Backpacker-Trip mit Deutschen "Können wir bitte getrennt zahlen?"

Der Rucksack für den Asientrip ist gepackt - aber wer kommt mit? Onlineportale helfen bei der Suche nach passenden Reisebegleitern. Unsere Autorin hat es probiert. Und reist beim nächsten Mal lieber allein.

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Wer mit dem Rucksack in ferne Länder reist, ist abenteuerlustig, spontan und offen für Neues - mit dieser Annahme stürzte ich mich im vergangenen Herbst in die Onlinesuche nach einem Reisepartner. Ich wollte nach Südostasien, spannende Menschen kennenlernen, etwas erleben. Schnell fand ich die perfekte Begleitung. Das dachte ich zumindest und wurde einige Wochen und Tausende Flugmeilen später eines Besseren belehrt.

Auf der Onlineplattform "Reisepartner gesucht" entdeckte ich Franziska*, BWL-Studentin aus Bayern, die fünf Wochen mit dem Rucksack durch Thailand, Kambodscha und Vietnam reisen wollte. "Deine Reisepläne klingen wie meine Reisepläne," antwortete ich auf die Annonce. Nach kurzem Mailaustausch stand fest: Franziska und ich würden gemeinsam mindestens von Bangkok bis in Thailands Norden reisen.

In meiner Vorstellung bildeten wir ein erlebnishungriges Reiseduo. Doch schnell begann meine Fantasie zu bröckeln. Zunächst wurde aus dem Duo ein Trio: Max* aus Berlin würde uns zwei Wochen lang begleiten. Das erfuhr ich in einer kurzen Facebook-Nachricht. Dort fand auch sämtliche Kommunikation mit Franziska statt.

Abenteuer? Nicht mit der richtigen Planung!

Dann folgte eine Terminübersicht als Excel-Tabelle und die Einladung in eine Facebook-Gruppe mit - genau - noch mehr Deutschen: "Nehmt ihr eine Sicherheitsnadel mit, damit ihr die SIM-Karten im Handy tauschen könnt?" Hier wurden Überlebenstipps ausgetauscht, auch die Abendplanung für in frühestens acht Wochen stand bald fest. Einer der zukünftigen Reisenden hatte eine Liste mit Restaurantempfehlungen von seiner Ernährungsberaterin erhalten.

Irgendwie hätte ich schon zu diesem Zeitpunkt ahnen können, dass da was nicht passt. Ich wollte Menschen aus aller Welt treffen, überraschende Umwege und verknitterte Landkarten, die anderen wollten gutes WLAN, eine Tollwut-Impfung und Leute um sich, die sie schon im Voraus online abchecken konnten. Sechs Wochen vor Abflug erhielt ich eine Liste mit Hostel-Reservierungen bis Chiang Rai.

Allerspätestens in diesem Moment hätte ich erkennen müssen, dass mein ersehntes Abenteuer in der Planung für den Urlaub gar nicht vorgesehen war. Habe ich aber nicht, ich wollte meine große Reise nämlich nicht ganz allein beginnen. Also bedankte ich mich für die Organisation.

Anfang November traf ich dann in einem Hostel in Bangkok zum ersten Mal persönlich auf Franziska und Max. Franziska kränkelte etwas, hatte aber einen Medikamentenvorrat wie eine Kleinstadtapotheke dabei und Max' Interesse galt vor allem mit Alkohol gefüllten Strandeimern und der Frage, welche Thai-Frauen in Wirklichkeit Männer sein könnten.

Bloß nicht die Instagram-Follower enttäuschen

Sehenswürdigkeiten standen auch auf dem Programm, die wurden kurz und schmerzlos abgearbeitet. Die alten Tempel sehen doch eh alle gleich aus, genau wie die Asiaten - wurde mir zumindest von meinen Reisebegleitern mehrfach gesagt. Nach dem Sightseeing ging es für Franziska stets zurück aufs Zimmer. Schließlich war sie krank - und sie musste ihre hungrigen Instagram-Follower mit neuem Bildmaterial versorgen.

Mehrere Tausend Abonnenten werden bei Franziskas Reisebildern regelmäßig grün vor Neid. Zu Unrecht. Die vermeintliche Weltenbummlerin verbringt nämlich viel mehr Zeit damit, im abgedunkelten Hotelzimmer ihre Bilder zu bearbeiten und die trendigsten Hashtags zu googeln, als sich auf die fabelhaften Orte einzulassen, die sie besucht.

Auf dem Weg nach Norden sammelten wir natürlich weitere Deutsche ein. Man hatte sich ja schließlich auf Facebook verabredet. Und so walzten wir als deutsche Vertretung durch thailändische Straßen, ohne auch nur einen Menschen kennenzulernen, der nicht aus der Facebook-Gruppe stammte.

"Can we pay separately" - "Können wir bitte getrennt zahlen?" wurde der häufigste Satz des Urlaubs. Bei zwei bis drei Euro pro Mahlzeit hätte man das wohl auch anders regeln können. Als ich jedoch erlebte, wie eine meiner Mitreisenden mit einer Toilettenfrau um einen Baht stritt - umgerechnet nicht mal drei Cent - entschloss ich mich dazu, mein Experiment zu beenden.

Endlich allein

Nach zehn Tagen trennten sich unsere Wege und ich hatte noch fast fünf Wochen Abenteuer vor mir. Das begann dann mit dem Verlust meines Reisepasses und endete viele spannende Geschichten und tolle Begegnungen später in Hanoi - neuer Pass inklusive.

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Rucksacktour durch Südostasien: Allein reisen ist auch schön

Und die Moral von der Geschicht? Online-Reisepartner brauch' ich nicht. Franziska, Max und die anderen Mitglieder von Reisegruppe Sauerkraut waren alle nett. Nett und gut organisiert. Und sie haben mir die Augen geöffnet: Nicht jeder, der weit reist, ist neugierig, tolerant und will Menschen kennenlernen. Nicht jeder, der einen großen Rucksack durch die Welt schleppt, ist spontan und abenteuerlustig. Und die Menschen hinter Instagram-Reise-Accounts beneide ich heute kein bisschen mehr.

Im Frühling soll ein Wiedersehen stattfinden. Die Terminfindung erfolgte online. Für mich kommt keiner der Termine infrage, denn ich packe in dieser Zeit meinen Rucksack und nehme mit: einen zerknitterten Reiseführer und die Lust auf neue Umwege.

*Namen von der Redaktion geändert



insgesamt 142 Beiträge
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Seite 1
ansv 23.03.2017
1.
Eine Gruppenreise ist eine Gruppenreise - ob von Neckermann oder über Facebook organisiert. Warum das eine Überraschung sein soll, erschließt sich mir jetzt nicht...
Laola2014 23.03.2017
2.
Meine meiste Erfahrung von Backpackern,sind geil darauf moeglichst viele stempel in ihrem pass zu haben,wollen auf jeden fall alles was “touristisch“ ist vermeiden,obwohl sie ja selbst nur Gaeste sind und auch als solche angeschaut werden. Das mit del Feilscherei ist mir teilweise so auf den wecker gegangen. Da hat man ein Iphone und mag es dem strassenhaendler nicht goennen wenn er jetzr halt 50 cents mehr fuer seine Frucht bekommt,damit ee seinw 5 koepfige Familie durchbringen kann. Witzig auch die diskussionen uebere Umwelt,ja alles intern mit dem bus,fliegen ist ja so umweltschaedlich. Aber meistens erzaehlen sie dann stolz dass Sie einen super preis fuer ihren interkontinental flug ergattern konnten,mit 2 stoppovers und dafuer ca. 3000 flugkilometer mehr. Es gibt auch andere,die waren dann relaxed und nicht mit diesen “backpackern“ prinzipen behaftet
schkgld 23.03.2017
3. Glückwunsch Anna-Sophie,
du hast erkannt, was wirklich wichtig ist. Ich wünsche dir noch viele schöne Reisen, egal ob allein oder den passenden Freunden.
Le Commissaire 23.03.2017
4.
In Italien gibt es schon Restaurants, die explizit darauf hinweisen, dass an einem Tisch nicht separat bezaht werden kann. Zwar würde ich als Gastronom mehr Flexibilität zeigen, allerdings ist die Unsitte, unter Bekannten oder gar Freunden separat zu zahlen, derart peinlich, dass mir solche Schilder willkommen sind. Vielleicht begreifen es manche so dann doch noch einmal.
Morpheus Nudge 23.03.2017
5.
Noch 'ne Moral von der Geschicht: Lass Dich online auf nichts ein, bevor Du es nicht real verifiziert hast. Zu viele Menschen geben zu viel Müll von sich (bzw. machen nur PR für sich und halten mit vielem hinter dem Berg) und ob die Chemie stimmt, kann keine Onlinekommunikation klären, höchstens vielleicht ansatzweise Videochatting. "Persönlich kennenlernen" heißt die Devise. Mindestens via Videochat, am Besten aber in der realen Welt.
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