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04. Juni 2012, 06:57 Uhr

Wracktauchen in Ägypten

Rendezvous mit Rosalie

Von Linus Geschke

Das Wrack wartet in 50 Metern Tiefe, längst hat das Meer es in Besitz genommen, seit die Bomber es 1941 in die Tiefe schickten: Im Roten Meer nahe des Küstenortes El Gouna liegt die "Rosalie Moller", eine der schönsten Schiffsruinen der Welt. Tauchgänge sind dort allerdings nicht ungefährlich.

Was muss ein Wrack haben, damit es in Taucherkreisen einen geradezu legendären Ruf erlangt? Es muss unterhalb jener Tiefe liegen, die den reinen Urlaubstaucher vom erfahrenen Sporttaucher trennt, aber auch nicht so tief, dass es nur für eine Handvoll Menschen erreichbar ist. Es braucht eine spannende Historie und einen schicksalhaften Untergang.

Der Zustand des Schiffes sollte weitestgehend intakt sein, innen wie außen: Taucher müssen an ihm immer noch auf jene kleinen Details stoßen, die zusammen den Eindruck erwecken, man hätte eine fast noch jungfräuliche Schiffsruine vor sich - und keine geplünderte. Damit ein Wrack in Taucherkreisen legendär wird, muss es vor allem aber mystisch und geheimnisvoll erscheinen: so wie die "Rosalie Moller".

Der Bug. Von vorne betrachtet wirkt er wie der eines Geisterschiffes, das ständig bereit ist, sich wieder vom Grund des Meeres zu erheben und Fahrt aufzunehmen. Nahezu senkrecht ragt er auf, 52 Meter zeigt der Tauchcomputer an der tiefsten Stelle an, knapp 40 Meter dort, wo das Deck beginnt. Von hier aus arbeitet man sich in Richtung der Schiffsmitte vor, vorbei an dem hoch aufragenden Lademast, dessen Krähennest gut 70 Jahre nach Untergang so prächtig mit Hart- und Weichkorallen bewachsen ist, dass mancher Taucher alleine dort schon einen kompletten Tauchgang verbringen kann.

Die Laderäume? Keine nähere Betrachtung wert; nur ein paar Kohlestücke sind darin zu finden. Dann schon lieber ein Blick ins Freiwasser, wo Makrelenschwärme und Barrakudas ihre Bahnen ziehen, bevor sich aus dem blaugrünen Wasser mittschiffs langsam die Aufbauten schälen - und der interessanteste Bereich des 108 Meter langen Schiffes beginnt.

Kurs auf Ägypten

Als die "Rosalie Moller" 1941 zu ihrer letzten Fahrt aufbrach, war sie bereits ein altes, müdes Schiff. Aber England befand sich im Krieg und der Frachter wurde gebraucht, um Kohle aus Wales um Afrika herum bis nach Ägypten zu bringen. Dabei war er schon zu der Zeit viel zu langsam, um mit moderneren Schiffen im Geleit zu fahren.

In der Nähe der kleinen Insel Gubal war vorerst Schluss. Der Suezkanal war durch ein Schiff blockiert, das auf eine deutsche Mine gelaufen war. Kapitän James Byrne ging mit der 31 Jahre alten und knapp 4000 Tonnen schweren "Rosalie Moller" an einem Platz vor Anker, den die Royal Navy als "Safe Anchorage H" bezeichnete: ein Ort also, der bis dahin als sicher galt. Doch dann kam die Nacht vom 7. zum 8. Oktober - und mit ihr die Bomber.

Damals waren die seitlichen Aufbauten mit Holz bedeckt, doch das ist bereits seit vielen Jahren verrottet. Nur noch die stählernen Träger sind übriggeblieben, an denen heute Weichkorallen und Anemonen kleben und die den Blick auf das freigeben, was sich im Inneren der kleinen Räume befindet. Die Kombüse ist schnell gefunden: Auf dem Herd steht noch ein Topf, und an den Wänden hängen ein paar Suppenkellen, die durch die Jahrzehnte seit dem Untergang fest mit dem Schiffsstahl verwachsen sind.

Genau gegenüber liegt das Badezimmer des Kapitäns: eine Toilettenschüssel, eine Badewanne, beides über und über mit Sediment bedeckt. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie hier einst Menschen lebten und arbeiteten, Suppe kochten oder sich ein Bad gönnten.

Gefährlicher Abstieg in die Zeitkapsel

Unmittelbar hinter den Aufbauten gelangt man zum Maschinenraum, erkennbar an den eingestürzten Oberlichtern, die ringsum zu sehen sind. Erfahrene Taucher, die auch über eine entsprechende Ausbildung verfügen, lassen sich hier hinabsinken, um in die tiefer gelegenen Bereiche des Wracks vorzudringen.

Da, wo das Sonnenlicht ewig außen vor bleibt und ein falscher Flossenschlag das Sediment so stark aufwirbelt, dass auch eine Taucherlampe nichts mehr nutzt, gelangen sie in einen Bereich, der wie eine Zeitkapsel erscheint. An Laufrosten und Leitern entlang gleitet der Schein ihrer Lampen über eine Schalttafel hinweg, wo altmodische Zeiger hinter milchig gewordenem Glas stillstehen und über Kipphebel, die seit Jahrzehnten kein Mechaniker mehr bedient hat.

Totenstill ist es hier, nur das rhythmische Blubbern der Atemregler unterbricht die Ruhe. Es ist ein Abstieg in ein Unterwassermuseum, dessen Besuch auch tödlich enden kann: Neben der dreizylindrigen Dampfmaschine hängt eine Gedenktafel, die einem Taucher gewidmet ist, der sich im Inneren verirrt und den Weg zum Licht nicht mehr gefunden hat.

Oftmals lassen sich die Aufbauten nicht im Ganzen erfassen: Eingehüllt in Wolken aus Fischleibern, sieht man das Wrack häufig kaum. Tausende Glasfische bilden eine undurchdringliche Wand, Rotfeuerfische stehen in Trauben zusammen, und silbrig glänzende Makrelen umkreisen die höher gelegenen Bereiche. Ist dies noch ein Wrack oder schon ein künstliches Riff? Weiter in Richtung Heck, zwischen dem dritten und vierten Laderaum, klafft auf der Steuerbordseite des Schiffes eine riesige Wunde: verbogenes Metall, dessen Ränder wie gewetzte Messer von der Bordwand abstehen.

Bomberangriff auf dem Roten Meer

Es war eine ungewöhnlich ruhige und heiße Nacht im Oktober 1941. Das Rote Meer lag so spiegelglatt da, als hätte es jemand mit einem Ölteppich überzogen. Zwei Nächte zuvor war wenige Seemeilen entfernt die "SS Thistlegorm" einem deutschen Fliegerangriff zum Opfer gefallen. Hatten die Männer an Bord der "Rosalie Moller" deswegen Angst? Oder setzte sich die Monotonie des Nichtstuns an Bord schon wieder durch? Plötzlich wurde die Stille unterbrochen, schwoll das Dröhnen von Flugzeugmotoren bedrohlich an: Eine oder zwei Heinkel He-111 näherten sich dem Frachter, eine 2000 Kilogramm wiegende Bombenlast wurde ausgeklinkt. In flachem Winkel näherte sie sich der Steuerbordseite und traf - zwei Besatzungsmitglieder starben.

0.45 Uhr zeigten die Borduhren an, als der Todeskampf der "Rosalie Moller" begann. Immer tiefer sank das Heck ins Wasser, die Laderäume liefen voll, der alte Stahl ächzte. Als sich das Meer wieder über dem Kohletransporter schloss, durchbrach eine große Luftblase wie ein letzter Atemzug die Oberfläche. Dann war Stille.

Im Heckbereich hat das Wrack der "Rosalie Moller" wenig mit den Schiffen zu tun, wie man sie heute kennt. Die altertümliche Ruderanlage, die kleinen hinteren Aufbauten, die filigrane Reling sowie das schön geschwungene Heck erinnern eher an die große Zeit der Segelschiffe. Lediglich der riesige Propeller deutet darauf hin, dass der Bau des Frachters nach der industriellen Revolution erfolgte.

Rosalies Besucher beenden den Tauchgang, wie sie ihn begonnen haben: an einem der zumeist zwei Seile, die das an der Oberfläche schwimmende Tauchsafarischiff wie Lebensadern mit dem auf Sandgrund liegenden Wrack verbinden. Es ist kein einfacher Tauchgang, erschwert häufig durch Strömungen und Dekompressionszeiten, die man dicht unter der Oberfläche absitzt. Aber so muss das wohl auch sein: Zumindest dann, wenn ein Wrack als "legendär" gelten will.

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