Insel Roatan in Honduras Hi, Hai!

Happen für den Hai: Sergio Tritto hat ein tägliches Date mit den Riffhaien vor der Karibikinsel Roatan. Für die Fische gibt es Snacks, für die Tauchgäste Schnappschüsse. Experten sehen das Anfüttern der Tiere kritisch.

Martin Strmiska

Von Linus Geschke


Direkt nach dem Sprung ins azurfarbene Wasser ist das Riff klar zu erkennen. Die Taucher sehen Schwämme, die in Grün, Gelb und Violett leuchten. Peitschenkorallen, die sich dem Sonnenlicht entgegenrecken. Zackenbarsche, die träge umherschwimmen. Alles wirkt still und friedlich, ein farbenfroher Unterwassergarten. Dann kommen die Haie.

Es sind karibische Riffhaie, und es sind viele. Die Größten von ihnen rund zweieinhalb Meter lang und über 70 Kilogramm schwer. Eine kräftig gebaute Art mit stumpfer Schnauze und braungrauer Rückenfärbung, deren Seiten im Sonnenlicht bronzefarben schimmern. Inmitten der Strömung bewegen sie sich vollkommen mühelos voran.

Mit jedem Meter, den die Taucher dem Meeresgrund näherkommen, drängen sich die Haie dichter heran. Nicht aggressiv wirken sie, eher erwartungsvoll. Sie scharen sich um den Mann an der Spitze, der einen verschlossenen Eimer in der Hand hält, dessen Deckel mit einem Stahlstift gesichert ist. Nach vielen Jahren mit einem täglich gleichen Prozedere wissen die Raubtiere, was jetzt kommt.

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Honduras: Ein Date mit dem Riffhai

Sergio Tritto heißt der Mann mit dem Eimer - ein 54-jähriger Italiener, der früher Anwalt war und seit 16 Jahren auf der honduranischen Karibikinsel Roatan lebt. Seitdem macht er nichts anderes, als sich selbst und die von ihm durchgeführten Haitauchgänge zu vermarkten, die zum festen Angebot jeder lokalen Tauchschule gehören.

Maximal 14 Taucher nimmt er mit, die jeweils gut 100 Dollar für den Tauchgang bezahlen. Wer den Daheimgebliebenen beweisen will, wie mutig er ist, kann später für weitere 50 Dollar ein Video erstehen, das einer von Sergios Mitarbeitern während des Abstiegs dreht.

Lernfähige Räuber und skeptische Experten

Bislang sei noch keiner seiner Gäste gebissen worden, hat der gebürtige Neapolitaner mit den roten, kurzen Locken vorher versichert. Für ihn selbst gelte das jedoch nicht. "Haie haben hoch entwickelte Sinnesorgane", sagt er. "Sie können das Futter in dem Eimer riechen, und dann wollen sie am liebsten sofort an den Inhalt heran. In den ersten Jahren ist es deshalb öfter vorgekommen, dass sie ihn mir aus der Hand gerissen und dabei auch in Finger oder Unterarme gebissen haben - trotz der stahlverstärkten Handschuhe, die ich trage."

Mittlerweile habe sich dies jedoch geändert, sagt Sergio. Die Haie hätten gelernt, dass sie am Ende des Tauchgangs ihre Happen sowieso bekommen und dass Geduld auch im Haiuniversum eine Tugend sein kann. Für den Rest der Tauchgruppe, der jetzt in 23 Meter Tiefe vor dem Riff im Sand kniend auf das dargebotene Schauspiel starrt, interessieren sich die Raubfische sowieso nicht.

Rund 20 Minuten können die Taucher die Haie aus nächster Nähe bewundern. Die Eleganz ihrer Körper, die nur aus Muskeln zu bestehen scheinen. Die Mühelosigkeit ihrer Fortbewegung. Die kurzen Zuckungen der Schwanzflossen, die direkt zu einer Verdoppelung der Geschwindigkeit führen. Es ist dieser Erkenntnisgewinn, den Sergio während der Vorbesprechung immer wieder hervorhebt: Wer mit dem Bild des Hais als unkontrollierbarer Bestie ins Wasser geht, wird mit einem anderen Eindruck wieder auftauchen.

Haiforscher dagegen stehen dieser Art der Vorführung skeptisch gegenüber. Sie befürchten dadurch einen Eingriff in das natürliche Verhalten der Tiere, eine Änderung der Fressgewohnheiten. Bedenken, die Tritto kennt und dennoch nicht nachvollziehen kann.

"In dem Eimer sind knapp zwei Kilogramm Fischabfälle", sagt er und schaut einen fragend an. "Glauben Sie wirklich, dass 15 bis 20 ausgewachsene Riffhaie davon satt werden? Ich versichere Ihnen: Für die Haie ist das nur ein Snack. Ein kurzes Intermezzo, mehr nicht. Sie bleiben wilde Tiere, nicht in Aquarien gehaltene und zur Schau gestellte Vorzeigeobjekte."

Einen ähnlichen Pragmatismus zeigt er auch, wenn es um seinen Spitznamen auf Roatan geht. Hier nennen sie ihn den Haiflüsterer, was seiner Meinung nach Schwachsinn ist. "Haie haben Hunger, und ich bin der Mann mit dem Futter. Ende. Damit ist unsere Beziehung auch schon ausreichend beschrieben."

Natürlich hat er in all den Jahren gelernt, ihr Verhalten zu deuten. Sie zu verstehen, behauptet er dennoch nicht. "Manchmal muss ich aufpassen, dass die Gäste nach der Vorführung nicht dem Irrglauben verfallen, Haie seien wie Hunde. Spielkameraden, die sich an Menschen gewöhnen und sich ihnen anpassen."

Dabei liegt die Wahrheit in der Mitte, meint er. Haie sind keine Bestien, aber auch keine Hunde. Es sind große Raubtiere, deren Lebensinhalt aus Fressen und Paarung besteht. Wenn seine Kunden das verstehen, sei er schon zufrieden.

Das Finale

Bevor die Atemluft der Taucher knapp wird, läutet Sergio das Finale ein. Er zieht den Stahlstift heraus, mit dem der Deckel gesichert ist, und lässt den Eimer auf den Meeresgrund sinken. Sofort stürzt sich die Meute darauf, versetzt dem Plastikgefäß harte Stöße mit dem Kopf und beißt zu, bis der Deckel aufgeht. Ineinandergeschlungene Leiber, peitschende Flossen und dazwischen die Fischreste, die innerhalb kürzester Zeit verschlungen werden.

20 bis 30 Sekunden dauert das Spektakel, dann kehrt wieder Ruhe ein. Die Haie entspannen sich, die Hektik verschwindet. Menschen stehen nicht auf ihrem natürlichen Speiseplan, was gerade bei solchen Fütterungen deutlich wird. Sobald die Köderfische aufgefressen sind, erlahmt auch das Interesse der Tiere. Sie verteilen sich in alle Himmelsrichtungen, ohne den Tauchern weitere Beachtung zu schenken.

Vielleicht auch, weil sie wissen, dass Sergio morgen um dieselbe Uhrzeit wiederkommt. Wieder mit Futter. Wieder mit neuen Tauchern im Schlepptau, die sich den ganz speziellen Unterwasserkick gönnen wollen.

Linus Geschke ist freier Autor bei SPIEGEL ONLINE. Die Reise nach Honduras wurde unterstützt von www.erlebe-mesoamerica.com und der Fluglinie Air Europa.

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