Rocky Mountains: Bei Schneetänzern und Wolkenjägern

In den Vail-Skiresorts wird nichts dem Zufall überlassen: In der dünnen Luft der Rocky Mountains sorgen Indianer mit Schneetänzen und Techniker mit Silberjodid-Munition für den nötige Unterlage. Rolltreppen fahren die Superreichen durch die Straßen von Beaver Creek, dessen Zugang mit Bodyguards streng kontrolliert wird.

"Champagne Powder": Wenn das Wetter nicht mitspielt, müssen Indianer und Techniker für den staubtrockenen Tiefschnee sorgen
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"Champagne Powder": Wenn das Wetter nicht mitspielt, müssen Indianer und Techniker für den staubtrockenen Tiefschnee sorgen

Keystone/Vail - Nudeln stehen nicht auf der Speisekarte, ebenso wenig Soufflés. "Wir haben alles versucht, aber die Soufflés explodieren hier oben regelrecht im Ofen", erzählt Steve Kohl, der Küchenchef der "Alpenglow Stube" in Keystone. "Hier oben" bedeutet in einer Höhe von exakt 3488 Metern über dem Meer. Die "Alpenglow Stube" ist damit das höchstgelegene Restaurant Nordamerikas. Doch nicht nur das Kochen unterliegt hier eigenen Gesetzen. In den Skigebieten von Vail, Keystone, Beaver Creek und Breckenridge - den Vail Resorts im US-Bundesstaat Colorado - müssen sich auch die Wintersport-Urlauber an die dünne Luft in den Rocky Mountains erst gewöhnen.

Mit ihren runden Kuppen wirken die Berge kaum wie eine ernst zu nehmende Konkurrenz zu Europas Alpen mit ihren kantigen Felsgipfeln. Doch der harmlose erste Eindruck täuscht. Bis auf knapp 4000 Meter Höhe befördern die Lifte die Wintersportler - und auf diesem Niveau stellen selbst einfache Abfahrten die Kondition auf die Probe.

Vor allem wer von weit her angereist ist, interessiert sich aber nur am Rande für die autobahnbreiten, glatt gewalzten Pisten in den Rockies. "Champagne Powder" lautet das Stichwort: Staubtrockener, bei jedem Schwung hoch aufstäubender Tiefschnee. Als Höhepunkt gelten die "Back Bowls" von Vail auf der Rückseite des präparierten Skigebiets, die auf unverspurten Hängen jede Menge "Champagner-Puder" bieten.

Exklusives Vergnügen: Bei Beaver Creek gibt es nicht nur breite "Autobahn-Pisten", sondern auch abgelegenere Strecken
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Exklusives Vergnügen: Bei Beaver Creek gibt es nicht nur breite "Autobahn-Pisten", sondern auch abgelegenere Strecken

Damit garantiert genug von der weißen Pracht fällt, verlässt man sich in Vail nicht nur auf die Natur. Ortsansässige Indianer führen Schneetänze auf - eine Variante der traditionellen Regentänze, wie Jennifer Brown von den Vail Resorts erzählt. Außerdem werden hier die Wolken regelrecht gejagt: Sobald eine größere Menge über den Rocky Mountains auftaucht, lässt man in Vail Silberjodid-Kristalle in den Himmel aufsteigen. Durch diese kann angeblich gezielt Niederschlag ausgelöst werden - in diesem Fall ganze Ladungen an Pulverschnee.

Temposünder werden verfolgt

Dem "Wettergott" mit Schneekanonen Beine zu machen, gilt ohnehin als selbstverständlich: Bis zu 50 Prozent der Hänge können künstlich beschneit werden, heißt es beispielsweise in Keystone. Die moderne Technik verhilft aber nicht nur zu überwiegend eisfreien Pisten. Dank Flutlichtanlagen können Wintersportler hier auch nach Einbruch der Dunkelheit ihrem Hobby nachgehen - 17 Abfahrten werden beleuchtet.

Ob am Abend oder am Tag: Mit Ski-Rowdys wird streng umgegangen, vor allem auf den speziell für Anfänger ausgewiesenen Pisten. "Temposündern wird von der Pistenpatrouille das Ticket abgenommen", sagt Mike, einer der "Pisten-Sheriffs" im Skigebiet von Breckenridge. "Wir jagen aber niemanden. Das würde das Problem ja nur verschlimmern." In vier Jahren als Pistenkontrolleur habe er bisher nur einmal einem Rowdy tatsächlich die Liftkarte abgenommen.

Die Reize der Rockies: Die Höhe von bis zu 4000 Metern geht auf die Kondition
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Die Reize der Rockies: Die Höhe von bis zu 4000 Metern geht auf die Kondition

Ebenfalls ziemlich gesittet geht es in den Ski-Pausen zu. Statt hochprozentigem Jagertee wird hier bevorzugt Mineralwasser zugesprochen - nicht zuletzt wegen der Höhenlage. "Trinken Sie doppelt soviel wie sonst üblich", heißt es auf Zetteln, die in den Hotels ausliegen und über die Höhenkrankheit informieren. Ansonsten drohten Symptome von Kopfschmerzen bis hin zu Herzrasen und Atemnot.

Wie viel schneller Skifahrer in Vail an die Grenzen ihrer Kräfte gelangen, zeigt sich an Dingen, die sonst fast mühelos absolviert werden - zum Beispiel mit Skiausrüstung vom Hotel bis zur Haltestelle der Shuttle-Busse zu laufen, die die Skigebiete der Vail Resorts regelmäßig untereinander verbinden. Doch die Anstrengung und auch die vergleichsweise lange Fahrt zwischen den Orten lohnt sich, denn jedes der Städtchen hat seine charakteristischen Eigenheiten.

So weckt zum Beispiel die frühere Goldgräberstadt Breckenridge mit den herausgeputzten Holzhäusern im viktorianischen Stil Assoziationen mit dem Wilden Westen. Vail wirkt dagegen wie ein Skiort in den Alpen - vor den Après-Ski-Bars feiern die Wintersportler fast so lautstark wie in Ischgl, und die Restaurants tragen so gänzlich unamerikanische Namen wie "Platzl". Gilt schon Vail als Ort der Reichen und Schönen, so sollten die Gäste im benachbarten Beaver Creek superreich und nach Möglichkeit auch prominent sein. An der einzigen Zufahrtstraße kontrolliert ein Wächter genau, wer Zutritt zu dem exklusiven Skiort hat, in dem unter anderem Filmstar Tom Hanks eine Villa besitzt.

Rolltreppen befördern Spaziergänger durch den Ort

Nur an wenigen Orten weltweit dürfte es eine höhere Dichte an bodenlangen Pelzmänteln geben. Und in kaum einem Wintersportort müssen sich Skiläufer abseits der Piste so wenig bewegen wie hier: Die Pisten sind direkt von den Hotels aus zugänglich, Rolltreppen befördern Spaziergänger durch den Ort. Skikurse gibt es nicht in der Gruppe: Für rund 500 Euro am Tag geben Privatlehrer Einzelunterricht.

Romantisches Abfahren: Insgesamt 17 Pisten in den Vail Resorts werden wie hier bei Keystone in der Dunkelheit beleuchtet
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Romantisches Abfahren: Insgesamt 17 Pisten in den Vail Resorts werden wie hier bei Keystone in der Dunkelheit beleuchtet

Wie Beaver Creek ist auch Keystone ein am Computer entworfener Ort samt einer Art Restaurant-Zirkus in den Bergen. Abgeschieden von der Zivilisation und nur mit zwei Gondelbahnen zu erreichen, lassen die auf alpenländischen Stil getrimmten Häuser und Bedienungen die Gäste beinahe vergessen, dass sie sich eigentlich in den Rockies befinden.

Nur gegen die Naturgesetze kommen die Tourismus-Manager und Küchenchefs nicht an. So musste Steve Kohl nicht nur bei Soufflés, sondern auch bei Spaghetti und Co. klein beigegeben: "Hier oben beginnt das Wasser schon bei niedrigeren Temperaturen zu sieden, dadurch ist mir die Pasta jedes Mal verkocht", erzählt er. Aber sonst muss der Gast in fast 3500 Metern auf so gut wie nichts verzichten - abgesehen von amerikanischen Klassikern wie Cheeseburger und Pommes Frites, die Gourmet-Koch Kohl aus Prinzip nicht auf die Karte kommen.

Von Sandra Hoffmann, gms

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