Russische Republik Tuwa Wo Steine weinen

Das "Gold von Tuwa" machte die autonome Republik im Süden Sibiriens berühmt, der sagenhafte Schatz aus skythischen Fürstengräber tourte um die Welt. Doch kaum jemand kennt das Land im Herzen Asiens - führen doch nur zwei Straßen in die Steppen- und Gebirgslandschaft.

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Von Monika Hippe


Andrey Mongush hat die Augen geschlossen. Auf der Stirn sammeln sich Schweißperlen. Er spitzt den Mund und presst ein seltsames Röhren hervor, das nicht von dieser Welt zu sein scheint und Gänsehaut verursacht. Der Ton ist so tief und durchdringend, als wolle er die Steppe bis in den Ural beschallen. Böse Zungen vergleichen ihn mit Dauerhupen im Straßenverkehr oder einer hängengebliebenen Schallplatte. Gleichzeitig ertönt eine pfeifende, fast zwitschernde Melodie, so dass man unwillkürlich die Jurte nach einem verirrten Vogel absucht.

Aber Andrey, der in ein silberbesticktes Folkloregewand gehüllt ist, singt allein - zwei Stimmen gleichzeitig. Das ist die Kunst des Khoomei, des Kehlkopfgesanges. "Ich habe das während des Rinderhütens von meinem Vater gelernt", erzählt Andrej den faszinierten Besuchern später. "Die alten Volkslieder handeln von Mädchen und Pferderennen. Das Trommelfeuer imitiert das Aufschlagen Hunderter Hufe im heißen Steppensand."

Der Ursprung der Kehlkopfmusik wird in Tuwa vermutet, weil keine andere Kultur so viele Stile und Varianten hervorgebracht hat. In diesem Land im Süden Sibiriens an der Grenze zur Mongolei lebte das Turkvolk der Tuwiner jahrhundertelang als Nomaden. Im Laufe der Geschichte eroberten viele Völker die Region: Hunnen, Uiguren, Kirgisen, Mongolen und Chinesen. Heute ist Tuwa eine autonome Republik der Russischen Föderation. Es gibt nur zwei Straßen, die ins Land führen, der Anschluss an die Transsibirische Eisenbahn soll erst in ein paar Jahren fertig sein.

Rentiere und Kamele, Schneehühner und Trappen

Auf eigene Faust zu reisen ist schwierig, zumal die Tuwiner eine alttürkische Sprache sprechen, die selbst Russen und Mongolen nicht verstehen. Daher buchen die meisten Urlauber über verschiedene Veranstalter im Prinzip dieselbe organisierte Bus-Rundreise. Sie führt von der sibirischen Stadt Krasnorjarsk nach Tuwa und in die Nachbarrepublik Chakassien.

In ihrer Hauptstadt Kysyl leben die meisten der 300.000 Einwohner Tuwas. "Hier stehen wir in der Mitte Asiens", sagt Anna, die strohblonde Reiseführerin und zeigt auf den Obelisk, der vor ihr wie ein überdimensionaler Zeigefinger in den Himmel ragt. Am Fuße des Monuments vereinen sich die Flüsse Großer und Kleiner Jenissej zu einem mächtigen Strom, der nach über 4000 Kilometern ins Nordpolarmeer fließt.

Dann zeigt Anna auf den Horizont: "Der neue gemessene Mittelpunkt liegt aber weiter dort", sagt sie. Tausend Kilometer weiter südöstlich erhebt das chinesische Dorf Baojiacaozi in der Provinz Xinjiang ebenfalls den Anspruch auf die Mitte. Wer Recht hat, wird sich wohl nicht festlegen lassen, da es unterschiedliche Messmethoden gibt.

Tuwa ist gerade mal halb so groß wie Deutschland, ein Klecks auf der sibirischen Landkarte. Keine andere Region der Erde ist weiter von den Ozeanen entfernt, und es ist wohl das einzige Land, in dem Polar- und gleichzeitig Wüstentiere zu Hause sind: Rentiere und Kamele, Schneehühner und afrikanische Trappen. Im Sommer ist es in diesem Teil Sibiriens Backofen-heiß und im Winter Gefrierschrank-kalt. Die Temperaturspanne reicht von plus 50 bis minus 50 Grad Celsius.

Gold der Tuwa

An diesem Tag sind es 29 Grad. Der Bus rumpelt durch Schlaglöcher und über Schotterwege, drinnen schuftet die Klimaanlage. Mitten in der Steppe bremst der Fahrer. Die Berge sind weit weg, es gibt keinen Baum, kein Haus, an dem das Auge sich festhalten kann. Man fühlt sich wie ein winziger Krümel auf einem flachen Teller. Ein paar Steppenadler kreisen am blauen Himmel - vielleicht wollen sie auf die flachen Steine am Boden aufmerksam machen, die einen riesigen Kreis bilden und der Grund für den Busstopp sind.

Hier hat 2001 ein deutsch-russisches Archäologenteam einen Sensationsfund gemacht, der von seiner Bedeutung mit dem Grabfund Tutanchamuns in Ägypten verglichen wird: ein skythisches Fürstengrab mit über 6000 Schmuckstücken aus Gold. Nachdem ein Teil davon in Ausstellungen als "Das Gold von Tuwa" um die Welt ging, wird der Schatz des sogenannten Arschan II jetzt im Nationalmuseum in Kysyl von uniformierten Bodyguards bewacht.

In Tuwa sind archäologische Funde keine Seltenheit. Allein in der Ebene bei Arschan liegen Hunderte Hügelgräber, die meisten unerforscht. Die Steppe ist geradezu gespickt mit Steinstelen, die wie vergessene Bauklötze aus dem Boden ragen. In der Religion der Tuwa haben sie alle eine Seele. "Die Einheimischen glauben, wenn man einen Stein bewegt, weint er drei Tage lang", erzählt Anna. Für die Tuwa sind die Berge Großväter und die Flüsse Schwestern.

Die Natur spielt eine große Rolle im Buddhismus wie auch im Schamanismus - daher vertragen sich die beiden Religionen hier sehr gut. Es ist keine Seltenheit, dass die Tuwiner an einem Tag in einem tibetisch-buddhistischen Tempel beten und sich am nächsten vom Schamanen behandeln lassen. Der Schamane ist in ihrer Vorstellung der Vermittler zwischen den Menschen in der mittleren Welt und den guten und bösen Geistern aus der oberen und unteren Welt.

Peitschenknall auf den Rücken

Am Abend kommt ein Schamane ins Jurtencamp, um der Gruppe viel Glück für die Reise zu wünschen. Es ist Vollmond - ein perfekter Zeitpunkt für das Anrufen der Geister. Auf dem Kopf des Heilers thront ein gebogener Fächer aus Vogelfedern, sein Gesicht wirkt zerknittert wie Pergamentpapier. An seinem Gewand hängen kleine Glöckchen, die bei jeder Bewegung klingeln. Die Reisenden sitzen auf Holzbänken um das Lagerfeuer herum.

Beißender Weihrauch steigt in ihre Nasen. "Früher hatte jede Sippe einen eigenen Schamanen. Er beschwor die Geister für eine erfolgreiche Jagd, um Krankheiten zu heilen oder um Vergebung für Sünden zu bitten", flüstert Anna. "Doch dann verbrannte man ihre Trommeln und verbot jegliche Rituale." Erst nach Auflösung der Sowjetunion begann der mystische Glaube wieder zu blühen.

Der Heiler bewedelt jeden mit den dampfenden Sträuchern und murmelt dabei. Ohne Vorwarnung knallt er plötzlich mit einer Peitsche einmal auf jeden Rücken - das soll böse Geister austreiben. Der Schmerz ist auszuhalten, aber die meisten zucken vor Schreck heftig zusammen. Schließlich nimmt er Kontakt zur anderen Welt auf: Er trommelt, tanzt sich in Trance und krächzt dabei. Eine ziemlich unheimliche Prozedur.

Für Andrey Mongush ist das ganz normal. Er tankt regelmäßig Energie bei einer befreundeten Schamanin. Denn das Singen ist anstrengend. "Ich fühle dabei wie ein Extremsportler den Puls rasen und den Blutdruck steigen", sagt der Musiker, der mit seiner Band auf einer neuen CD das Gänsehaut-Röhren mit Bassgitarre und Synthesizer mischt. Dass der Stil ankommt, zeigen zahlreiche Auszeichnungen und Konzertanfragen aus aller Welt.

Andrey ist jetzt 32 Jahre alt. Wie lange er diese Musik - die das größte Exportgut Tuwas darstellt - noch machen kann - weiß er nicht. Eine frühere Rente für Berufs-Kehlkopfsänger ist jedenfalls in Planung.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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derivo 23.08.2010
1. mehr literatur
Tuva or Bust! von richard feynman fehlt in der literaturliste. ausserdem: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44419505.html 'Zwei Eigenschaften haben die Tuwiner berüchtigt gemacht, bevor ihr Land Sowjetrußlands Atom-Kronjuwel geworden ist: Kleptomanie und Schmutzigkeit.'
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