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Russische Tramper-Legende: Gratis um den Globus

Von Stephan Orth

Daumen hoch: Der Russe Anton Krotow hat in 16 Jahren 600.000 Kilometer per Anhalter zurückgelegt. Er bereiste Sudan, Jemen und Afghanistan, wurde ausgeraubt, schlief in Gefängnissen - und erlebte überwältigende Gastfreundschaft. SPIEGEL ONLINE verrät er seine besten Trampertipps.

Das Lebenswerk von Anton Krotow ist auf zwei Tischen im Wohnzimmer verteilt. Auf dem einen trotzen wackelige Türme bunter Fotobücher den Gesetzen der Statik. Gegenüber liegen mehr als 20 Stapel seiner Bücher im Reclam-Format, versehen mit kleinen Preisschildern. "Die Praxis des freien Reisens" kostet 25 Rubel, für 60 Rubel ist der Band "134 Fragen" zu haben.

Die Texte und Fotos sind die Essenz von Krotows Reisen, die Lehren und Erinnerungen aus 16 Jahren immer neuer Begegnungen mit fremden Kulturen. Wie kaum ein anderer hat Krotow ausprobiert, wie man mit möglichst wenig Geld möglichst weit reisen kann. Der 33-jährige Moskauer hat mehr als 600.000 Kilometer per Anhalter zurückgelegt und den Verein "Academy of Free Travel" gegründet. In der internationalen Tramper-Szene ist Krotow eine Legende.

Zwischen den beiden überladenen Tischen liegen dicht gedrängt die bunten Schlafsacklarven von Krotow und sechs Gästen auf dem Wohnzimmerboden. Eine weitere Besucherin liegt im einzigen Bett im Arbeitskabuff nebenan, ein kräftig gebauter Russe schlummert halb im Flur und halb auf dem Boden der winzigen Küche.

Krotow hat ständig Besuch in seiner 40-Quadratmeter-Wohnung im Norden von Moskau. Der Lebens- und Reisekünstler mit dem üppig wuchernden Rasputin-Bart hat selbst Tausende Gratisnächte in fremden Häusern verbracht. Für andere bietet er das gleiche an - in Internet-Portalen wie Couchsurfing oder Hospitalityclub oder auf seiner eigenen Website, ein Anruf genügt. Die doppelte Metalltür von Appartement 547 im vierten Stock des grauen Plattenbaus neben dem Ramstor-Supermarkt steht immer offen.

Ferien in Tadschikistan

Ein Wecker klingelt, die Leute in den Schlafsäcken rühren sich. Krotow setzt sich als Erster auf. Statt einen guten Morgen zu wünschen, sagt er: "Das ist Kommunismus", grinst zufrieden und deutet auf die in Lila und Grün eingepackten Besucher.

Erst vor zwei Tagen kam er aus Ägypten zurück, wo er sich in der Siwa-Oase für zwei Monate eine Wohnung mietete, die er mit Freunden und Fremden vollpackte. Er braucht nicht viel zum Leben, deshalb reichen die Einnahmen seiner Bücher für die Kosten. Im Sommer will er ein Haus in Tadschikistan mieten.

Nicht dass Krotow allmählich sesshaft würde - natürlich fuhr er auch nach Ägypten per Anhalter von Moskau. Zu lange am gleichen Ort zu verweilen, das kommt nicht in Frage. "Ich reise etwa 8000 bis 10.000 Kilometer im Monat, damit ich genug Zeit habe, Städte zu erkunden, den lokalen Lebensstil kennenzulernen und gut zu schlafen", so liest sich das Bekenntnis des Rastlosen in seinem Bestseller-Ratgeber "Die Praxis des freien Reisens", der in Russland über 100.000-mal verkauft wurde.

Zwar ist Krotow noch weit entfernt von der Tramper-Rekordmarke von Alexsej Vorow aus St. Petersburg, der 1,8 Millionen Kilometer per Anhalter zurückgelegt haben soll. Doch in 16 Jahren hat er mehr von der Welt gesehen als die meisten in ihrem ganzen Leben. Fast zwei Jahre lang reiste er durch Afrika, ließ sich von Ägypten bis Mosambik kutschieren, dann weiter über Kongo bis Mali und Mauretanien. "In Afrika ist es einfach, mitgenommen zu werden, weil es anders als in Russland kein Limit gibt, wie viele Menschen in ein Auto passen", sagt Krotow und grinst. Einen Großteil der Strecke legte er auf Ladeflächen oder Dächern von Lastwagen zurück.

In Dongola im Sudan allerdings musste er einmal vier Tage auf eine Mitfahrgelegenheit warten, weil keine Autos vorbeikamen, sondern nur Fußgänger und Reiter auf Eseln. Die Einheimischen waren so gerührt von der Beharrlichkeit des sonderbaren Besuchers, dass sie ihn mit Brot und Wasser versorgten und ihm Schlafplätze anboten.

Buchweizen zum Frühstück

Eines bleibt für Krotow mit jedem neuen Land gleich: "Wenn du irgendwo ankommst, sind die Menschen seltsam und alles ist teuer. Aber je länger du bleibst, desto billiger werden die Dinge und desto weniger seltsam sind die Menschen", sagt er. Sogar in Moskau lasse es sich sehr günstig leben. Wenn nicht seine Gäste für ihn kochen, kommt bei ihm meist Reis mit Krautsalat und Mayonnaise auf dem Tisch.

Und zum Frühstück gibt es nur noch Buchweizenbrei, seit er seinen Bart darauf wettete, dass er fünf Jahre lang weder heiraten noch Alkohol trinken würde. Er gewann die Wette, bekam dafür 50 Kilogramm Buchweizen in großen Säcken überreicht und durfte sein Kinngestrüpp behalten.

"So, food, food!", sagt der Hausherr in seinem brüchigem Englisch und präsentiert einen Topf mit dem typisch russischen Gericht. An der Küchenwand hängt ein Poster, das Krotow auf einem syrischen Basar gekauft hat. Es zeigt den ehemaligen US-Präsidenten Bush neben Adolf Hitler. "Same shit - different asshole" steht darunter. "Wenn du mit einer Waffe in ein Land kommst, wirst du Gewalt erleben. Wenn du in Frieden kommst, wirst du Frieden finden", das habe ihm bislang jede Tour bestätigt, sagt Krotow.

Eine Afghanistan-Rundreise machte er im Jahr 2002, "ein sehr gastfreundliches Land", nur die ständigen Kontrollen durch Polizisten oder Soldaten, die ihn für ein Qaida-Mitglied hielten, hätten ihn damals genervt. In einem seiner Fotoalben posiert Krotow mit einer Kalaschnikow in der Hand inmitten einer Gruppe von Kindern in Kabul. An seiner Wohnzimmerwand hängt ein Bild, das einen lächelnden iranischen Präsidenten Ahmadinedschad zeigt.

Er war im Jemen und in Pakistan, in Angola und Iran. Er wurde überfallen und ausgeraubt, erlebte Autounfälle und schlief in Gefängnissen. Dennoch hält Krotow die "Wahrheit ängstlicher Journalisten", die aus Krisengebieten und "Schurkenstaaten" berichten, für Panikmacherei, die wenig mit dem Alltag vor Ort zu tun hat. "Die Reporter begeben sich leichtsinnig in Gefahr und schreiben dann, wie gefährlich es ist", sagt Krotow.

Er erkundigt sich, ob Westeuropa derzeit nicht ein ziemlich ungemütlicher Ort sei. Das stehe doch in der Zeitung jeden Tag. "Du solltest ganz viel zu essen kaufen in Moskau, in Europa ist Krise, es gibt kein Gas, kein Essen, und du hast doch 20 Kilo Freigepäck", sagt er und lacht sein jungenhaftes Lachen. Wenn er spricht, schaut er seinen Gesprächspartner kaum an, ständig wuselt er durch die Wohnung, tippt was am Computer oder sortiert die Druckfahnen seines nächsten Buches.

"Europäer sitzen die ganze Zeit in Cafés herum"

Das wird vom Sinn des Reisens handeln, wieder einmal, und von den Fehlern, die er so vielen Touristen unterstellt, die ein Vielfaches für deutlich kürzere Ausflüge ausgeben. "Die meisten Europäer sitzen die ganze Zeit in Cafés herum und verwechseln das mit Reisen", sagt Krotow.

Eine Mischung aus Wohlstand und dem Zwang, in möglichst kurzer Zeit viel zu erleben, mache die Menschen blind für die Freuden echter Abenteuer. "Für euch ist Trampen verdammt teuer. Wenn ihr eine Stunde am Straßenrand steht, kostet euch das 20 Euro, die ihr in der Zeit verdienen könntet. Für Russen ist das billiger." Ein oder zwei Jahre am Stück unterwegs zu sein, das käme für die meisten nicht in Frage, "weil sie die ganze Zeit nur daran denken, wie viel Geld ihnen entgeht".

Er wirkt jetzt aufgebracht, über seine eigenen Reisen möchte er plötzlich nicht mehr reden. "Schau dir halt die Fotobücher an", sagt er in mürrischem Tonfall. Vielleicht hat er seine Geschichten schon zu oft erzählt, in den unzähligen Stunden auf den Beifahrersitzen von Schwertransportern, Kleinwagen, Schneeraupen, Hundeschlitten, Motorrädern und bei kostenlosen Reisen in Fernzügen, Schiffen und sogar Frachtflugzeugen.

Wie man es schafft, selbst von Piloten und Kapitänen mitgenommen zu werden? "Ein cleveres Mundwerk bringt dich überall hin", behauptet Krotow in "Die Praxis des freien Reisens". Viele schreckten etwa davor zurück, einen Zugführer um eine Mitfahrt im Führerhaus zu bitten - doch gerade bei Frachtzügen in weniger zivilisierten Regionen sei die Chance gar nicht so schlecht, dass es klappt. In früheren Büchern gab er sogar Tipps, wie man auf Zugdächern überlebt oder sich im Gepäckfach von Bahnen verstecken kann. Von solchen Jugendsünden nimmt er aber inzwischen Abstand.

Von draußen ist der Lärm der sechsspurigen Leningradskoe Shosse zu hören. Es ist eine der Hauptverkehrsadern, sie führt nach Norden aus der Stadt heraus. Täglich Tausende Autos, die in die Ferne fahren. Tausende Möglichkeiten, noch heute aufzubrechen, in jedem wartet ein anderes Schicksal, ein anderer Gesprächspartner. Krotow ist erst 33, er hat noch viel vor sich auf dem Weg zum Tramper-Weltrekord.

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