Ein Jahr Road-Trip zur WM "Was wir erlebt haben, kann man nicht kaufen"

15 Monate lang fuhren Richard und Clemens Meyer im ausgebauten Geländewagen von Nord- nach Südamerika. 55.000 Kilometer und 16 Länder später sind die Brüder angekommen - bei der Fußball-WM in Brasilien.

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Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Ein Road-Trip mit dem Bruder zur WM in Brasilien - das klingt nach dem Traum vieler Männer. War eure Tour schwer zu realisieren?

Richard: Wir haben uns in den Jahren davor jeden Cent für die Reise abgespart. Wenn wir uns mal einen Gin Tonic gegönnt haben, konnten wir den gar nicht genießen. In unserer Freizeit waren wir ausschließlich mit Planen und dem Ausbau unseres Land Rovers beschäftigt, den wir extra gekauft hatten. Klar hat das Spaß gemacht, aber wir hatten ja beide einen Fulltime-Job. Das zehrt schon an den Nerven.

SPIEGEL ONLINE: Ein Jahr auf Tour - wie seid ihr auf die Idee gekommen?

Clemens: Den Gedanken hatten wir schon lange: Ein Jahr aussteigen, zusammen mit dem Auto durch die Wildnis fahren, ohne feste Route, einfach los. Als Brasilien vor sieben Jahren als WM-Land gewählt wurde, war das die Gelegenheit. Wir sind riesige Fußballfans, zusammen besitzen wir 40 Trikots. Ich habe am Ende meinen Job gekündigt, Richard hat ein Sabbatical-Jahr eingelegt. Und im Mai 2013 ging's los.

SPIEGEL ONLINE: Wie habt ihr den Land Rover getunt?

Clemens: Weil wir lange Strecken durch die Wildnis fahren wollten, war unser Ziel, immer autark zu sein. Also haben wir uns einen Kühlschrank ins Auto gebaut und eine Solaranlage. Außerdem ein paar Schränke, Schubladen und eine Küche. Und wir haben uns ein Dachzelt gekauft, um auf dem Auto schlafen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Was war der schönste Moment auf der Reise?

Richard: Als wir in Baltimore das Auto aus dem Hafen abgeholt und unsere Rucksäcke reingeworfen haben und die ersten Meter gefahren sind - das war das absolute Freiheitgefühl.

Clemens: Es gab viele wunderschöne Momente. Die ersten fünf Monate sind wir fast nur in der Wildnis gewesen, in Kanada und Alaska, und haben dort im Auto geschlafen. Das war jeden Tag aufs Neue toll. Und dann sind wir den ganzen Pazifik von der Westküste bis nach Mexiko abgefahren und an jedem Strand surfen gegangen. Wenn man im Wasser auf dem Brett sitzt, das Meer ist kristallklar und man sieht Delfine neben sich - diese Bilder brennen sich ein.

Richard: Oder Peru! Wir haben uns dauernd für Fifa-Karten beworben. Dann waren wir im Hochland in Peru in einem Minidorf und die hatten tatsächlich Internet. Wir hatten eine E-Mail von der Fifa. "Sie haben Karten für Deutschland gegen Ghana und gegen die USA, für das Achtelfinale und Finale." Wir sind komplett ausgerastet. Mit uns war noch ein US-Amerikaner im Zimmer. Der hat überhaupt nichts verstanden und einfach seine Kamera draufgehalten. Der Kerl hat gemerkt: Großes war gerade passiert (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Seid ihr in gefährliche Situationen geraten?

Clemens: In Honduras und Mexiko gab es häufig Straßensperren. Teilweise wussten wir gar nicht, wer das war - irgendwelche Leute mit Maschinengewehren und schusssicheren Westen. Die haben uns zwar durchgewunken, aber das war schon unheimlich.

Richard: An den Grenzen haben wir oft erzählt, dass wir Brüder sind und zur WM fahren. Das kam immer gut an. In Mexiko haben wir den Polizisten viel Glück gewünscht für ein Qualifikationsspiel gegen Neuseeland. Da war die Kontrolle beendet, und wir haben nur noch über Fußball gesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Was war das schlimmste Erlebnis?

Richard: In Oregon hatten wir einen Unfall, eine Frau ist uns hinten draufgefahren. Niemandem ist etwas passiert, aber unser Auto war total kaputt: Das ganze Heck war zermatscht, die Stoßstange war zerbogen, der Auspuff hing an der Antriebswelle. Wir dachten: Das war's jetzt.

Clemens: Wir haben uns dann mit dem Einsatzleiter der freiwilligen Feuerwehr angefreundet, der nach dem Unfall vor Ort war. Der fand uns offenbar sympathisch. Er hat uns drei Tage lang zu sich nach Hause eingeladen und in der Nacht noch mit einem Bagger und einer Eisenkette unsere Stoßstange zurechtgebogen. Das war eine unglaubliche Gastfreundschaft. Vor der Reise hätte ich nicht gedacht, dass es so nette Leute gibt.

SPIEGEL ONLINE: Wie freundlich sind die Brasilianer?

Richard: Die geben sich echt Mühe. Ich wurde im Supermarkt angesprochen von einem Mann, der meinte: "Den Käse, den du da in der Hand hast, gibt's woanders besser und billiger. Ich kann dich hinfahren, wenn du willst." Ungefragt wirst du hier angesprochen: "Ihr wollt ins Stadion? Geht lieber nicht diesen Weg, der ist gefährlich. Nehmt den anderen."

SPIEGEL ONLINE: Ist die WM so, wie sie ihr euch vorgestellt hattet?

Clemens: Absolut. Es sind so viele Fans aus allen möglichen Ländern hier, die eine riesige Party miteinander feiern. Die Befürchtungen hinsichtlich unfertiger Stadien und mangelnder Sicherheit treffen nicht zu, alles ist ziemlich gut organisiert. Okay, manche Snackbude wurde erst während der ersten Spiele gebaut, die Anbindung an die Stadien ist teilweise nicht ganz fertig geworden. Aber das alles tut der Stimmung keinen Abbruch. Nur dass hier überall bewaffnete Polizisten stehen, ist vor allem für Neuankömmlinge heftig.

Richard: Die Einheimischen sind zwiegespalten. Zum einen wurmt viele die massive - in den Augen der Brasilianer - Geldverschwendung im Zuge der WM, zum anderen ist der Optimismus hinsichtlich des Titelgewinns durch die durchwachsenen Leistungen der Selecao etwas gedämpft. Trotzdem feiern sie mit uns. Nach der Übertragung der Spiele auf den Fanfesten wird nahtlos in eine Forro-Party übergegangen, die die ganze Nacht andauert. Wir sind auch euphorisch: Dadurch, dass wir seit Jahren davon träumen, und nun sogar Finalkarten in der Tasche haben, möchten wir alles - nämlich unsere Mannschaft im Finale siegen sehen. Dann wäre es perfekt!

SPIEGEL ONLINE: Was habt ihr euch vor der Reise erhofft?

Clemens: Abstand zu gewinnen und herauszufinden, was ich beruflich machen will. Ich weiß jetzt, dass es weiter Maschinenbau sein wird. Auch, weil meine Begeisterung für Technik Teil der Reise war.

Richard: Heiraten, Doppelhaushälfte - das war nie mein Ding. Ich habe gehofft, dass ich zur Ruhe komme, wenn ich so viel gesehen habe und mich mit einem bürgerlichen Leben anfreunden kann. Das dürfte aber schwer werden, wenn ich bald in München zur Arbeit muss und an dem Rover vorbeigehe, mit Dachzelt und Kühlschrank. Mal sehen, wann die Lust aufs Abenteuer wieder kommt.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel habt ihr insgesamt ausgegeben?

Richard: Für das Auto und die ganze Reise jeder ungefähr 30.000 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Viel Geld. Bereut ihr es?

Richard: Nein. Wir würden alles zu 100 Prozent genau so wieder machen. Unsere Freunde kaufen sich zwar gerade Eigentumswohnungen, und wir sind komplett abgebrannt. Aber das, was wir erlebt haben, kann man mit Geld nicht kaufen.

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insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
helmut.alt 04.07.2014
1.
Tolle Reise, tolle Abenteuer! Aber wie kamen die Brüder mit dem Auto von Panama nach Kolumbien? Geht nur per Schiff. Kostenpunkt?
Dieter62 04.07.2014
2. Wenn man jung ist
sollte man sowas mal machen. Haben auch viele, zumindest aus der Nach 68er Generation. Amerika eignet sich sehr gut(als Doppelkontinent) weil die dort auf Durchreisende touristisch eingerichtet sind und es halt viel zu sehen gibt, vor allem auch landschaftlich. Am besten ist es übrigens, wenn man ganz alleine geht, weil man dann einen ausgezeichneten Sprachkurs im Preis inbegriffen erhält und leichter Kontakt zur Bevölkerung bekommt. Gute Spanisch und Englischkenntnisse können dann im Beruf hilfrich sein. Nur aufpassen, und nicht zuviel örtliches Wasser trinken, sonst bleibt man dort.
mangostin 04.07.2014
3.
schönes Interview, aber das Alter der beiden hätte mich interessiert
MartinS. 04.07.2014
4. ...
Zitat von mangostinschönes Interview, aber das Alter der beiden hätte mich interessiert
32 und 28 - steht über dem eigentlichen Interview ;)
wochenendeifler 04.07.2014
5. Freiheit
Das ist die Freiheit die ich meine. Sehr stark.
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