Roadtrip durch Westafrika Zwei Menschen, zwei Jahre - ein Traum?

Aus geplanten sechs Monaten wurden zwei Jahre: Lena Wendt und Ulli Stirnat aus Hamburg fuhren mit ihrem Landrover durch Westafrika. Ihre Erlebnisse zeigen sie bald in einem Film - der auch düstere Dinge nicht ausspart.

Lena Wendt/Ulrich Stirnat

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Sie: chaotisch, ungebremst, abenteuerlustig. Er: ruhig, organisiert, vorsichtig. Lena Wendt und Ulli Stirnat könnten kaum unterschiedlicher sein. Seit rund fünf Jahren sind die beiden 32-jährigen Hamburger ein Paar. Nach einem Jahr Beziehung zogen sie zusammen: Hamburg-Eimsbüttel, sanierter Altbau, Hund, beide tolle Jobs - es war perfekt. Dachten sie. Zehn Monate später bekam Ulli Burnout und Lena die Krise.

Also doch alles anders. Für Lena war schnell klar: Sie wollte weg. Dorthin, wo ihr Herz sie hinzog: nach Afrika. Ulli war sich nicht so sicher, was er wollte. Eigentlich auch irgendwie weg. Zwar eigentlich lieber nach Südamerika, aber man muss ja Kompromisse machen. Im Spätsommer 2014 kauften sich die beiden einen alten Landrover, kündigten ihre Jobs als Journalistin und Medizintechnikingenieur und vermieteten ihre Wohnung unter.

Von einer Auszeit träumen viele - aber wie schafft man den Absprung?

Lena Wendt: Ich benutze zwar oft das Wort "einfach", aber einfach war es nicht. Es gehört viel Mut dazu, sein Leben zu verändern. Wir waren gerade in eine tolle Wohnung eingezogen, und ich hatte einen super Job. Eigentlich war alles okay. Ich habe aber gespürt, dass es nicht das Richtige für mich ist. Ich habe mich immer am lebendigsten gefühlt, wenn ich auf Reisen war. Dieses Gefühl wollte ich auch in meinen Alltag übertragen, konnte es aber nicht.

Ulli Stirnat: Jeder hat seine eigenen Beweggründe für eine Auszeit - f ür die einen ist es die Abenteuerlust, für die anderen die große Unzufriedenheit. Der Antrieb kann positiv oder negativ sein. Mein Burnout hat mich dazu gezwungen, mich mehr mit mir und meiner Lebenssituation zu beschäftigen. Es hat da auf allen möglichen Ebenen nicht gestimmt, also musste ich etwas ändern. Die Reise war dann Lenas Vorschlag. Wir hatten ja beide durch unsere Jobs ein ganz gutes finanzielles Polster.

Zur Person
  • Lena Wendt/ Ulrich Stirnat
    Ulrich Stirnat und Lena Wendt, beide 32 Jahre, sind ein Paar aus Hamburg. 2014 brachen die Journalistin und der Medizintechnikingenieur gemeinsam auf und fuhren zwei Jahre lang mit ihrem Landrover durch Westafrika. Mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne finanzieren sie einen Film. Ende des Jahres soll "Abgefahren - Zwei Menschen. Zwei Jahre. Ein Traum." in die Kinos kommen - und nicht nur ihre Abenteuer zeigen, sondern auch die Schönheit Afrikas.

Lena, abenteuerlustig, und Ulli, unzufrieden, beschlossen, sechs Monate lang die Westküste Afrikas bis ganz hinunter nach Südafrika zu fahren - Lenas Traum. Danach sollte der Landrover nach Südamerika verschifft werden - Ullis Traum. So der Plan.

Bereits in Marokko blieben die beiden mehr als zwei Monate, es folgten ein weiterer Monat in Mauretanien und zwei Monate im Senegal. So langsam dämmerte es den beiden, dass ein halbes Jahr für die Strecke recht knapp bemessen war. Kein Problem für Lena.

Und Ulli? Der hatte ganz andere Probleme.

Ulli Stirnat: Ich habe am Anfang noch gar nicht geschnallt, wie lange wir eigentlich schon unterwegs waren. Alles war so aufregend und schön - und auch stressig. Wir waren oft komplett auf uns alleine gestellt. Ich hatte das Gefühl, ich müsste die Planung übernehmen, das Auto reparieren, immer war irgendwas.

Lena Wendt: Ulli hatte immer das Gefühl, er muss für uns beide die Verantwortung tragen. Das war für mich natürlich bequem, und ich habe dann viele Dinge auf ihn abgewälzt. Ich bin ein super chaotischer Mensch, der meist den einfachen Weg geht und nichts vorab plant. Wir kannten uns noch nicht gut, als wir losgefahren sind. Wie eine Person wirklich ist, merkt man erst, wenn man unterwegs ist und sie jeden Tag erlebt.

Was das Paar jeden Tag erlebte, brachte die beiden zunächst eher auseinander als zusammen: Lena freute sich, wenn sie in ein Dorf fuhr und sofort Kinder angerannt kamen und auf das Autodach kletterten - Ulli war genervt. Lena jubelte, wenn der Landrover mitten in der Wüste im Sand steckenblieb - Ulli machte sich Sorgen, ob sie jemals wieder rauskommen würden. Ulli war genervt, dass Lena sich um nichts kümmerte, und Lena war genervt, dass Ulli genervt war. Der Roadtrip wurde zur Zerreißprobe.

Fotostrecke

22  Bilder
Film "Abgefahren": 46.000 Kilometer durch Westafrika

Ulli Stirnat: Wir sind dauernd aneinandergeraten. Wir haben Dinge unterschiedlich wahrgenommen, falsch kommuniziert. Wir konnten oft nicht damit umgehen, dass wir so unterschiedlich sind. Und wir haben uns keine Mühe gegeben, den anderen zu verstehen.

Lena Wendt: Ich habe gemerkt, wie sehr es mir manchmal gefehlt hat, mit einer dritten Person zu reden. Die Afrikaner, die wir unterwegs kennengelernt haben, waren kulturell einfach zu unterschiedlich. Also haben Ulli und ich versucht, uns zusammenzureißen, haben immer wieder Krisengespräche geführt, aber auch viel runtergeschluckt. Hätten wir das Auto nicht gehabt, hätten wir uns getrennt. Den anderen einfach hängen lassen, war keine Lösung.

Im Senegal lief dem Paar ein Hundewelpe zu. Ayo begleitete das Paar fortan. An der Grenze zu Guinea kamen sie nicht weiter: geschlossen wegen Ebola. Auch durch Sierra Leone und Liberia durften sie wegen der Epidemie nicht fahren. Also außenrum: In Mali gerieten sie mitten in die Regenzeit - ihr Dachzelt schimmelte. In der Elfenbeinküste surften sie an weißen Traumstränden und fühlten sich zum ersten Mal heimisch.

Die Route von Ulli und Lena: Zwei Jahre durch Westafrika

Nach insgesamt neun Monaten, einer Mittelohrentzündung, Parasiten und Würmern, Verdacht auf Malaria und mit zwei verschimmelten Kopfkissen erreichten sie Ghana. Zeit für eine Pause. 207 Tage lang. Wie es von hier weitergehen sollte, wusste keiner von beiden. Ulli wollte umdrehen, Lena weiterfahren.

Ein Schicksalsschlag brachte sie wieder näher zusammen.

Lena Wendt: Der Wendepunkt war in Ghana. Ayo wurde von einem Krokodil getötet. Das war traumatisierend und hat uns gleichzeitig wieder näher zusammengebracht - weil da ein Mensch war, der deinen Schmerz verstehen konnte. In Afrika ist Tod ein beinahe alltägliches Thema. Die Menschen gehen anders damit um, sie haben beschlossen, nicht mehr so viel zu weinen. Und so haben sie das auch von mir erwartet. Ich kam mir unter all meinen Tränen so dumm und hilflos vor. Ohne Ulli wäre ich zusammengebrochen.

Ulli und Lena fanden wieder zueinander. Aus den geplanten sechs Monaten Roadtrip wurden knapp zwei Jahre. In Südafrika kamen sie nie an. Stattdessen kehrten sie in Ghana um und fuhren auf dem Rückweg doch noch durch Liberia und Sierra Leone.

dbate-Reportage: Familie fünf Jahre auf Roadtrip

dbate

Ulli Stirnat: Auf der Reise haben mir meine Freunde gefehlt. Als wir nach Hause kamen, habe ich mich sehr auf mein soziales Umfeld gefreut. Dann kam die nüchterne Erkenntnis, dass es irgendwie nicht mehr passte. Ich konnte nicht mehr über die gleichen Dinge lachen und habe mich fremd gefühlt. Ich war erschrocken über das gehetzte Leben und dass niemand kurz innehält. Vor der Reise hatte ich kein Gefühl dafür, was es heißt, zu reisen - nach der Reise hatte ich kein mehr Gefühl dafür, was es heißt, an Ort und Stelle zu sein.

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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
Papazaca 27.02.2018
1. Ähnliche Reise, andere Erfahrungen
Vor einigen Jahren habe ich eine ähnliche Reise unternommen. In fast 3 Jahren war ich in 24 Ländern, von Mali bis zum Kongo, allerdings ohne Auto und alleine. Der Anlass war auch zu viel Arbeit, aber auch Interesse. Und Neugier und Liebe zu Afrika. Das Ergebnis so einer langen Reise läßt sich nicht so einfach in ein paar Zeilen fassen. Deshalb fasse ich mich kurz. Ich habe viele verschiedene Menschen kennengelernt, haben oft in Dörfern gelebt, habe morgens die Kindern weinen hören, wenn sie mit zu kaltem Wasser in einer Plastikschüssel gebadet wurden. Oder war auf vielen Beerdigungen in Ghana, leider wurde auch ein Freund begraben. Es war ein ganzer Kosmos, von Fischern, Farmern, Musikern, illegalen Goldsuchern bis zu Touristen. Es ging um Kirche und Glauben, Essen und Krankheiten - eine komplexe Zeit. In erster Linie ging es aber um Afrika und Afrikaner, ich war eher ein beiläufiger Gast. Auf den Begriff Selbsterfahrung wäre ich nicht gekommen, obwohl, natürlich, erfährt und spiegelt man sich in dieser so anderen Welt. Inzwischen wohne ich in Westafrika. Und je mehr ich kenne, desto weniger verstehe ich mich als der große Experte, der der Welt Afrika erklären kann (oder will). Und das, obwohl ich sicher eine gute Idee habe ... Aber eben nicht mehr! Ich werde mir den Film ansehen, bin gespannt.
a.usemann 27.02.2018
2. Wow!!!!
Wie mutig! Wie aufregend! Wie unersetzlich das, was geblieben sein wird! Afrika ist ein großer Lehrer und ich beneide die beiden um die lange Zeit dort und um ihren Mut, alles dafür stehen und liegen gelassen zu haben. Ich bin Anfang 50 und denke auch darüber nach, meine Traumreise würde allerdings nur bis Mali führen und tue ich es? Noch lautet die Antwort "nein". Gleichzeitig sind es die Tage in Afrika, die mir in jedem Detail nicht aus dem inneren Auge verschwinden und die mich nähren. Ich wünsche den beiden großen Erfolg mit dem, was sie dort gelernt haben und dass das auch hier fruchten wird und viele inspirieren mag.
cannelloni 27.02.2018
3. Danke
Ich hatte auch meine Zeit der vielen und langen Reisen. Was mich an dem Bericht beeindruckt ist die Offenheit, die Fehlschläge einzugestehen und mitzuteilen. Ja, Reisen bereichert das Leben ungemein - aber eben vor allem durch die Fehlschläge und das, was man später daraus macht. Und das Gefühl, trotz dieser Fehlschläge so viel Schönes erleben zu dürfen. Und interessant auch, dass das Heimkommen und die damit verbundene Erwartung an das Wiedersehen oftmals enttäuscht wird. So isses.
Nesselzelle 27.02.2018
4. Cooler Trip
Den Film guck ich mir trotzdem nicht an (...gibt schlicht so unendlich viele selbstgedrehte Urlaubs“Blockbuster“ - ich fände ja schon die dia-Show langweilig, als unbeteiligter).
Hamberliner 27.02.2018
5. Afrikas letzte Kolonie
Die Karte ist mal wieder falsch: Die Grenze zwischen Marokko und der Westsahara ist nicht eingezeichnet. Und wenn die beiden ihren Aufenthalt in Marokko und Mauretanien in einem Atemzug nennen: Es sollte schon klar sein, dass beide Länder keine gemeinsame Grenze haben, dass man sie nicht nacheinander besuchen kann ohne dazwischen ein drittes zu durchqueren. Desweiteren sind die beiden Landessprachen der Westsahara Arabisch und Spanisch, so dass auch kein Grund besteht, El Aaiún fanzösisch zu bezeichnen, wie es die Besatzer und Phosphatdiebe tun.
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