Route 62 in Südafrika Kleine Schwester der Garden Route

Verschlafene Dörfer statt Küstenstädte, Halbwüste statt Strände, Straußenfarmen statt Urwälder: Die Route 62 in Südafrika ist eine Alternative zur berühmten Garden Route an der Küste.

Oliver Gerhard/ SRT

Wie Statuen stehen junge Verkäufer am Straßenrand der Route 62, beide Arme ausgestreckt, in den Händen große, rote Äpfel. Rechts und links der südafrikanischen Fernstraße erstrecken sich Plantagen, kleine Farmen wechseln sich mit Schafsweiden ab, ein Fluss schlängelt sich durch die Wiesen.

Die Schilder am Straßenrand erzählen manchmal mehr über die Region als ein Reiseführer: "Unterstützen Sie die örtlichen Farmer - kaufen Sie kein gestohlenes Obst!", ist auf einem zu lesen. "Die Zeit ist kurz! Sind Sie bereit, Jesus zu treffen?", steht auf einem anderen. In den Dörfern hängen die Porträts von Immobilienmaklern wie Wahlplakate: Die Täler am Fuße der Swartberge, durch die sich die Landstraße schlängelt, sind beliebt bei wohlhabenden Südafrikanern, die von der Stadt aufs Land ziehen wollen.

Die Route 62, die Humansdorp nahe Port Elizabeth mit Kapstadt verbindet, wird gerne als "kleine Schwester" der Garden Route bezeichnet. Die rund 700 Kilometer lange Strecke im Inland bietet ein Kontrastprogramm zur berühmtesten Küstenpanoramaroute Südafrikas: verschlafene Dörfer statt quirliger Küstenstädte, die Halbwüste der Kleinen Karoo statt endlose Strände, Obstplantagen und Straußenfarmen statt Urwälder.

Richtung Oudtshoorn wird das Land trockener, große Aloe-Stauden säumen die Straße, Strauße schreiten durchs Gelände. "Die Vögel haben viele Männer zu Millionären gemacht", sagt Chinetia Malgas auf der Safari Ostrich Farm.

Über 750.000 Strauße zählte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Kleinen Karoo. Sie sind Nutztiere, jedes Körperteil der Laufvögel wird verwertet: Das Fleisch schmeckt lecker und ist kalorienarm. Das Leder ist robust und widerstandsfähig. Das Fett wird für Kosmetik verwendet. Die Eierschalen werden kunstvoll bemalt.

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Route 62 in Südafrika: Kap-Kontrastprogramm

Im Herzen der Farm liegt ein prächtiger "Federpalast" - Spitzname für die Prunkbauten, die sich die Straußenfarmer einst errichteten. Auf den Farmen finden auch Straußenrennen statt, bei denen zwei schmächtige Jockeys die Strauße besteigen und gegeneinander antreten - ein unterhaltsames, aber aus Tierschutzgründen auch umstrittenes Vergnügen.

Serpentinen und Paviane

Nördlich der Stadt erstrecken sich die Swartberge, ein schroffes Faltengebirge, das die Kleine von der Großen Karoo trennt. Spektakuläre Straßen ziehen sich durch die bis zu 2300 Meter hohen "Schwarzen Berge". Wer sich mit seinem Mietwagen nicht auf Schotterpisten wagt, kann sich auch einem Guide wie Hennie van Rensburg anvertrauen. Er kennt die Strecke schon seit 50 Jahren. Paviane lungern auf der Straße durch die Schlucht von Meiringspoort. "Sie fressen das Getreide, das von den durchfahrenden Lkws fällt", sagt van Rensburg. Auf halber Strecke tost ein Wasserfall herab.

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts entstand innerhalb von 223 Tagen die erste Piste durch die Schlucht. Sie öffnete den Weg für Ochsenkarren, die Schafswolle an die Küste transportierten. Doch weil die Strecke oft überflutet war, musste eine neue Verbindung her: der Swartberg Pass. Dessen Einfahrt ist zunächst kaum erkennbar. Felsschichten blockieren den Weg, darüber türmen sich zerklüftete Wände. Nur ein schmaler Spalt im roten Fels lässt einen Durchschlupf erkennen.

Mehrere Hundert Sträflinge schufen die Strecke per Hand und Spitzhacke durch die Berge, bewacht von 80 Polizisten. 1888 wurde die Straße eröffnet. Mit ihren engen Serpentinen, die von Trockensteinmauern getragen werden, gilt sie bis heute als meisterhafte Ingenieurleistung.

Am nächsten Tag schimmert zart die Morgenröte hinter den Bergen. Nebel liegt wie ein flauschiger Teppich über dem Land. In Calitzdorp, das sich idyllisch in ein Flusstal bettet, strömen die Kinder zur Schule, dicke Pullis über den Uniformen.

Arbeiter mit Schals und Winterjacken strömen zu Fuß in die Stadt, in der sich Restaurants und Galerien um die kleine Sandsteinkirche drängen. Am Straßenrand leuchten rote Aloen und die Blüten wuchernder Lampionblumen. Wie an einer Perlenkette reihen sich idyllische kleine Städte aneinander: Ladismith mit einer kleinen Kirche und Villen im viktorianischen Stil, dann das verschlafene Barrydale, umgeben von Wasserreservoirs für die umliegenden Farmen.

Schließlich Montagu mit seinen bunten Häusern von Hellblau bis Rosa. Kurz vor Kapstadt brechen die Naturgewalten los. Dichter Regen prasselt, der Fluss entlang der Straße schwillt an, verlässt teilweise sein Bett. Am Horizont flackern Sonnenstrahlen schräg durch die Wolken, die düster über den Bergen stehen. Ein Regenbogen schillert vor dem schwarzen Inferno - Abschied aus der Kleinen Karoo.

Oliver Gerhard, srt

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insgesamt 2 Beiträge
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josefinebutzenmacher 02.10.2017
1. Danke für diese Würdigung!
War absolut überfällig. War Weihnachten/Jahreswechsel 2015/16 dort (Capetown-Ooutshoorn) und kann das nur bestätigen. Es heißt nicht ohne Grund: See the Karoo in Route Sixty-Two.
Juergen Oriold 02.10.2017
2. Swartbergpass
So ganz richtig ist der Artikel nicht: Der Swartbergpass ist meines Wissens kein Teil der Route 62, sondern zweigt bei Oudtshoorn als R328 ab Richtung Norden nach Prince Albert (Übernachtungs-empfehlung Saxe-Coburg Lodge) in die kleine Karoo. Von dort erreicht man nach gut 40 km die Nationalstraße 1. Viel zu sehen gibt es da aber außer einer kargen Landschaft nicht. Empfehlenswert Matjiesfontein (Bahnstation mit Hotel) etwas abseits der Straße gelegen.
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