Reiseziel Baltistan: Die Schönheit der Gefahr

Aus Baltistan berichtet

Die höchsten Berge der Welt, abgrundtiefe Schluchten, hinter jeder Biegung eine andere Landschaft: Die Region Baltistan ist ein Naturwunder. Doch sie liegt im terrorgeplagten Pakistan, deshalb kommt kaum ein Reisender hierher. Zwei Festungen, umgebaut zu Hotels, sollen das nun ändern.

Baltistan: Berge, Gletscher, Kriegsgebiet Fotos
Hasnain Kazim

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Khaplu/Shigar/Skardu - Kann man in ein Land reisen, in dem im vergangenen Jahr bei 212 Terroranschlägen 3700 Menschen starben? Drohnenangriffe und Bandenkrieg in Karatschi nicht eingerechnet? Man kann, behaupten die Mitarbeiter von zwei Hotels, die in alten Festungen in Baltistan, einer Region im Norden Pakistans, entstanden sind.

Amjad Ali sagt, wer nach Baltistan wolle, brauche starke Nerven und viel Zeit. Ali ist Kellner im Restaurant des Khaplu-Forts, er kennt die Menschen, die hierherkommen, in die Berge. "Das sind Leute, die Gipfel erklimmen wollen. Verrückte." Er lacht. "Ich mag diese Leute. Durch sie habe ich schließlich Arbeit."

Tatsächlich braucht man starke Nerven, weil die einzige Flugverbindung nach Skardu, dem Hauptort der Bergregion im Nordosten Pakistans, mit einer uralten Boeing 737 von Pakistan International Airlines bedient wird. Der knapp einstündige Flug von der Hauptstadt Islamabad, vorbei an über 8000 Meter hohen Bergriesen, gilt als einer der anspruchsvollsten der Welt, sagen Piloten.

Anreise per Auto nicht zu empfehlen

Und man braucht viel Zeit, weil die planmäßig ein bis zwei Flüge täglich regelmäßig mehrere Stunden Verspätung haben und bei ungünstigen Wetterbedingungen oft mehrere Tage lang überhaupt nicht stattfinden. Skardu liegt in einem engen Tal. Wenn die umliegenden Berge in einer Wolkendecke verschwinden, darf die Maschine nicht landen: Wenn nicht mindestens zwei Stunden klare Sicht vorausgesagt sind, gibt es keine Landeerlaubnis.

Es kann also passieren, dass man tagelang in Baltistan feststeckt. Das Auto ist da nur in Ausnahmefällen eine Alternative, eine Fahrt nach Islamabad dauert bis zu 24 Stunden über zum Teil holprige Bergstraßen. Und die Strecke führt durch Gebiete, in denen es in den vergangenen Monaten immer wieder unruhig zuging: Überfälle, Entführungen, Kämpfe zwischen Sunniten und Schiiten. "Derzeit braucht man für die Fahrt eine behördliche Genehmigung", sagt Ali. Er rät von der Autofahrt ab - vor allem Ausländern. Auch das Auswärtige Amt empfiehlt: "Reisen dorthin sollten bevorzugt auf dem Luftweg durchgeführt werden."

Wer den Flug auf sich nimmt, erlebt einen faszinierenden Flecken Erde: Mehrere Achttausender liegen in der Region oder in ihrer Nähe (K2, Broad Peak, Gasherbrum I und Gasherbrum II, Nanga Parbat) und ungezählte namenlose sechs- und siebentausend Meter hohe Berge. Es gibt Pappelalleen und Pappelwälder, Wüstenebenen in zwei-, dreitausend Metern Höhe, weite Blumenwiesen, Bergseen, die längsten Gletscher der Welt (Siachen, Biafo und Baltoro) und reißende Flüsse in zum Teil mehrere hundert Meter tiefen Schluchten.

Felsbrocken so groß wie Kathedralen

Es ist eine schroffe Schönheit, eine Schönheit voller Gefahren. Die Straßen sind wenig gesichert, Fahrer müssen sehr aufmerksam sein. Gelegentlich stürzt ein Wagen ab. Gefahr droht auch von oben: Felsbrocken so groß wie Kathedralen brechen hier schon mal ab und donnern auf die Straße.

Als noch Reisegruppen kamen, waren sie von Frühling bis Herbst hier, wenn die Temperaturen 25 bis 30 Grad erreichen. Im Winter dagegen ist es kaum auszuhalten bei bis zu minus 40 Grad. Die Einheimischen verbringen dann monatelang die meiste Zeit dick eingehüllt in Wollkleidung und Fellen vor ihren Lehmöfen.

Seit dem 11. September 2001 ist der Tourismus in Pakistan nahezu komplett eingebrochen. Nach Baltistan kommen, wie Ali sagt, nur noch ein paar Bergsteiger, die von Skardu aus ihre Expeditionen starten.

Selbst die Einheimischen haben ihre Dörfer zu Tausenden verlassen in den vergangenen zehn Jahren, haben ihr Glück gesucht in den Großstädten. "Ich war in Karatschi, drei Tage Busreise entfernt", sagt Ali. Dort hat er mehrere Jahre lang in Fast-Food-Restaurants gearbeitet. "Das arme Baltistan ist noch ärmer geworden, es gibt hier so gut wie keine Arbeit."

Jetzt steht er im Restaurant des Khaplu-Forts, einer alten Festung im Ort Khaplu, mitten in Baltistan, und grinst. Als er hörte, dass hier Mitarbeiter gesucht würden, packte er sofort seine Sachen und ging zurück. "Jetzt bin ich wieder zu Hause." Ali ist Anfang 30, er ist in Khaplu zur Welt gekommen, ein hagerer Mann mit geölten, schwarzen Haaren und warmen Augen. Er liebt sein Baltistan.

Wirtschaftsfaktor Hotel

Das Khaplu-Fort und das Shigar-Fort, beide zwei Autostunden voneinander entfernt und von Skardu aus über kurvige Holperwege erreichbar, sollen Touristen in die Region Baltistan locken. Am liebsten wäre den Baltis sowieso, wenn Flüge aus dem Ausland direkt in Skardu landen würden. "Dann müsste niemand mehr über Islamabad fliegen", sagt Ali. Schon jetzt reden sie hier gern vom "internationalen Airport", doch der Flughafen ist weit davon entfernt, modern zu sein. Das Gepäck wird noch per Hand an die Passagiere ausgehändigt.

Die Aga-Khan-Stiftung, eine der größten privaten Entwicklungsorganisationen der Welt und Betreiberin der Hotelkette Serena, hat zwei zerfallene Festungen mit finanzieller Hilfe aus Norwegen wieder hergerichtet und zu Hotels gemacht. Hier arbeiten nur Einheimische, und es werden, so weit es möglich ist, nur Produkte aus der Umgebung verwendet. "Wir kochen viel mit Aprikosenöl und Walnüssen", sagt Ali.

An der Spitze der Stiftung steht der Milliardär Prinz Karim al-Husseini, 76, religiöses Oberhaupt der Ismaeliten, einer schiitischen Minderheit, die im benachbarten Hunza-Tal beheimatet ist. In Khaplu leben außerdem viele Nurbakhshi, eine andere schiitische Abspaltung. "Unser Ziel ist es, in dieser Region eine Attraktion für Touristen zu bieten und außerdem die einheimische Wirtschaft zu beflügeln", sagt eine Sprecherin der Stiftung.

Kein Zimmer in dem Hotel gleicht dem anderen, die Decken sind manchmal so tief, dass man gebückt gehen muss, und gelegentlich stößt man sich an Holzbalken den Kopf. Dafür wohnt man wie ein König in Zimmern mit Blick auf Berge und Täler, in verwinkelten Gebäuden. Im Winter sind die beiden Festungen geschlossen, wie alle Hotels. In der Kälte kommt ohnehin niemand freiwillig hierher.

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Märchenwiesen
Layer_8 28.02.2013
Zitat von sysopDie höchsten Berge der Welt, abgrundtiefe Schluchten, hinter jeder Biegung eine andere Landschaft: Die Region Baltistan ist ein Naturwunder. Doch sie liegt im terrorgeplagten Pakistan, deshalb kommt kaum ein Reisender hierher. Zwei Festungen, umgebaut zu Hotels, sollen das nun ändern. Reiseziel Baltistan in Pakistan: Die Schönheit der Gefahr - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/reiseziel-baltistan-in-pakistan-die-schoenheit-der-gefahr-a-884451.html)
Oh Pakistan! August 1989, kurz vor dem Berliner Mauerfall, vor unendlichen Zeiten also, reiste ich ab nach Pakistan. Es war kein jugendlicher Leichtsinn. Neben großartigen archäologischen Plätzen (z.B. Moenjo Daro, wohl durchaus vergleichbar mit Sumer und Babylon) und historischen Mogulstädten (Lahore) war die dortige Bergwelt einzigartig, mit coolen Leuten, die dort lebten, zumindest damals :-/ Baltistan ist bis heute als einzigartig in meine Erinnerungen eingebrannt! Am deutschen "Schicksalsberg" Nanga Parbat gabs da wirklich ein Ort, der "Fairy Meadows" hieß, und so war es auch! Pakistan war ein durchaus fantastisches Reiseland, welches wohl nur passionierten Alpinisten bekannt war und vom Massentourismus verschont blieb. Schade, wie sich diesbezüglich die Zeiten wohl zum Schlechteren geändert haben :-(
2. ...
deus-Lo-vult 28.02.2013
Zitat von sysopDie höchsten Berge der Welt, abgrundtiefe Schluchten, hinter jeder Biegung eine andere Landschaft: Die Region Baltistan ist ein Naturwunder. Doch sie liegt im terrorgeplagten Pakistan, deshalb kommt kaum ein Reisender hierher. Zwei Festungen, umgebaut zu Hotels, sollen das nun ändern. Reiseziel Baltistan in Pakistan: Die Schönheit der Gefahr - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/fernweh/reiseziel-baltistan-in-pakistan-die-schoenheit-der-gefahr-a-884451.html)
Genau. Und sobald Touristen dorthin kommen, müssen diese Angst vor Anschlägen und Entführungen haben. Bestimmt ein großer Anreiz, seinen Urlaub dort zu verbringen.
3. Die traumhaftestes....
boulderniete 28.02.2013
...Gegend in der ich je war. Unglaublich gastfreundliche Menschen und Berge die auch Nichtbergsteiger faszinieren dürften (http://boulderniete.blogspot.de/2011_10_01_archive.html). Ich mache mir aber wenig Sorgen, dass wegen 2 Hotels jetzt die Touristenströme nach Skardu ziehen werden und dieses so ursprünglichen Reiseziel "versauen" werden, dafür sorgt schon die restliche Berichterstattung vom Spiegel und den anderen deutschen Medien. Schlecht für die Einheimischen, gut für die Touristen die den Weg trotzdem finden.
4. Danke Islam...
AcrossTheUniverse 28.02.2013
...das Du den Menschen dieses Gift ins Gehirn spritzt und den Menschen dort alle Freude nimmst (und gute Einahmen) und es uns nicht möglich machst, dort Urlaub zu machen!
5. 2012
daenyo 28.02.2013
Meine Freundin und ich haben im Sommer 2012 eine Reise in den Norden von Pakistan unternommen. Wir waren und sind immer total begeistert von den Landschaften und der Freundlichkeit der Menschen. Das einzige Problem sind allerdings, wie auch in dem Artikel von Hasnain steht, die Straßen. Da große Teile des Karakorum Highways ständig bzw. gerade erneuert werden, ist jede Strecke mit dem Auto/Bus eine ziemliche Tortur. Wir haben die Strecke Islamabad bis nach Gilgit über Skardu und dem Nanga Parbat Basecamp per Bus bzw. Jeep zurückgelegt und haben sogar mehr als 24h auf dem Rückweg nach Islamabad gebaucht. Abgesehen von den Straßenverhältnissen habe ich mich allerdings niemals beroht oder unsicher gefühlt und kann nur meine EMpfehlung für eine Reise in den Norden Pakistans aussprechen. hier mein Reisebericht: Pakistan | Daenyo Photography (http://daenyo.de/2012/08/16/pakistan/)
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REUTERS
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