Restaurant in Bangkok: Zappelnder Fisch im Einkaufswagen

Von "Mare"-Autor Carsten Stormer

Einkaufen wie beim Discounter, essen wie im Kühlraum und zahlen wie im Grandhotel: Mit seiner ganz eigenen Form von Fusion-Cuisine überrascht ein Seafood-Lokal in Bangkok. Ihre Menüwünsche werfen die Kunden selber in den Einkaufswagen - manche der Zutaten zucken sogar noch.

Seafood-Mensa in der Sukhumvit-Straße: "If it swims, we have it", lautet das Werbemotto Zur Großansicht
Kiên Hoàng Lê

Seafood-Mensa in der Sukhumvit-Straße: "If it swims, we have it", lautet das Werbemotto

Ein riesiger, rot leuchtender Neonhummer begrüßt Besucher in einer Seitenstraße von Bangkoks Sukhumvit-Straße, der Metropolenlebensader voller Huren, Straßenhändler, Garküchen, Souvenirbuden und Touristen. Die XXL-Reklame prangt über dem Eingang zum "Seafood Market and Restaurant", die Geschäftsidee kommt von einem Chinesen. Der gründete das Restaurant 1969, und es erfreut sich besonders bei Touristen großer Beliebtheit.

Die Idee: Man shoppt mit Einkaufswagen wie im Supermarkt, lässt sich dann den Fisch in der Küche zubereiten und isst wie in einem Restaurant. 50 Köche, 42 Bedienungen und 128 Tische für knapp 1500 Gäste - eine Seafood-Kantine mit Massenabfertigung und dem Charme einer Lidl-Filiale. Am Eingang schwenken Köche ihre Woks in der offenen Küche, drinnen stehen künstliche Orangenbäume vor Teichen mit echten Goldfischen, von der Decke hängen Clown- und Schwertfische aus Plastik, und aus den Boxen haucht Elvis "Now or Never". Na denn mal los.

Hummer aus Maine oder Jakobsmuscheln aus Australien?

Ein aufgeregter Kellner in bordeaux-roter Livree, die zwei Nummern zu groß ist, begrüßt mich, faltet die Hände vor der Brust und verbeugt sich. Herzlich willkommen in Thailand. Dann zieht er mich zu einer schönen Thailänderin, die schon mit einem Einkaufswagen vor der Fischtheke auf mich wartet. Ball heiße sie, sagt sie, aber das sei nicht ihr richtiger Name. Der lautet Yupaporn und ist für ungeübte Zungen schwer zu artikulieren.

Also Ball, das können sich die Touristen leichter merken. Sie trägt ein enges, lilafarbenes Kostüm, das ein bisschen an einen Pinguin erinnert, zaubert ein umwerfendes Lächeln auf ihr schönes Gesicht und nimmt mich ins Schlepptau. Was ich denn begehren würde? Sie sagt tatsächlich "desire". Hummer aus Maine, für 80 Euro das Kilo? Krebsbeine aus Alaska, 75 Euro? Tigershrimps, Jakobsmuscheln, Zackenbarsch, Krabben, Monstershrimps aus Australien? Das Preisniveau liegt irgendwo zwischen "Mandarin Oriental" und "Sheraton". Nur, das hier ist ein kalter Saal in rotem und blauem Neonlicht.

Hinter der Fischtheke stehen große Aquarien und Bottiche, in denen Fische dümpeln. Davor steht eine Gruppe Touristen aus Norwegen, in Hawaiihemden und Bermudashorts, die Digitalkameras im Anschlag, Blitze zucken. Ich zeige auf diesen und jenen Fisch, Ball wirft alles in den Einkaufswagen, in ein paar Tüten zappelt es noch.

Ich rausche an einem Deutschen vorbei, dessen einheimische Bekanntschaft ihn mit einem Hummer fotografiert, den er sich an die Brust quetscht. Ich frage aus Spaß nach Haifischflossen, und Ball blickt nervös auf ihre Schuhe. "Walhai vielleicht?" "Nein, das auch nicht", sagt Ball, kichert und zupft verlegen an ihrem Pinguinkostüm. "Schildkröte?" Okay, ich gebe es auf. Elvis ist inzwischen bei "Love Me Tender" angelangt, der Einkaufswagen ist voll, Ball sieht glücklich aus, und ich bin hungrig.

Russen mit blonden Damen, Araber mit Turban

Auf dem Display der Kasse erscheint ein Betrag, der eine zehnköpfige Familie in Thailand eine Woche lang satt machen könnte. Die Gebühr für die Zubereitung des Gerichts wird nach dem Essen präsentiert. Ich schlucke, und für einen Augenblick ist mein Appetit verflogen. Zackenbarsch, Shrimps und Gemüse wandern zurück zur Theke, Balls Lächeln wirkt plötzlich ein bisschen gequält. Nur von den Jakobsmuscheln will ich mich nicht trennen.

Ball übergibt mich an einen Kellner, der an einen Tisch führt, Hände vor die Brust gefaltet, Verbeugung, das ganze Programm thailändischer Freundlichkeit. Die Klimaanlage ist auf arktische Temperaturen eingestellt. An meinem Nachbartisch streitet eine indische Familie darüber, wer die letzte Krabbe verputzen darf. Elvis ist von Rod Stewart abgelöst worden, der durch den Saal segelt.

Ich versuche, nicht an den Preis meines Mahles zu denken, vergnüge mich stattdessen damit, Tischnachbarn zu beobachten, einen Potpourri der Weltbevölkerung. Dort sitzen Russen mit blonden, toupierten Damen, Araber mit Turbanen, ältere Männer mit jungen asiatischen Schönheiten und japanische Geschäftsleute im Anzug. Thailänder sehe ich nicht. Ach ja, das Essen kam irgendwann auch. Es war gar nicht mal schlecht.

Seafood Market and Restaurant
Sukhumvit Soi 24, Sukhumvit Road, Bangkok;
Telefon: +66 (0)226120715;
geöffnet täglich von 11.30 bis 24 Uhr;
www.seafood.co.th.

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1. na ja
noodles66 23.12.2011
ich besuche diese Lokation seit ca. 10 Jahren unregelmäßig und muss sagen, in diesem Artikel wurde die journalistische Freiheit recht arg strapaziert. Vielleicht sollte der Autor mal wirklich im Oriental essen und bezahlen oder am Wochenende die Einheimischen im fish market treffen.
2. Der Autor hat nicht richtig hingeguckt
digitalesradiergummi 23.12.2011
Zitat von noodles66ich besuche diese Lokation seit ca. 10 Jahren unregelmäßig und muss sagen, in diesem Artikel wurde die journalistische Freiheit recht arg strapaziert. Vielleicht sollte der Autor mal wirklich im Oriental essen und bezahlen oder am Wochenende die Einheimischen im fish market treffen.
so hat er nicht gemerkt, dass es sich bei den thaländischen Schönheiten tatsächlich um Thalländer handelt, so gibt er an, keine gesehen zu haben. Der breite thailändische Bevölkerung ist das ganze einfach nicht lecker genug. Sie gehen an die Büdchen vor den Einkaufzentren, oder wie Sie sagen zu den Fischmärkten, oder in so Land/Wanderarbeiterrestaurants.
3.
DMenakker 23.12.2011
Zitat von sysopEinkaufen wie beim Discounter, essen wie im Kühlraum und zahlen wie im Grandhotel: Mit seiner ganz eigenen Form von*Fusion-Cuisine überrascht ein Seafood-Lokal in Bangkok. Ihre Menüwünsche werfen die Kunden selber in den Einkaufswagen - manche der Zutaten zucken sogar noch. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,803772,00.html
Und was ist daran jetzt neu, ausser dass es zu überhöhten Preisen im Touri Viertel passiert? Thailand mag nicht ganz die Fischtradition haben, wie andere Länder, aber dass man sich seinen Fisch selbst ( und natürlich lebend ) aussucht ist in weiten Teilen Asiens normal. In China kannes gene passiern, dass man auf sein Alligatorsteak warten muss, weil gerade ein neues Tier aus dem Teich gezerrt wird. Frische garantiert, man kann schliesslich zuschauen.
4. Und noch eine Frage...
Werner655 23.12.2011
Zitat von DMenakkerUnd was ist daran jetzt neu, ausser dass es zu überhöhten Preisen im Touri Viertel passiert? Thailand mag nicht ganz die Fischtradition haben, wie andere Länder, aber dass man sich seinen Fisch selbst ( und natürlich lebend ) aussucht ist in weiten Teilen Asiens normal. In China kannes gene passiern, dass man auf sein Alligatorsteak warten muss, weil gerade ein neues Tier aus dem Teich gezerrt wird. Frische garantiert, man kann schliesslich zuschauen.
Und noch eine Frage: Steht Bangkok noch immer unter Wasser? Wird das Seafood aus dem stehenden Hochwasser rausgesiebt? Ziemlich nervig diese abgehobenen Artikelchen im Rahmen eines wie auch immer gearteten Sponsorships. Ignorant über deutlich wichtigere und interessantere Themen hinweg gehend, erfüllen sie vermutlich auch ihre Aufgabe als "Stehsatz". Nach dem Motto: das kann man immer bringen. Sind die politischen Redaktionen in Thailand schon im Urlaub?
5. Toller Artikel
denisdiderot 24.12.2011
Klasse wenn ein Themenmagazin wie Mare einen Artikel ueber ein 'Fast Food' Restaurant schreibt, in dem wie er selbst sagt keine einheimischen essen... welches normalerweise schon ein Anzeichen, einer nicht gastronomischen Feinkost, ist. Um in etwa auf dem selbigen Niveau weitere Artikel zu publizieren, empfehle ich fuer das naechste Mal einen Test ueber den FishMac zu schreiben... Ich habe gehoert, dass es sich dabei um einen hochgenuss der Fischkultur handelt. Tip am Rande gibt es in jedem McDonalds :) Achja vielleicht sollte man dem Autor sagen, dass bei den Preisen die Kellnerin inkludiert ist :) Es handelt sich ja bei der Sukhumvit um die Hurenstrasse... Und 'Haifischflosse' ist uebrigens der Code dafuer - deswegen der nervoese Blick auf die Schuhe :) In diesem Sinne Petri Heil!
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Bevölkerung: 68,139 Mio.

Fläche: 513.000 km²

Hauptstadt: Bangkok

Staatsoberhaupt: König Bhumibol Adulyadej

Regierungschef: Armeechef Prayuth Chan-ocha (seit 22. Mai 2014)

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