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Russische Bergsteiger: "Ich Vova. Hände hoch. Hitler kaputt!"

Von Robert Steiner

Sie baden bei minus 15 Grad im See, klettern mit einfachster Ausrüstung auf die schwierigsten Gipfel: Mit russischen Abenteurern können Bergsteiger die verrücktesten Touren erleben. Eine Liebeserklärung an die wahren Helden der Berge.

Russen im Fels: Das fremde Bergsteigervolk Fotos
Robert Steiner

Die ersten russischen Bergsteiger traf ich, da war ich 17 und arbeitete eine Woche oder zwei auf der Leschauxhütte. Es schneite, als vier bärtige Gestalten mit beeindruckend alten Kleidern, riesigen Rucksäcken und Goldzähnen im Mund den Gletscher hochstiegen. Man riet ihnen ab, bei den schlechten Verhältnissen in die Jorasses-Nordwand einzusteigen - freilich umsonst.

Am ersten Tag kamen sie nicht weit, wir dachten, sie würden umdrehen. Am zweiten Tag kletterten sie noch langsamer, fast hätten wir den Hubschrauber gerufen. Am dritten Tag - wieder schneite es - gingen wir davon aus, dass sie tot waren. Dann sahen wir nachts für einen kurzen Moment die Biwaklampen am Gipfel. Ich hatte bis dahin gar nicht gewusst, dass man so langsam klettern konnte, bei so schlechten Bedingungen - und trotzdem Spaß haben.

Seitdem sind viele Jahre vergangen. Ich bin mit Russen durch unerstiegene Wände geklettert, habe unzählige Male biwakiert, gefroren und gelitten, getrunken und getanzt, habe Gipfel erreicht und bin beinahe umgekommen. Ich habe Russisch gelernt und eine Russin geheiratet. Und nichts davon auch nur eine einzige Sekunde bereut.

Mein erster russischer Kletterpartner lief mir in Freiburg über den Weg. Ich schwänzte die Uni, er den Sprachkurs. Der Klettergarten genügte durchaus zur Integration. "You - climbing? I - climbing. We climbing!" Nicht schlecht war mein Staunen, als Mischa knielange, selbstgenähte Expressen auspackte (Sicherungshilfen, mit denen das Seil am Fels angebracht wird - normalerweise mit zwei Karabinern, die mit einer Schlinge verbunden sind - d. Red.), handverzwirbelte Klemmkeile, eine monströse, aus einer Daunenbettdecke erstellte Jacke und Kletterschuhe, die ich höchstens als Hauspantoffeln identifiziert hätte - und damit in den achten Grad stieg.

Ein anwesender Schwabe mit Bergrettungsabzeichen wies uns auf die offensichtlichen Sicherheitsmängel hin. Mischas Kommentar: "You - Mountain Police? I - Mischa from Russia!"

Nackte Männer auf dem Parkplatz

Ja, die Russen sind anders - ganz anders. Vor allem die ältere, noch von der Sowjetzeit geprägte Generation. Bergsteigen ist bei ihnen kein Sport, sondern "obras schisni" - eine Lebenseinstellung. So hört man oft: "Wenn dich die Arbeit beim Klettern stört, dann lass das Arbeiten!"

Im Winter 2006 lud ich meine Freunde aus dem sibirischen Krasnojarsk in die Alpen ein. Ich wusste, dass meine Freunde aus dem "Land der immergrünen Tomaten" bei minus fünfzig Grad in den Kodarbergen Erstbegehungen gemacht hatten, gute Bigwall-Kletterer waren, erfahrene Winterspezialisten. Das Erste, was sie machten, war, zur Abhärtung zu baden - bei minus 15 Grad im Thuner See.

Die anwesenden, im Training befindlichen Eistaucher der Polizei gingen vor Erstaunen fast unter - und ein paar Autofahrer kurvten fast in den See, als sie auf dem Parkplatz die nackten Männer sahen, die sich dort durch Joggen trockneten.

14 Biwaks später hatten meine Freunde bei sehr schlechten Bedingungen eine neue, äußerst schwierige Route durch die Eiger-Nordwand erschlossen, die direkteste bislang. Dummerweise verwendeten sie dabei Funkgeräte, die auf der Frequenz des Schweizer Polizeifunks operierten. Folgende Sequenz ist dabei überliefert: "Hello, this ist Swiss Police. You are not allowed to use this radio in Switzerland! Shut it down now!" Was tun? Keiner versteht Englisch, Vova sucht verzweifelt nach den wenigen deutschen Worten, die er hauptsächlich aus Kriegsfilmen kennt.

"Hallo! Ich Vova. Ich Eiger. Hände hoch - Hitler kaputt!"

Im gleichen Jahr stiegen wir durch die Pogrebetski-Nordwand im Tien Shan. Eine wilde Route auf über 6000 Meter, oft versucht und nie gelungen. Unser Kapitän war Michalizin. Er war so dick, dass ich zunächst glaubte, er sei unser Koch. Der Bauch war später ein Segen. Michalizin schleppte acht Tage lang mörderisch schwere Rucksäcke, baute die Lager auf - und brauchte so gut wie keine Nahrung.

Er hätte als Polarforscher geboren werden müssen. Während zu Hause alle fleißig kletterten und trainierten, aß und trank er: seine Art des Trainings. Wie man erzählte, hatte er schon viele Jahre keinen Sommer erlebt. Sobald es in Sibirien warm wurde, packte er seine Sachen und verschwand in eisige Höhen und kam erst im Herbst wieder, wenn der erste Schnee fiel.

Ein seltsames Team

Der Schlüssel des Krasnojarsker Erfolges war immer Teamgeist und Erfindungsreichtum. Die Gruppe trainierte viel, förderte Talente, weckte den Hunger nach Größerem. Die Ausrüstung war einfach, aber passend. Sie schliefen in Zelten zu viert oder zu fünft, die man nach deutschem Gesetz wohl nicht mal als Zweimannzelte verkaufen dürfte. Einer kroch hinein, zog des Platzes wegen die Knie an, die anderen fügten sich wie Puzzlestücke ganz eng hintereinander hinzu. Wärme pur, bei 400 Gramm Zeltgewicht pro Person. Nachteil: Wenn einer einen Krampf bekam und sich umdrehen musste, dann mussten sich alle umdrehen.

Wenn sie ein Portaledge (eine Plattform, die an der Steilwand befestigt wird und als Nachtlager dient - d. Red.) brauchten, zogen sie eines mit, auf das gleich vier Leute passten. Das Modell Marke Eigenbau wurde unter der Wand zusammengeschraubt, dann hinterhergezogen. Ich schlief viele Male darin, etwa als ich 2008 mit drei Bergsteigern aus Tscheljabinsk einen 42 Seillängen hohen Bigwall im Karavshingebiet kletterte. Ein seltsames Team: ein ausgebildeter Langstreckenraketeningenieur, ein Hochseefischer und ich, der schwäbische Dorfschullehrer.

Von allen am meisten beeindruckt hat mich Schenja Dmitrienko. Niemals traf ich einen, der so gut kletterte und so wenig bekannt war. Ich weiß nicht, wie oft er schon in Wänden biwakiert hat - wohl mehrere hundert Male. Erst- und Winterbegehungen am Troll, Ak-Su, Eridag, Eiger, Trango, Latok gehen auf sein Konto. Man nennt ihn auch den "Sieben-Expressen-Mann". Mehr Sicherungen seien "Sportklettern und nicht Bergsteigen", und entsprechende Leere herrscht an seinem Gurt. Seine "Jakor"-Haken sind mittlerweile in ganz Russland in Verwendung, er erfand sogar ein aufblasbares Portaledge, das völlig ohne Metall auskommt. Er lebt in Rostow am Don, wo er junge Bergsteiger trainiert.

Viel gäbe es noch zu erzählen, von Gleb Sokolov und dem Khan Tengri, Sacharov und der Kommunismus-Südwand, von Shabalin und der Everest-Nordwand, von Rutschkin und dem Jannu. Davon, wie Archipov ohne Maske auf 8300 Meter stundenlang Karten spielte und gewann - gegen die "Sauerstoffspieler". Oder von Christschati, der eine der erstaunlichsten Grattraversen der Welt durchführte, 74 Kilometer vom Khan Tengri zum Pik Pobeda. Vielleicht ein andermal.

Der eiserne Vorhang ist seit mehr als 20 Jahren fort - aber die Barrieren zwischen beiden alpinen Welten immer noch da. Unser Blick ging immer gen Westen, und wenig wissen wir von dort, von der anderen Seite - von Routen und Menschen, von damals und auch von jetzt. Vielleicht ist es an der Zeit, die Augen aufzumachen.

Und hinzugehen. Denn keine der großen Routen der Achtziger ist je von einem von uns wiederholt worden.

Aus dem "Alpin"-Heft 7/2012

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insgesamt 53 Beiträge
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1.
artforeye 18.06.2012
das sind Geschichten mit denen man Bücher füllen könnte - danke für einen spannenden Ausblick in eine ganz andere Bergwelt
2. Was für beeindruckende Menschen!
docthedoctorgimmethenews 18.06.2012
Zitat von sysopRobert SteinerSie baden bei minus 15 Grad im See, klettern mit einfachster Ausrüstung auf die schwierigsten Gipfel: Mit russischen Abenteurern können Bergsteiger die verrücktesten Touren erlebt. Eine Liebeserklärung an die wahren Helden der Berge. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,838671,00.html
...und das alles ohne Hightech...
3.
goeck 18.06.2012
Uh, da will ich am "frühen" morgen direkt in den Berg einsteigen, wenn hier denn mal welche wären! ;) Schön geschrieben! Berg Heil!
4. Wunderschöne Geschichte
felisconcolor 18.06.2012
Zitat von sysopRobert SteinerSie baden bei minus 15 Grad im See, klettern mit einfachster Ausrüstung auf die schwierigsten Gipfel: Mit russischen Abenteurern können Bergsteiger die verrücktesten Touren erlebt. Eine Liebeserklärung an die wahren Helden der Berge. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,838671,00.html
ich kenne auch eine Menge Russen. Es macht immer wieder Spass mit ihnen zu Arbeiten. Obwohl ich manchmal nicht weiss ob ich mich gruseln oder einfach nur staunen soll ob ihrer etwas "unothodoxen" Arbeitsweisen ;-). Vor allem die Herzlichkeit mit der sie einem begegnen ist schon fast überirdisch.
5.
nichtbernd 18.06.2012
Hey Robert, kannste da mal´n Buch drüber schreiben? Was für abgefahrene Typen! Danke für diese geile Geschichte
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