Mehrtages-Wanderungen Wird schon irgendwie gehen

Wandern macht süchtig. Doch für viele ist es ein großer Schritt, erstmals für mehrere Tage am Stück aufzubrechen. Dafür sollte man einige Tipps beachten - danach gibt es keine Ausreden mehr!

Simon Michalowicz

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Der Rothaarsteig führt von Brilon im Sauerland nach Dillenburg in Hessen, besteht aus acht Tagesetappen und ist 154 Kilometer lang. Simon Michalowicz brauchte zwei Jahre für die Tour - weil er mit ein paar Freunden unregelmäßig für jeweils ein Wochenende loszog, bis schließlich alle Etappen geschafft waren.

Keine Leistung für die Outdoor-Geschichtsbücher, aber eine Erfahrung, die eine Leidenschaft weckte: Der Dortmunder IT-Spezialist hat seitdem nicht mehr aufgehört mit dem Wandern und schraubte den Schwierigkeitsgrad immer höher. Kürzlich erschien sein erstes Buch, "Norwegen der Länge nach", ein Bericht über eine 140-tägige Extremwanderung, zwanzigmal so lang und zehnmal so anstrengend wie der Rothaarsteig.

Auch wer weit davon entfernt ist, von einer Süd-Nord-Durchquerung Norwegens zu Fuß zu träumen - die Schwelle, erstmals zu einer mehrtägigen Wanderung aufzubrechen, ist für viele hoch. Michalowicz suchte hauptsächlich in Onlineforen nach Ratschlägen, bevor er im Sauerland auf Tour ging. Und machte prompt einiges falsch: "Zu viele Anziehsachen, zu viele Lebensmittel."

Viel zu schwer sei der Rucksack gewesen, weiß der 34-Jährige heute. "Ein T-Shirt zum Wechseln reicht", habe er beispielsweise inzwischen gelernt. Auch GPS-Gerät und Kompass erwiesen sich als überflüssig - wer sich auf eine Tour begibt, die wie der Rothaarsteig mit dem Siegel "Premiumwanderweg" ausgezeichnet ist, kann davon ausgehen, gute Markierungen vorzufinden.

Erst mal in den Kleiderschrank gucken

"Aber mein größter Fehler waren billige Wanderschuhe vom Discounter. Ich wollte lieber nicht zu viel Geld ausgeben. Weil ich nicht wusste, ob ich das öfter machen würde." Bald hatte er bei jedem Schritt Schmerzen und verfluchte seine Sparsamkeit.

An anderer Stelle dagegen war diese Haltung nicht so verkehrt, man könne überraschend viele Ausrüstungsgegenstände im Kleiderschrank finden: Ein Lauf-Shirt taugt problemlos auch als Wandershirt, die Regenjacke muss für die erste Tour kein 500-Euro-Modell mit Goretex-Pro-Beschichtung sein, und auch auf dem Rucksack muss nicht das Wort "Trekking" draufstehen - auch wenn die Werbung der Outdoor-Industrie gerne suggeriert, dass man am besten gar nicht die Wohnung verlässt, ohne vorher 2500 Euro in Hightech-Klamotten investiert zu haben.

Doch wie viel Vorbereitung ist notwendig? Welche Fitness braucht man, um bereit zu sein für die erste Tour über drei oder vier Tage? "Nichts spricht dagegen, wenn man gesund ist und regelmäßig Bewegung hat", sagt Stefan Winter, Experte für Breitensport beim Deutschen Alpenverein (DAV). Schon einfache Änderungen der Gewohnheiten im Vorfeld können den Unterschied machen. "Fahren Sie nicht mehr mit dem Auto zur Arbeit, sondern mit dem Rad - das trainiert genau die Muskulatur, die man später braucht." Das lasse sich ohne zusätzlichen Zeitaufwand in den Alltag integrieren.

Ansonsten empfiehlt er zweimal in der Woche einen Dauerlauf von etwa 45 Minuten im "Walk and Talk"-Tempo, in dem man sich also noch gut unterhalten kann. Wer dann bei einer Test-Wandertour merkt, dass er gut sechs bis acht Stunden am Stück gehen kann und sich auch am nächsten Tag noch so fühlt, als könne er noch einige Kilometer weitergehen, ist schon gut gerüstet. Soll es für mehrere Tage in die Berge gehen, schlägt Winter vor, einmal auszuprobieren, ob man 1000 Höhenmeter in etwa drei Stunden schafft - dann ist man fit für einfache bis mittelschwere Alpen-Unternehmungen.

Luxus oder Leichtigkeit?

So wie Michalowicz am Rothaarsteig neigen viele Anfänger dazu, zu viel mitzunehmen - Kosmetik wie für einen Hotelurlaub, einen Laib Käse, Konserven mit Essen. Dabei verringern jede hundert Gramm Gewicht den Komfort. "Für eine Mehrtagestour in den Alpen sind acht bis zwölf Kilogramm im Rucksack in Ordnung - mehr sollte es nicht sein", sagt DAV-Experte Winter. Norwegen-Abenteurer Michalowicz sagt, bei einer einwöchigen Wanderung komme er auf "ein bisschen mehr als zehn Kilo inklusive Zelt und Schlafsack." Natürlich hängt das aber auch von den erwarteten Temperaturen ab.

Jedes Gramm zu hinterfragen, hält er allerdings für übertrieben: "Ich finde kleine Dinge, die das Unterwegssein angenehmer machen, sehr wertvoll. Zum Beispiel eine Matte, auf der man in Pausen sitzen kann, eine Thermoskanne für ein warmes Getränk mittags oder Hirschtalgcreme für die müden Füße", sagt Michalowicz.

Welcher Luxus ein bisschen Extragewicht wert ist, müsse jeder mit der Zeit selbst für sich herausfinden. "Das Wichtigste ist: überhaupt loszugehen. Und sich nicht ins Bockshorn jagen lassen", sagt Michalowicz.

Tipps für Wander-Anfänger

  • Schuhe: Nicht online ordern, sondern sich im Fachgeschäft beraten lassen. Hier 120 bis 150 Euro als Investition einplanen, gespart wird lieber beim Rest der Ausrüstung. Goretex ist kein Muss (manche Wanderer schwitzen darin mehr) - auch Lederschuhe sind bei einem kleinen Regenschauer nicht sofort durchnässt.
  • Klamotten: Hier vertun sich viele, weil sie von ihrem Alltagsbedarf ausgehen. Zwei bis drei Sets Unterwäsche, zwei T-Shirts, zwei Paar Wandersocken, ein Fleecepulli, eine wasserdichte Jacke, eine Wanderhose mit abzipbaren Beinen - für eine einwöchige Tour im Sommer reicht das als Grundausstattung, man kann ja unterwegs waschen und die Sachen außen am Rucksack trocknen lassen. Immer im Zwiebelprinzip denken, alles sollte mit allem kombinierbar sein.
  • Rucksack: Für eine Mehrtagestour (ohne Zelt) sollten es etwa 30 bis 35 Liter Volumen sein. Auf ein komfortables Tragesystem achten. Wer hier sparen will: für die erste Tour im Freundeskreis ausleihen.
  • Kosmetik: Nur das Nötigste einpacken. Der Rasierer bleibt zu Hause, ein faustgroßes Stück Kernseife wäre viel zu groß. Duschgel (am besten eins für Körper und Haare) in einen kleineren Behälter umfüllen.
  • Ein kleines schnell trocknendes Outdoor-Handtuch spart Gewicht und Platz (und kostet zehn Euro), das Frotteehandtuch kann zu Hause bleiben.

Hier finden Sie ein paar Profitipps, um Gewicht zu sparen!

Empfehlungen für die erste Mehrtagestour:

Mehr Wandertipps für 2016 finden sie hier und auf unserer Themenseite zu Wanderurlauben!

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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
fromdalake 15.04.2016
1. *staun*
irgendwas mus ich falsch machen. Ich staune immer ob der geringen Gewichtsangaben für Wander- oder Trekkingtouren. Für 11 Tage Kungsleden 2015 war ich mit Rucksack, Schlafsack, Isomatte, Zelt, Kocher, Sprit, Spaten und Angel allein bereits bei gut über 10kg. Dann mein Energiebedarf, der nach der zweiten Tagesetappe bereits bei 250g Müsli lag, geschweigedenn bei 400g (!) Nudeln + Käse + Soße abends. Mit Klamotten waren es dann fast 18kg. Ging super, aber für 10kg Gesamtgewicht inkl. Nahrung und Kleidung muss man Minimalist sein und das Geld für Ultralightausrüstung wie 1-Personenzelt, Daunenschlafsack, etc. haben. Und sich hungernd ins Zelt legen ;)...
Flying Rain 15.04.2016
2. Hehe
Ich kenne so einige Wahnsinnige die für ihre Touren den Zahnbürsten sogar der Griff abschneiden weil man sich ja XY-Gramm dabei spart....dafür aber gefühlte 5Kilo Haare auf m Kopf mitschleppen ;) .
fatherted98 15.04.2016
3. Mehrtageswanderungen...
...in Deutschland enden ja meist abends im Hotel/Pension oder Campingplatz...weil es nirgends gestattet ist in der freien Natur zu biwakieren (teils sicher auch mit gutem Grund). Deshalb kann man eigentlich nur von Tagetouren reden....für "richtiges" Mehrtageswandern muss man Deutschland verlassen und auch dann wird man vielerorts auf Verbote und Schwierigkeiten treffen (fängt schon mit einem offenen Feuer zum erhitzen von Wasser an). Bear Grills geht nich umsonst in die entlegenen Gebiete dieser Welt...die immer rarer werden, um seine Survial-Lehrstunden abzuhalten.
messier51 15.04.2016
4. Wandersocken, Blasen an den Füßen
Ein Satz über Blasen an den Füßen hat gefehlt. Hier hilft (meistens) Ankleben mit Pflasterband und doppelte Strümpfe. Der innere Strumpf (Wandersocken vom Discounter) sollte sehr eng anliegen, der Äußere locker sitzen. Dann sollte die Blasen nicht entstehen.
dissidenten 15.04.2016
5.
Ein paar sehr gute Punkte sind da aufgeführt! Der Wanderweg von Fethyie nach Antalya ist sehr empfehlenswert, so als Tipp am Rande.
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