zwischenklasse war bereits 1992 die taiwanesische EVA Airways, erst nach der Jahrtausendwende folgten andere. Über 20 Fluggesellschaften verfügen auf Langstrecken heute über ein Premium-Economy-Abteil, darunter in Europa der deutsche Ferienflieger Condor, Air France/KLM, British Airways, bmi, Alitalia, Icelandair, SAS und Turkish Airlines. Auch in Amerika (United, Delta und der kanadische Ferienflieger Air Transat) und Asien (etwa ANA, JAL, Qantas und Vietnam Airlines) finden sich etliche Verfechter, andere wie die Lufthansa sperren sich, weil sie Rückgänge bei den Business-Buchungen befürchten. Neu kommt ab Frühjahr 2012 die renommierte Cathay Pacific aus Hongkong hinzu.

Eine Analyse der britischen Zivilluftfahrtbehörde CAA hat kürzlich ergeben, dass drei von vier Geschäftsreisenden auch auf Langstrecken nicht in der Business Class reisen, sondern im Economy-Abteil sitzen. Ein riesiges Marktsegment also, das mit dem Zwischenprodukt erschlossen werden soll. "Die Unterschiede im Komfort zwischen Business und Economy sind so groß wie nie, da tun sich für Fluggesellschaften viele Möglichkeiten auf", sagt Tom Plant von B/E Aerospace, einem der wichtigsten Sitzhersteller der Welt.

John Yeng, oberster Kabinenausstatter bei United Airlines, ist ebenfalls überzeugt: "Da gibt es ein riesiges Potential". Und das, obwohl United mit Economy Plus gar keine wirkliche Zwischenkabine anbietet, sondern ähnlich wie auch KLM nur im vorderen Economy-Bereich mehr Beinfreiheit. Aber selbst wer dort sitzt, so Yeng, empfindet den Flugkomfort nach Umfragen seiner Gesellschaft gleich doppelt so hoch.

Hunderttausende reisten schon mit Premium Voyageur

Eine erste Bilanz zieht Air France, die seit Herbst 2009 ihre Premium-Voyageur-Klasse auf immer mehr Langstrecken offeriert: "Das Produkt ist sehr erfolgreich, es sind schon über 600.000 Kunden damit geflogen, die meisten waren sehr zufrieden", sagt Alex Hervet, Produktmanager für Langstrecken bei Air France.

In Online-Foren dagegen sind die Meinungen geteilt, viele Nutzer kritisieren zu harte Polster der Schalensitze, loben aber den bevorzugten Check-in an First- oder Business-Class-Schaltern sowie die teilweise mögliche Lounge-Nutzung. Dafür gibt es keine eigenen Toiletten sowie identische Verpflegung wie in Economy Class. Über 80 Flugzeuge der Air-France-Langstreckenflotte sind bereits mit der Zwischenklasse ausgestattet, die je nach Flugzeugtyp 21 bis 28 Sitze umfasst. In der Boeing 777 stehen acht Sitze je Reihe (zwei weniger als in Economy), in den Airbus-Typen A330 und A340 sieben (einer weniger als in Economy).

Generell gilt: "Premium Economy bedeutet ganz unterschiedliche Dinge für verschiedene Gesellschaften aus verschiedenen Regionen der Welt", sagt Tom Plant. "Einige bieten technisch beinahe dieselben Sitze wie in Business Class."

In Online-Foren erhalten vor allem die Produkte von Qantas und Air New Zealand Höchstnoten der Nutzer. Ein starker Neuzugang ist Turkish Airlines: In ihren elf jüngst gelieferten Boeing 777-300ER befindet sich eine separate Comfort Class, die größte Premium-Economy-Kabine aller Anbieter mit 68 Sitzen. Angeordnet in 2-3-2-Konfiguration, drei Plätze in der Mitte, je zwei an den Fenstern, kommt dieses Angebot einer konventionellen Business Class sehr nahe.

Der Sitzabstand liegt mit knapp 117 Zentimetern weit über dem Branchenschnitt für Premium Economy, welcher nur 96,5 Zentimeter beträgt. Mit 49 Zentimetern sind die Sitze auch von ausladender Breite, sowie ausgestattet mit Fußstützen und Bildschirmen mit 27 Zentimeter Diagonale sowie einem USB-Anschluss. Besonderes Augenmerk liegt auf der Bordverpflegung, es wird nicht wie anderswo einfach die übliche Economy-Kost aufgetischt. Stattdessen bekommen die Gäste der Comfort Class ihre für diese Klasse speziellen Mahlzeiten gängeweise und auf dem gleichen Porzellan wie in der Business Class gereicht. Die Toiletten dürfen sie mit den Business-Gästen teilen - ein rundum hochwertiges Produkt.

Dass sich die neue Zwischenklasse nicht auf Langstrecken beschränken muss, zeigen ab Deutschland sowohl Condor als auch die Berliner Gesellschaft Germania, die sie auch auf kürzeren Routen bieten. Für ihre Lösung mussten sie nicht einmal umbauen: Zwar sind die Sitze identisch zum Rest der Kabine, dafür wird der Mittelsitz nicht vergeben und bleibt frei. Andere Annehmlichkeiten entsprechen dem, was sonst in Business Class geboten wird.

Schwierige Zeiten erfordern innovative Lösungen - und die Premium Economy Class scheint für Passagiere und Fluggesellschaften eine solche zu sein.

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insgesamt 45 Beiträge
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1. Fliegen ist mittlerweile wie Busfahren...
sappelkopp 02.11.2011
...und wie immer, wenn etwas jeder macht, sinkt das Niveau. Business Class ist ja nicht nur eine Frage der Bequemlichkeit, sondern auch eine Frage der Ruhe, vor jenen Menschen, die meinen, die Flugbegleiter wegen jedem Blödsinn anmachen zu müssen.
2. -
FTAASO 02.11.2011
Zitat von sappelkopp...und wie immer, wenn etwas jeder macht, sinkt das Niveau. Business Class ist ja nicht nur eine Frage der Bequemlichkeit, sondern auch eine Frage der Ruhe, vor jenen Menschen, die meinen, die Flugbegleiter wegen jedem Blödsinn anmachen zu müssen.
Es gibt sie noch - die Menschen, die meinen 1. Klasse / Business Class sei für Leute mit besserem Benehmen :-) Das funktioniert doch schon in der Bahn nicht, wo "gestandene Business-Leute" in der 1. Klasse des ICE Ihre Musik mit den billigen iPhone-Kopfhörern (die mehr nach außen als ans Ohr beschallen) im ganzen Abteil verteilen. Sowas gab's früher nur bei Groß-Schulklassen in der Ghetto-S-Bahn. Und nörgelnde Fluggäste beobachte ich ebenfalls recht klassenfrei. Wie schon im Artikel steht, buchen ja sogar die meisten Geschäftsreisenden Economy. Nach Ihrer Logik teilen die Unternehmen das also nach "kann sich benehmen" und "kann es nicht" auf? Von bestimmten Reisezielen wie Malle rede ich mal nicht - aber das sind ja auch eher keine Geschäftsreiseziele. Nebenbei - es bleibt Ihnen ja unbenommen, weiter First zu fliegen, die will ja keiner abschaffen.
3. titel
malte71, 02.11.2011
Zitat von FTAASOEs gibt sie noch - die Menschen, die meinen 1. Klasse / Business Class sei für Leute mit besserem Benehmen :-) Das funktioniert doch schon in der Bahn nicht, wo "gestandene Business-Leute" in der 1. Klasse des ICE Ihre Musik mit den billigen iPhone-Kopfhörern (die mehr nach außen als ans Ohr beschallen) im ganzen Abteil verteilen. Sowas gab's früher nur bei Groß-Schulklassen in der Ghetto-S-Bahn. Und nörgelnde Fluggäste beobachte ich ebenfalls recht klassenfrei. Wie schon im Artikel steht, buchen ja sogar die meisten Geschäftsreisenden Economy. Nach Ihrer Logik teilen die Unternehmen das also nach "kann sich benehmen" und "kann es nicht" auf? Von bestimmten Reisezielen wie Malle rede ich mal nicht - aber das sind ja auch eher keine Geschäftsreiseziele. Nebenbei - es bleibt Ihnen ja unbenommen, weiter First zu fliegen, die will ja keiner abschaffen.
Klar, eine Charakterfrage ist das nicht. Es ist aber einfach so, je mehr Menschen auf engem Raum zusammenhocken und je gestresster diese durch die ganzen Umstände sind, desto eher gibt's Ärger.
4. Reisen in der Premium Economy
horstmann11 02.11.2011
Zitat von sysopDie Economy-Klasse ist zu unbequem, doch Business oder First zu teuer? Für Fluggäste, die ein bisschen mehr Luxus wollen, haben viele Fluggesellschaften eine Zwischenklasse eingeführt. Zielgruppe sind vor allem Geschäftsreisende - doch die Angebote unterscheiden sich stark. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,795395,00.html
Das Problem der Unbequemlichkeit und Enge wird nur dann zufriedenstellend gelöst sein, wenn neben der größeren Beinfreiheit auch die Einengung des verfügbaren Raums durch die Sitzverstellung des Vordermannes entfällt. Sofern das nicht gelöst ist ist die Premium Economy ein verfehltes Produkt. Sitzmodelle dazu gibt es, die dem Vordergrund dennoch eine Veränderung seiner Sitzposition ermöglichen.
5. Economy
eigene_meinung 02.11.2011
Das Reisen in der Economy bedeutet für einen normal großen Menschen heutzutage eine Körperverletzung. Aber leider zwingen große Firmen ihre Angestellten, selbst Langstrecken mit Economy zu fliegen - wie sollten sie auch sonst die hohen Boni für die Bosse finanzieren? Economy plus (oder wie auch immer das jetzt heißt) ist keine Alternative, da die Firmen das auch nicht zahlen.
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