Reisespeisen Austern auf ex

Floridas "Forgotten Coast" trägt ihren Namen nicht grundlos. Touristen finden nur selten den Weg an diese Küste. Dabei ist sie ein Paradies für Liebhaber von Meeresfrüchten. Vor allem Austern gibt es reichlich. Und die genießt man hier auf amerikanische Art: ganz ohne Firlefanz.

Von Dominik Fehrmann


Sie kommen wegen der Austern und in T-Shirts und Shorts. Und wissen sich zu benehmen: ein Schulterklopfen zur Begrüßung, eine kurze Essensbestellung, noch im Stehen über den Tresen gerufen, und dann der Gang zum meterlangen Kühlregal, in dem die Getränke stehen. Schließlich der gezielte Griff nach dem Flaschenöffner, der mannshoch an einem Holzpfeiler hängt. "Die meisten Kunden sind Stammgäste", sagt Jim McNeill, der Besitzer der Indian Pass Raw Bar. "Das hier ist nicht gerade ein Ort, an dem jemand zufällig vorbeikommt."

Nur wenige Fremde verschlägt es überhaupt in diese Gegend. "Forgotten Coast" heißt der Landstrich rund um die kleine Hafenstadt Apalachicola im Nordwesten Floridas, fernab aller Vergnügungsparks, Rentner-Residenzen und Miami-Vice-Kulissen. Es ist eine dicht bewaldete und dünn besiedelte Gegend. Wer sie auf dem Highway 98 durchquert, sieht unterwegs mehr totgefahrene Gürteltiere als lebende Menschen.

Die C-30A ist nur eine Nebenstrecke des Highway 98. Eine unausgeschilderte Straße, die dem Verlauf der Küste folgt; eine schmale Schneise durch den Kiefernwald, der hier bis ans Meer reicht. Irgendwann zweigt von der C-30A die C-30B ab, hinunter zur Apalachicola Bay und zur Ortschaft Indian Pass, einer Hand voll vereinzelter Häuser. An dieser Abzweigung steht ein altes weißes Holzgebäude. Eine Tankstelle ohne Zapfsäulen. Ein Saloon ohne Schwingtüren. So sieht es aus.

Jims Großvater hat das Gebäude in den 1920er Jahren errichtet. Er führte darin einen Krämerladen für die Arbeiter, die in den umliegenden Wäldern Terpentin gewannen. Als es in den 1940er Jahren mit der Terpentinindustrie bergab ging, verlegten sich die McNeills auf den Austernhandel. Jims Vater pachtete Austernbänke in der Apalachicola Bay und verkaufte die Austern von hier aus en gros nach ganz Florida, nach Alabama und Georgia. So lief es bis 1985, bis Hurrikane "Kate" mit ganzer Wucht über die "Forgotten Coast" hinweg zog und einen großen Teil der McNeill'schen Austernbestände zerstörte. Mit dem, was übrig blieb, ließ sich kein Großhandel mehr betreiben. Da kam der junge Jim auf die Idee, in dem Gebäude eine Raw Bar zu eröffnen.

Sogar Johnny Cash war schon da

Inzwischen ist Jim 50 und die Indian Pass Raw Bar die berühmteste Raw Bar der Gegend. Und die Gegend ist nicht arm an solchen Lokalen. Wie in anderen Küstenregionen der USA gibt es auch an der "Forgotten Coast" etliche dieser traditionellen Lokale, die in schlichtem Ambiente fangfrische Austern servieren. Schließlich zählt die Apalachicola Bay zu den bedeutendsten Austernrevieren der Neuen Welt. 90 Prozent aller Austern in Florida und 10 Prozent aller Austern in den USA stammen von hier. Vor allem in den feinen Restaurants der großen Südstaaten-Städte steht die Apalachicola-Auster wegen ihres milden Geschmacks hoch im Kurs.

Auch einige Raw Bars der Gegend setzen mittlerweile auf Haute Cuisine. Versuchen es mit weißen Tischdecken und Stoffservietten. Und servieren ihre Austern mit Pilzen, Artischocken oder Spargel. Solcher Firlefanz kommt bei Jim nicht auf den Tisch. Bei ihm gibt es die Austern nach wie vor auf dreierlei Art: roh, gedünstet und überbacken. Und weiterhin an ungedeckten Gartentischen aus weißem Kunststoff. Beständigkeit, sagt Jim, sei der Schlüssel zum Erfolg. "Die Leute kommen wieder, weil sie wissen: Hier bleibt alles wie gehabt - das Angebot, die Qualität, die Atmosphäre."

Es sind nicht nur Einheimische, die immer wieder kommen. Auch Leute von außerhalb, wenn sie gerade in der Gegend sind. Geschäftsleute, Football-Spieler, Country-Musiker. Selbst Johnny Cash war mal da. Längst hat sich herumgesprochen, was Jim da draußen an der C-30A betreibt. Ein Lokal mit erstklassigen Austern und der Eleganz einer Hallenbad-Cafeteria. In dem die Gäste zum Schluss an der Kasse selbst angeben, was sie gegessen und getrunken haben. "Es kommt vor, dass einer schon wieder zu Hause ist, meilenweit entfernt, und dann noch mal umkehrt, weil er vergessen hat, ein Bier zu bezahlen", sagt Jim. "So läuft das hier."

Irgendwie leben alle von den Austern

Es läuft nicht schlecht. Gegen Abend wird es meist proppenvoll. Dann legen Jims Angestellte hinterm Tresen ihre Austernmesser gar nicht mehr aus der Hand. Inzwischen versilbert Jim seinen kleinen Ruhm sogar und verkauft in seinem Lokal T-Shirts und Baseballkappen mit dem Firmenlogo.

Auch "Ed’s Red" gibt es hier zu kaufen, eine rote Pfeffersauce, die mit dem Slogan "An Oyster’s Best Friend" wirbt und bei Jim zu jeder Portion Austern gereicht wird. Jener Ed, erzählt Jim, habe auch mal in der Indian Pass Raw Bar gearbeitet, sich dann aber als Austernsaucenmacher selbständig gemacht. Es gebe nicht viele Jobs in dieser Gegend. Irgendwie lebten die meisten hier von den Austern.

Und während Jim so erzählt, in der Abenddämmerung auf einer Bank vor seiner Bar, tanzen die Mücken, und auf dem Parkplatz knirschen die zerstoßenen Austernschalen unter dem Gewicht der heranrollenden Pickup-Trucks.


Rezept für überbackene Austern à la Indian Pass Raw Bar

Zutaten: 12 frische Austern pro Person, Butter, Zitronensaft (aus der Flasche), Knoblauchgranulat (aus der Dose), geriebener Parmesankäse (aus der Tüte).

Zubereitung: Eine hitzebeständige Unterlage mit Alufolie bedecken. Die Austern fachgerecht mit einem Austernmesser aufbrechen. Die Austernhälften mit dem Fleisch nach oben nebeneinander auf die Alufolie legen. Mit Zitronensaft beträufeln, mit zerlassener Butter begießen, mit Knoblauchgranulat bestreuen und schließlich mit geriebenem Parmesankäse bedecken. Das Ganze im vorgeheizten Ofen bei 180 Grad Celsius etwa zehn Minuten backen. Dann stilecht mit Plastikgabel und einem Fläschchen Pfeffersauce servieren. Dazu getoastete, gebutterte Weißbrotscheiben und ein Bier reichen.

Reisespeisen: Link zu allen bisherigen Beiträgen.



insgesamt 15742 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Tom Berger 18.04.2005
1. meine Lieblingspasta
---Zitat von sysop--- Unideologisch, gewaltfrei (aber nicht gegen das Essen), nachvollziehbar: Außergewöhnliche Alltagsrezepte, die es in der Spiegel-Kantine so nicht gibt. Der Mensch ist, was er ist ißt. ---Zitatende--- Weil die Sonne gerade so schon herein scheint, mein absolutes Lieblingsrezept für Pasta, ideal für heisse Sommertage, in Nullkommanix gemacht und ein genialer Hochgenuss: Tagliatelle (Bandnudeln, am besten frisch gemacht) reife aromatische Tomaten schwarze Oliven reichlich Knoblauch reichlich Blattpetersilie, alternativ Rukola, für die sizilianische Variante statt dessen in Salz eingelegte Kapern (nicht die Salz-Essig-Wasser-Kapern aus dem Supermarkt!) Butter, Salz, Zucker Pfeffer Tomaten in grobe Würfel schneiden, Oliven entkernen und grob hacken, Blattpetersilie grob hacken, Knoblauch in feine Scheiben hobeln Bandnudeln kochen. Währenddessen Butter in einer Pfanne schmelzen, die Knoblauchscheiben zuerst, dann die Tomatenwürfel, Oliven und eventuell auch die Kapern hineingeben und nur bei allerkleinster Flamme köcheln. Falls die Tomaten nicht wirklich kräftig aromatisch sind, ein klein wenig Zucker zugeben. Die Tomaten werden nur lauwarm erwärmt und ziehen Saft, sie werden nicht gar gekocht! Wenn die Nudeln fertig sind, die Tomaten vom Herd nehmen und die Petersilie bzw den Rukola unterheben, salzen (entfällt bei Salzkapern) und pfeffern, das Sugo über die Bandnudeln geben und gleich servieren. Mahlzeit Tom Berger
Rainer Helmbrecht 18.04.2005
2. Zucchinipfanne
Ebenfalls beliebt im Sommer und bei Kindern. Zutaten: Hackfleisch, Zucchini, kl. Hörnchennudeln, Zwiebeln, jede Menge Knoblauch fein gehackt,etwas Petersilie (nach Geschmack),Fett zum anbraten. Als Gewürze: Pfeffer, Salz, Prise Zucker, Fondor oder was man mag, Piment d'Espelette (wirklich scharfen Paprika als Puder). Nudeln kochen ca.6 Min. Zwiebeln würfeln Zucchini kleine Streifchen Hackfleisch mit den Zwiebeln anbraten, Knoblauch dazu tun, Zucchini mit andünsten, 4 Minuten später die Nudeln (bereits gar) dazu, evtl. etwas Brühe, wenn es zu trocken ist (2-3 Esslöffel), gut abschmecken, ist quasi fertig, servieren und als Würze Maggi aus der Flasche nach Geschmack. Vielleicht mal experimentieren, aber zumindest Ihre Kinder werden es lieben, wir fühlen uns jedes mal sehr kindlich. Ein Fl. Wein dazu, für die Erwachsenen natürlich und Sie haben ein blitzschnelles Essen. Bon appétit.
Joachim Baum 30.04.2005
3. leicht indisch angehaucht
Beinahe ein BLOG, ich werde das gleich genau so kochen: Dal mit Reis, Fisch und Joghurt, alles auf eine Teller a) Dal: 1 TL Kurkuma Powder 1 TL Cumin Powder (Kreutzkümmel) 1 TL gemahlene Korianderkörner 1 TL scharfes Currypowder (Madras oder ähnl.) ca. 3 cm Ingwerknolle, fein gerieben 2 EL Butterfett 2 Tassen Dal Salz Vorgenannte Gewürze (ohne Salz) in etwa 2 Esslöffel Butterfett (Ghee) anschwitzen, dann 2 Tassen Dal (geschälte Kichererbsen), alternativ rote Linsen (kürzere Kochzeit!) hinzugeben und ebenfalls kurz anschwitzen. Reichlich Wasser zugeben, zum Kochen bringen und köcheln lassen. Wer es schön scharf haben will (ich z.B.), gibt noch 2-3 getrocknete Chillyschoten, zwischen den Fingern zerrieben, hinzu. (Danach sollte man sich nicht mehr ins Gesicht fassen, vor allem nicht die Augen reiben, also gründlich die Hände waschen). Das ganze braucht eine gute Stunde – oder auch länger, je nach Größe der Hülsenfrüchte - zum garen. Wichtig ist regelmäßiges Umrühren und Wassernachgießen, die Hülsenfrüchte saugen sehr viel Wasser auf, es besteht Gefahr des Anbrennens. Wenn die Hülsenfrüchte ihre Form verlieren, das Ganze richtig schön breiig wird, ist die Sache fertig. Gegen Ende des Kochvorgangs Salzen nach belieben. b) Reis: 2 Tassen Langkornreis (z.B. Basmati) in Wasser (gut ein Fingerbreit über dem Reis) mit einem TL Salz und wer es mag, 3-4 schwarze Kardamonsamen zum Kochen bringen, einmal umrühren, die Ofenplatte ausmachen und ca. 20 Minuten zugedeckt dort stehen lassen. Danach ist der Reis gar, ob man es glaubt oder nicht, schön locker und noch körnig. c) Fisch: Fischfilets 1 TL Cury Powder frischer Zitronensaft Weißwein Lauchzwiebel Salz Ich nehme dazu gefrorene Lachsfilets. Menge nach Mäuler. Lachsfilets auftauen lassen, dunkle Stellen herausschneiden. Mit Zitronensaft, Salz und Weißwein etwa eine Stunde marinieren, man kann auch jetzt schon einen TL Curry Powder und kleingeschnittene Lauchzwiebeln hinzugeben. Neutrales Öl, ca. 3 Esslöffel, im Topf erhitzen, die Filets allseitig kurz andünsten und mit der Marinade einschließlich Lauchzwiebeln angießen. Mit Weißwein bis Oberkante Filets auffüllen, kurz aufkochen lassen. Nach zwei bis drei Minuten dürften die Filets gar sein. d) Yoghurt: Möglichst fetten Yoghurt, (schmeckt einfach viel besser) mit Zitronensaft, gemahlenen Korianderkörnern (ca. 3 TL für 300 ml), feingeschnittenen Lauchzwiebeln verrühren und mit Salz abschmecken. Je schärfer man das Essen macht, umso mehr Yoghurt wird man essen wollen. e) Ich mache noch als Beilage Tomaten- und Zwiebelscheiben (von großen Gemüsezwiebeln) die ein wenig mit Öl und Salz angemacht sind. Wenn es wirklich scharf geworden ist, sollte man auch nur Wasser (ohne Kohlensäure!) dazu trinken ;-). So, mir ist beim Schreiben das Wasser schon reichlich im Mund zusammengeflossen, nun ran an den Herd.
Nik Humenko, 30.04.2005
4.
Hallo Herr Baum, ---Zitat von Joachim Baum--- So, mir ist beim Schreiben das Wasser schon reichlich im Mund zusammengeflossen, nun ran an den Herd. ---Zitatende--- Mir auch. Das Rezept muss ausprobiert werden. Danke:)
Cisco, 01.05.2005
5. Frankfurter Grüne Soße
Man gehe zum Gemüsehändler seines Vetrauens und erwerbe ein Packet mit den Kräutern zur Frankfurter Soße. Kräuter mit dem Wiegemesser klein hacken und nicht im Mixer zerkleinern, das ist unfein und außerdem nur faule Socken greifen zu schwerem Gerät. Den kleingehackten Kräutern einen Becher unbehandelten Naturjoghurt (500 g) und einen Becher Schmand (150 g) zufügen, eine kleingehackte Zwiebel, evtl. zwei ausgepresste Knoblauchzehen und Kapern, mit Pfeffer und Salz abschmecken. Grüne Soße ißt man zu neuen Kartoffeln, hartgekochten Eiern, Schnitzel, Maischolle usw. Am Göttlichsten ist jedoch die Kombination von grüner Soße und frischem Spargel, dazu ein Rheingauriesling, was will der Mensch mehr?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.