Reisen in Südkorea Auf Bustour mit paramilitärischen Hausfrauen

Südkorea hat mehr zu bieten als Olympische Spiele. SPIEGEL-ONLINE-Redakteure berichten von ihren Reisen durchs Land und ihren Abenteuern im Fußballstadion, auf der Fähre oder in der Karaoke-Bar.

Maria Feck

Immer am Limit von Sportredakteur Christian Helms

Natürlich ist es unseriös, sich nach einer vierwöchigen Urlaubsreise zu allgemeinen Aussagen über Land und Leute hinreißen zu lassen. Es bleiben immer nur Anekdoten - sogar, wenn sie sich so perfekt zusammenfügen wie die meiner Südkorea-Rundtour im Herbst 2011. Verbinden lassen sie sich durch ein gemeinsames Motiv: Besessenheit.

Die Akribie, mit der die köstlichen Beilagen auf den Nanometer gleichmäßig geschnitzt wurden. Die Gewissenhaftigkeit, mit der sie ihre Hauptstadt mit Flachbildschirmen ausgekleidet hatten. Das Bestreben, öffentliche Verkehrsmittel nicht minuten-, sondern sogar sekundengenau zu starten. Bei jeder Gelegenheit schien dieses Land 100 Prozent zu geben, im Job wie in der Freizeit.

Eine der vielen nationalen Obsessionen schien das Wandern zu sein: Unablässig stapften koreanische Kleingruppen durch die unzähligen wunderschönen Nationalparks des Landes. Hohes Tempo, volle Montur. Bunte Funktionskleidung als Uniform. Ein Volk wie aus einem Jack-Wolfskin-Prospekt.

Work, work, work - or drink, drink, drink

Von der Vulkaninsel Jeju fuhren wir damals viereinhalb Stunden lang auf einer 2500-Passagiere-Fähre zurück aufs koreanische Festland. Auf dem Oberdeck kamen wir ins Gespräch mit einer dieser Wandergruppen, die nach geleisteter Erholungsarbeit in wahnwitziger Geschwindigkeit Bier und Oktopussnacks auf den Tisch brachten.

Ein Mann namens Hae-Sin integrierte uns schnell in die Runde. Höflich nicken, ein paar Knabberfischchen, dann und wann einen Soju, den allgegenwärtigen Reisschnaps in den kleinen grünen Flaschen - das funktioniert in jeder Sprache.

Ich weiß nicht mehr alles von dieser Fahrt. Aber irgendwann, das ist hängen geblieben, sagte Hae-Sin mit ernster Miene: "Korean people work, work, work - or drink, drink, drink. No between."

Das traf es, genau das. Immer am Limit, wenn nicht sogar knapp darüber. Südkorea kennt nur ein oder aus - wenigstens wirkt es von außen so. Um die Zwischenzustände zu erkennen, dürfte man deutlich mehr als vier Wochen benötigen.


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"Radio Ga Ga" in der Karaoke-Bar von Wissenschaftsredakteur Holger Dambeck

Im Sommer 2014 war ich zum ersten Mal in Südkorea, um vom Kongress der International Mathematical Union zu berichten. Tagsüber bekam ich vom Land nur wenig mit, abends jedoch bin ich gemeinsam mit Wissenschaftlern und Kollegen durch das quirlige Gangnam gezogen, das moderne Viertel im Süden der Metropole - weltweit bekannt durch den Hit "Gangnam Style" des Sängers Psy.

An einem Abend wollten wir zu viert Karaoke ausprobieren. Ich kannte das aus Japan, wo man sich für ein, zwei Stunden eine kleine Kabine mietet, in der man in kleiner Runde Pophits ins Mikro singt. Karaoke-Bars müsste es auch in Seoul massenhaft geben, dachte ich. Doch in der belebten Seitenstraße voller Pubs, Bars und Restaurants unweit der Metrostation Gangnam konnten wir nirgends den Schriftzug "Karaoke" entdecken.

Schließlich sprach ich einen jungen Koreaner auf Englisch an. Erst schrieb er mir das Wort auf Koreanisch auf, damit wir selbst danach schauen konnten. Dann aber suchte er mit uns zusammen und fragte noch andere Passanten, bis er schließlich eine Werbung an einem Haus entdeckte: In einem der oberen Stockwerke war eine Karaoke-Bar - er begleitete uns netterweise bis nach oben.

Aus den Lautsprechern dröhnte billigster Midi-Sound

Wie sich herausstellte, war gerade keine Karaoke-Kabine für uns frei. Doch unser neuer Freund reservierte uns einen Raum etwa eine Stunde später. Wir bedankten uns bei ihm für seine Hilfe - mangels Koreanisch-Kenntnissen hätten wir die Bar kaum selbst gefunden.

Eine Stunde später grölten wir dann "Californication" und "Radio Ga Ga", während aus den Lautsprechern billigster Midi-Sound dröhnte und auf dem riesigen Monitor eine Frau im Bikini am Strand spazieren ging. Wie bei jedem zweiten weiteren Song auch. Spannend fanden wir die Lichteffekte in der Kabine. Auf jedem Handyfoto waren unsere Gesichter in anderen Farben beleuchtet.

Das Singen hat großen Spaß gemacht - schade, dass es von solchen Karaoke-Bars in Deutschland nur wenige gibt.


Fußballstadion von Suwon
Tim Pommerenke

Fußballstadion von Suwon

Stadionbesuch: Tteokbokki statt Bratwurst von Sportredakteur Tim Pommerenke

Am besten lernt man eine Stadt kennen, wenn man sich ein Fußballspiel anguckt. Das ist meine Reisephilosophie. Um das Spiel geht es dabei nicht zwingend, sondern um: den Weg zum Stadion, das Wuseln vor Anpfiff, die Art, wie die Zuschauer das Spiel begleiten, die Bars in denen sie nach Abpfiff Siege oder Niederlagen begießen.

Keiner hat Lust, etwas für Touristen zu inszenieren. Alles ist echt. In Seoul war zur Zeit unseres Aufenthalts keine Partie angesetzt. Aber die Stadt Suwon sei, so sagte man uns, ganz bequem per Bahn zu erreichen. Dann eben: Suwon Bluewings gegen die Pohang Steelers, K League.

Am Ende der zweistündigen Anreise wartete tatsächlich eine ganz eigene Welt. Die Fans waren dauereuphorisch, das Bier wurde in Plastikflaschen zu anderthalb Litern herausgegeben, und das Essensangebot war bemerkenswert variantenreich.

Daumengroße Reisnudeln mit scharfer Soße

Ich entschied mich für daumengroße Reisnudeln. Dass sie Tteokbokki heißen, erfuhr ich erst später. Dass die Soße, in der sie gereicht wurden, höllisch scharf ist, merkte ich hingegen direkt. Ein kleiner Schock für bratwurstsozialisierte Stadiongänger. Dass die Getränke so großzügig bemessen sind, hängt damit wohl nicht zusammen. Aber es half.

Das Stadion wurde speziell für die Fußballweltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea erbaut. Die gut 43.000 Plätze wurden seitdem vermutlich eher selten gefüllt, bei unserem Besuch zwölf Jahre danach nicht einmal ansatzweise.

Der guten Laune der Fans tat das keinen Abbruch. Sie feierten während des Spiels, angeheizt von Anime-Animationen auf der Anzeigetafel. Jede Auswechslung ein Ereignis. Nach dem Spiel trafen sie sich außerhalb des Stadions, schwenkten Fahnen und sangen gemeinsam. Die Abendsonne schien. Romantischer hatten wir Südkorea zu keinem anderen Zeitpunkt erlebt.

Aus der Freude nach dem Spiel schließe ich, dass Suwon das Spiel wohl gewonnen hatte. So genau kann ich das nicht mehr rekonstruieren. Das Drumherum hingegen hat bis heute Eindruck hinterlassen. Bei jeder Portion Tteokbokki denke ich gern daran zurück.

Grenzfall Grenzbesuch von Fotografin Maria Feck

Per Metro und Taxi fahren wir raus aus Seoul, Richtung Norden. Wir, das sind drei Journalistinnen und eine Übersetzerin, und wir wollen nach Panmunjom, zum einzigen Ort an der Grenze, an dem sich nord- und südkoreanische Soldaten direkt gegenüber stehen. Dorthin dürfen nur Ausländer und keine Südkoreaner.

Am Morgen haben wir noch herumgeblödelt, dass wir dort den US-Präsidenten Donald Trump treffen könnten, der sich gerade in Seoul aufhält. Während der Fahrt jedoch erhält unsere Übersetzerin eine E-Mail: "Leider müssen wir Ihren Besuch an der Grenze wegen hohen Staatsbesuchs absagen." Wir beschließen, es dennoch zu versuchen. An der mit Stacheldraht umzäunten "Brücke der Wiedervereinigung" stehen schwer bewaffnete Soldaten.

Die Übersetzerin spricht mit einem der Soldaten, sie lächeln. Als die Koreanerin nach wenigen Sekunden hastig zurück ins Auto steigt, erklärt sie jedoch: "Wir müssen sofort umdrehen. Er ist sehr, sehr böse." Der Taxifahrer bringt uns daraufhin in den Teil der Demilitarisierten Zone (DMZ), der für alle Touristen - auch südkoreanische - zugänglich ist.

Trumps Hubschrauber konnten wegen Nebel nicht fliegen

Für eine Tour durch die DMZ setzen wir uns in einen Bus mit einer Gruppe paramilitärischer Hausfrauen in Militäruniformen. Der Reiseleiter spricht Koreanisch. Sehr oft lachen die Fahrgäste, wir lachen mit, obwohl wir kein Wort verstehen. Von einem Aussichtsturm schauen wir auf die nordkoreanische Stadt Kaesong, auf einem Gebäude in der Nähe des Turms steht: "End of separation, beginning of unification": Ende der Teilung, Beginn der Wiedervereinigung.

Als wir am Abend in unsere Unterkunft in Seoul zurückkehren, erfahren wir: Wegen Nebel habe Trumps Hubschrauber nicht fliegen können. Er habe lange warten müssen und hätte dann seinen Besuch an der Grenze wieder abgesagt.

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