First-Nation-Lokal in Vancouver Bison-Burger gegen das Vergessen

Der Lachs ist von kanadischen Ureinwohnern geangelt, Beeren und Kräuter sind entlang des Yukon gepflückt. In Vancouver feiert Kanadas einziges indianisches Restaurant Erfolge - und hat damit einen Trend gesetzt.

Von Oranus Mahmoodi

Corbis

Fischsuppe aus Pazifiklachs, dann Wildwurst mit Blaubeeren auf Haferrisotto, dazu ein Senfraukensalat mit getrockneten Streifen vom Moschus-Ochsen und zum Schluss ein Sorbet aus Saskatoon-Beeren - so etwa klingt ein Menü bei Salmon n'Bannock. Das kleine Bistro in Vancouver ist Kanadas einziges indianisches Restaurant und ein Ort, an dem eine unterdrückte Kultur wiederbelebt wird.

Das unscheinbar wirkende Lokal am West Broadway ist der Laden von Inez Cook, Sie trägt Kurzhaarfrisur, die Lippen sind knallrot, die Fingernägel grellgelb angemalt. Cook ist eine Nuxalk, ihr Volk ist in British Columbia angesiedelt. In Kanada werden die indigenen Völker offiziell als First Nations bezeichnet.

Die 53-Jährige wuchs in der Zeit des "Sixties Scoop" auf, so hieß in den Sechzigerjahren ein Programm der kanadischen Regierung mit dem Ziel, "den Indianer im Kind zu töten". 20.000 First-Nation-Kinder wurden bis in die späten Achtzigerjahre gegen den Willen der Eltern zur Adoption freigegeben. Ihnen war es verboten, ihre Sprache zu sprechen, ihre Lieder zu singen und zu tanzen.

Inez Cook: Als Kind zwangsweise zur Adoption freigegeben
Oranus Mahmoodi

Inez Cook: Als Kind zwangsweise zur Adoption freigegeben

Sie habe sogar Glück gehabt, dass sie als Baby adoptiert wurde, sagt Cook. Über 150.000 First-Nation-Kinder wurden in sogenannte Residential Schools gesperrt. Wer in so einem Internat war, nennt sich heute "Überlebender der Residential School". Immerhin sei sie von ihrer Adoptivfamilie nicht misshandelt worden, sagt Cook. Dennoch sei sie der Kultur ihrer Vorfahren entfremdet - erst als erwachsene Frau habe sie angefangen, sich mit ihr zu beschäftigen.

Und auch mit der indianischen Küche. Bevor Cook 2010 das Salmon n'Bannock eröffnete, kannte sie kein einziges First-Nation-Gericht. Doch dann trat sie in Kontakt mit den Ureinwohnern in ganz Kanada - es gibt über 600 offiziell anerkannte Stämme -, und sie recherchierte Rezepte vom Yukon-Territorium im Nordwesten des Landes bis nach Ontario im Osten.

Allerlei Ungezüchtetes kommt im Salmon n'Bannock auf die Teller: Kartoffeln in Gelb und Violett, Wildreis, frisch gepflücke Wiesenkräuter. Aber bei aller Liebe, die in den schmackhaften Salaten und Veggie-Kreationen steckt: Richtig glücklich schlemmen sich hier vor allem Fleisch- und Fischesser.

Fisch von indianischen Anglern

Zwei Köche filetieren in der offenen Küche gerade einen Lachs, ein Haufen frischer Fische liegt auf der Arbeitsplatte daneben - es duftet nach Meer. Cook serviert einem Gast einen Bannock-Lachsburger - die Spezialität, nach der das Restaurant benannt ist. Ein Bannock ist ein Weizenfladen mit mürber Konsistenz. Er schmeckt so sehr nach nichts, dass der zwischen dem Brötchen liegende Pazifiklachs seine Aromen perfekt entfalten kann.

Der wilde Fisch wird täglich von indianischen Anglern geliefert. "Ich kaufe meine Zutaten nur bei First Nations", sagt Cook. Das gelte auch für den Wein, der von einer indigenen Weinkellerei in British Columbia komme, sowie für die wilden Kräuter und Saskatoon-Beeren. Sie werden in den unwegsamen Wäldern des Yukon River speziell für das Salmon n'Bannock gesammelt.

Nicht nur die Lieferanten, sondern auch Cooks Geschäftspartner Caudron sowie alle Mitarbeiter des Lokals stammen von Ureinwohnern ab. Die Küche der First Nations komme auch bei Gourmets an, sagt Cook. "Wir fühlen uns geehrt, endlich unsere Kultur präsentieren zu dürfen."

An den dunkelroten Wänden des Bistros hängen Trommeln und Bilder mit indianischen Motiven. Cook und ihre Leute haben einen Trend in Vancouver gesetzt. "Die Küche der kanadischen Ureinwohner ist inzwischen richtig in Mode gekommen", sagt die Inhaberin. Tatsächlich haben hier auch Restaurants mit nicht indigenen Chefs First-Nation-Gerichte auf der Karte, unter anderem das Edible Canada.

Wild-Blaubeer-Wurst? Wunderbar!

In Vancouvers Gastro-Rankings ist Cooks Bistro häufig unter den besten zehn Läden. Angesichts der hohen Dichte an Spitzenrestaurants kann sie sich zu Recht freuen. Australier, Italiener und Inder schwärmen in Online-Foren vom Salmon n'Bannock. Sie loben die Wild-Blaubeer-Wurst, den Bison-Burger und die Steaks von Elch und Thunfisch. "Dies ist ein Ureinwohner-Laden, der die Ureinwohner-Küche zelebriert", schreibt ein Gast im Bewertungsportal Tripadvisor. "Wunderbar!" Ein anderer kommentiert: "Es war richtig cool, unseren Kindern auf diese Weise die Kultur der kanadischen Ureinwohner näherzubringen."

Einheimische und Touristen lieben Cook dafür, dass sie die Geschichte Kanadas zum Geschmackserlebnis macht. Doch die Geschäftsfrau beharrt darauf, dass ihr Erfolg nichts mit ihrer Biografie zu tun hat. "Wir sind ein kleines Bistro mit 30 Sitzen und haben Reservierungen aus aller Welt", sagt Cook, "und das hat nichts damit zu tun, dass wir First Nations sind."

Dass sie vom Volk der Nuxalk abstammt, habe sie in ihrem eigenen Bistro erfahren, sagt Cook. Das war vor vier Jahren. Cook nannte im Gespräch mit einer Kundin zufällig die Namen ihrer Eltern - und erlebte die Überraschung ihres Lebens: Die Frau war eine Verwandte.

Bei einem Potlatch, einer indianischen Zeremonie, wurde Cook wieder in das Volk der Nuxalk aufgenommen. Ihre Eltern sind tot, aber nun hat die Kanadierin jede Menge Familienmitglieder, die sie nach alten Kochrezepten ausfragen kann. "Unsere Kultur sollte ausgerotten werden", sagt Cook. Aber sie lebt weiter. Zwischen Hudson Bay und Vancouver Island. Und zwischen Burgerbrötchen.

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insgesamt 17 Beiträge
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frenchie3 05.02.2016
1. Eigentlich hört man nie was
von den Ureinwohnern Kanadas. Es ist unglaublich daß es solche Programme noch in den 1960ern gab. Na ja, auf jedem Fall klingt die Küche nach meinem künftigen Lieblingsrestaurant. Wenn nur der Anfahrtsweg nicht so elend lang wäre. Mal sehen, die Beringstraße soll ja gerüchteweise demnächst neu geteert werden
dschungelmann 05.02.2016
2. Traurig......
das die Verbrechen an den kanadischen Ureinwohnern bis heute verschleiert werden und wurden. Nur langsam kommt das wahre Ausmass der Unterdrueckung ans Licht. Schoen, das wir darueber gesprochen haben. In Australien haelt die Unterdrueckung und Diskriminierung bis heute an.
henrikb1 05.02.2016
3. Interessant
Ich lebe und arbeite zur Zeit in British Columbia. Das werde ich mir mal anschauen. Ich wuensche der Dame und ihren Mitarbeitern viel Glueck. MfG
Minette 05.02.2016
4. Sehr interessant
dieser Artikel. Auch ich wußte nichts von der Unterdrückung der Ureinwohner durch den Staat. Das sollte kommuniziert werden. Ich als ungebildeter Europäer finde allerdings den Ausdruck "First Nations" viel besser als indigene Völker. Ich lasse mich gern belehren, falls das diskriminierend ist....
abc. 05.02.2016
5. glücklich schlemmen sich hier vor allem Fleisch- und Fischesser
Kein Wunder, heißt Vegetarier in der Landessprache doch nichts weiter als "erfolgloser Jäger". Der Rest ist sicherlich zum Großteil Marketing, wenn auch kein schlechtes, denn spätestens seit den 80ern hat niemand mehr die Nativs davon abgehalten, sich etwas aufzubauen bzw. ihre Herkunft angemessen zu bewahren und vermarkten. Da sind sich auch viele selbst ein bisschen im Weg gestanden, bzw. tun es immer noch.
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