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Werbemail-Terror im Urlaub Betreff: Wir haben keine Ahnung

Stephan Orth

Von Stephan Orth


Irgendwo zwischen Ya'An und Shangli im chinesischen Niemandsland, in einem fürchterlich altersschwachen Bus der Marke Higer, erhalte ich aufs Handy eine E-Mail mit dem Betreff "Willkommen zu Hause".

Ich sitze eingezwängt zwischen zwei alten Frauen mit Wollmützen und schwer beladenen Flechtkörben, draußen ziehen Garküchen mit Sichuan-Gerichten vorbei und hupende Dreirad-Kleintransporter. Eltern tragen Babys mit Strampelhosen, die im Schritt offen sind, und alte Männer mit Gehstöcken befördern Getreidebündel nach Hause. Ein ganzes Dorf scheint auf dem kleinen Markt direkt an der staubigen Straße auf den Beinen zu sein, das pure Leben.

Willkommen zu Hause. Ein Satz, der einen Reisemoment in so etwas wie Poesie verwandeln kann, der plötzlich eine seltsame gutartige Melancholie auslöst und an einer tieferen Wahrheit rüttelt: weil es purer Genuss ist, vom Busfenster den Alltagstrubel von Menschen zu beobachten, die auf dem Feld und in Krimskrams-Shops arbeiten und nicht in keimfreien Büros. Weil ich mich unterwegs in rumpeligen Verkehrsmitteln bestens aufgehoben und tatsächlich ein bisschen Zuhause fühle.

Was bin ich doch für ein Glückspilz

Leider handelt es sich bei dem Absender um den Online-Reisevermittler Opodo und bei der Mail um eine automatisch generierte. Nach einer persönlichen Ansprache mit Namen werde ich darauf hingewiesen, dass ich nach meiner nun erfolgten Rückkehr bestimmt wieder Fernweh verspüre, weshalb es doch eine hervorragende Idee wäre, zu einem sehr günstigen Preis gleich den nächsten Flug zu buchen. Auch sei es zufällig gerade jetzt möglich, besonders preiswert Fotos bei einem Opodo-Partner entwickeln zu lassen. Hurra. Was bin ich doch für ein Glückspilz.

Mich irritiert nicht nur die Tatsache, dass ich gar nicht zu Hause bin, wie das Mailprogramm offenbar annimmt. Sondern auch - jetzt wird es ein bisschen kompliziert -, dass ich nach Wissensstand der Opodo-Computer selbst dann nicht einmal annähernd zu Hause wäre, wenn ich da wäre, wo mich die Reiseportalcomputer vermuten.

Vor ein paar Tagen habe ich telefonisch meinen Flug von Chengdu in China nach Rangun in Burma storniert. Der Mitarbeiter in Deutschland versicherte mir, das habe nun alles geklappt, ich bekäme dann knapp 40 Prozent des Reisepreises zurück (was etwa den Kosten des 14-minütigen Ferngesprächs mit ihm entspricht).

Gestern allerdings erhielt ich eine Mail mit der Frage, ob ich für meinen Rangun-Flug online einchecken wolle. Der sachliche Teil meiner Antwort bestand aus der Information, dass ich doch per kostenpflichtigem Hotline-Anruf storniert habe, ob da etwas schiefgelaufen sei? Eine Minute später teilten mir meine Lieblinge vom "Mail Delivery Subsystem" mit, dass es sich um eine noreply-Adresse gehandelt habe und nichts angekommen sei.

Die beruhigende Fehlbarkeit der Technik

Kurzer Wutanfall, bestimmt eine totale Überreaktion meinerseits, ich muss ein Einzelfall sein: Opodo wurde nämlich laut eigenen Angaben unter 1500 Onlineportalen zu demjenigen mit der besten Servicequalität gewählt. Es muss also ein bedauerlicher Zufall sein, dass ich schon mehrfach Ärger hatte. Vor ein paar Monaten wurden mir für einen Flug versehentlich 80 Euro zu viel abgebucht, was ich dem Reisevermittler sofort mit allen entsprechenden Belegen und Screenshots meiner Buchung mitteilte. Vier Monate später erhielt ich eine nicht unfreundlich formulierte Antwortmail, ob ich für den Vorgang irgendwelche Belege habe. Bis heute habe ich nichts von meinen 80 Euro gesehen.

Man muss fairerweise anmerken, dass auch die 1499 anderen Onlinereiseanbieter ihre Tücken haben. Hier eine Zusatzversicherung, dort 25 Euro für Visakartennutzung. Man hat das Gefühl, es werden schneller neue Flugvermittler mit Firmensitz in Holland oder Barbados oder Niue gegründet, als Verbraucherschützer "versteckte Zusatzkosten" sagen können.

Manchmal kommen dann eben unpassende Werbemails. Jetzt scheint Opodo zu denken, ich sei a) in Burma und b) dort zu Hause. Vielleicht sollten mal die Algorithmen der Mail-Automatisierung neu justiert werden. Immerhin heißt es im letzten Satz: "Wenn Sie den Flug nicht antreten konnten, betrachten Sie diese E-Mail bitte als gegenstandslos."

Vielleicht ist die Fehlbarkeit der Technik aber auch irgendwie beruhigend. Man stelle sich vor, die Botschaft "Willkommen zu Hause" träfe exakt in dem Moment ein, in dem man den Schlüssel in der Wohnungstür herumdreht. Das würde mich wirklich aus der Fassung bringen.

In dem chinesischen Bus habe ich noch ein paarmal auf die Betreffzeile geguckt, dann raus auf den Marktplatz und zu den grinsenden alten Frauen neben mir, die sich wie Kinder freuen über meine ungelenken Versuche, mit ihnen auf Chinesisch zu kommunizieren. Dann habe ich die Mail gelöscht.

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26 Leserkommentare
krautrockfreak 08.10.2015
krautrockfreak 08.10.2015
keksguru 08.10.2015
arnedererste 08.10.2015
PeterPan95 08.10.2015
kumi-ori 08.10.2015
DerVO 08.10.2015
luttz 08.10.2015
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criticalsitizen 08.10.2015
trinityguildhall 08.10.2015
criticalsitizen 08.10.2015
erschonwieder 09.10.2015

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