Russland Im Reich der Tataren

Die Moschee steht direkt neben der Kathedrale: In der autonomen Republik Tatarstan in Russland lebt seit Jahrhunderten ein multikultureller Bevölkerungsmix, der es mit seinen Ursprüngen nicht so genau nimmt: "Wenn man uns ordentlich wäscht, sind wir alle Mongolen."

Thomas Heinloth

Von Thomas Heinloth


Es ist der eine Tag im Jahr, an dem die Steppe bebt im Süden von Zelenodolsk, der Tag, an dem das sonnenverbrannte Gras und die dürren Birken zittern, an dem Staub blickdicht über der Rennbahn steht und Feldmäuse flüchten vor beschlagenen Hufen im Galopp. Zwei Dutzend Reiter auf schweißnassen Pferden, tief im Sattel, die Tubetejka-Mütze in die Stirn gezogen, auf der Jagd nach einem bestickten Taschentuch. Wer es im wilden Ritt vom Ast reißt, ist Held für mindestens einen Tag, und dieser Tag ist lang in Zelenodolsk, wenn nicht der längste überhaupt.

Es ist der Tag des Pflug-Festes, Sabantui, mit dem die Tataren feiern, dass die Aussaat jetzt erledigt ist und man auf die Ernte warten kann. Und an Sabantui zeigen die Tataren was sie sind: ein großes Reitervolk. Allerdings findet man unter keinem Sattel ein zu Brei gerittenes Stück rohes Rind. Das Steak Tatar, das Legenden zufolge so zu seiner Zartheit kam, erfanden die Franzosen.

Das echte Tataren-Steak ist dagegen meist ein Schaschlik, faustgroße Stücke, aufgereiht an einem meterlangen Spieß. Zu Hunderten drehen sie sich heute über Holzkohle, und in die Grillschwaden mischt sich der Geruch von Zuckerwatte, Bier und gebrannten Mandeln.

Seit dem späten Vormittag strömen die Menschen aus dem zementgrauen Gebirge von Zelenodolsk herbei. Ein steter Strom von Publikum in Feierlaune ergießt sich in Richtung Rennbahn, dorthin, wo sich Karussells drehen und die Losverkäufer brüllen.

Längst sind sie nicht mehr alle Bauern hier, doch Sabantui ist immer ein Bauernfest gewesen, also zählt der Verwaltungschef der Stadt bei seiner Eröffnungsrede landwirtschaftliche Höchstleistungen auf, lobt Genossenschaften, die über dem Plan lagen, und verteilt Orden an die Männer und Frauen von Zelenoldolsk, die sich im Feld ganz besonders hervorgetan haben für die Ernährung der tatarischen Bevölkerung mit Mais und Weizen. Im Publikum steht Luba Feldmann und sagt: "Die Rede kenne ich seit meiner Schulzeit."

Plattenbauten mit Präsidenten-Namen

Luba ist groß geworden in einer der viereckigen Wohnmaschinen unweit von der Rennbahn, "Chruschtschowa" sagt Luba. So sortieren sie hier die Generationen der Plattenbauten in den Sputnik-Städten der Peripherie - nach den KP-Sekretären und Präsidenten, die sie errichten ließen. Die neueste Generation heißt "Putinka", turmhohe rote Ziegel-Quader, schon mit Lärmschutzfenstern. Die Breschnew-Silos sind beliebt wegen ihrer Loggien, die Stalin-Bauten berüchtigt wegen ihrer Außenklos. "Chruschtschowa ist am schlimmsten", sagt Luba, "dünne Wände, schlechte Heizung".

Die dünnwandige Platte von Zelenodolsk hat sie längst hinter sich gelassen, heute wohnt die Deutschlehrerin eine Autostunde weiter: in Kasan, dort wo das Herz Tatarstans schlägt. Nicht weit von der altehrwürdigen Universität, in der schon Lenin und Tolstoi studierten, lebt sie zusammen mit ihrem Freund in einer Zweiraumwohnung.

Eine repräsentative Wohngemeinschaft: Luba ist Russin und orthodox, ihr Freund Tatare und Moslem. "Entspricht ziemlich genau dem Bevölkerungsdurchschnitt", sagt Luba, "aber das ist relativ. Tatarstan war immer ein Vielvölkerstaat. Hier waren Wolgabulgaren, Türken, Russen, Ugrofinnen. Das hat sich über die Jahrhunderte vermischt. Und wenn man uns ordentlich wäscht, sind wir einfach alle Mongolen."

Es ist nicht so wichtig, wer wohin gehört in der russischen autonomen Teilrepublik, wo Orient und Okzident aufeinander treffen. Kein orthodoxer Priester hat sich beschwert, als im Kasaner Kreml neben der prachtvollen Maria-Verkündigungs-Kathedrale vor drei Jahren die Kul-Sharif-Moschee errichtet wurde: ein imposanter Bau, türkis gekachelt, ausgekleidet mit Marmor vom Ural und ausgelegt mit Teppichen aus Persien, überragt von fünf mächtigen Minaretten.

Neuer Glanz für Kasan

Männer und Frauen beten hier im gleichen Raum, denn der Islam Tatarstans kommt ganz entspannt, unverschleiert und undogmatisch daher. Kein Imam hier würde Streit anfangen wegen ein paar Gramm Wodka oder einem Glas "Roter Oktober". Und auch der Sowjet-Stern am Spasski-Turm des Kreml darf bleiben. "Keiner wollte entscheiden, ob wir ihn durch Kreuz oder Halbmond ersetzen", sagt Luba, "also lassen wir ihn lieber hängen."

Halb Europa und halb Asien will Kasan sein, und wieder die Kulturstadt, in der das Geistesleben mal islamisch und mal christlich-orthodox begründet ist. Überall riecht es nach frischer Farbe und Zement, im tatarischen Viertel bekommen Minarette neuen Putz, in den Straßen rund um die Universität, wo mehr Russen wohnen, stehen Baugerüste rund um Zwiebeltürme. Und auch das weltliche Gesicht der Stadt an der Wolga wird gerade frisch gestrichen: Die prächtigen Fassaden der Bürgerhäuser am Baumann-Boulevard, Jugendstil und Klassizismus, leuchten mint und cremefarben. Die Innenstadt rund um den Kreml und das Rathaus: besenrein.

An den Wochenenden begleitet Luba hier Touristengruppen - nur ihr Deutsch braucht sie dabei selten. "Die Geschäfte aus dem Westen sind schon da: McDonald's, Starbucks, Bodyshop", sagt sie, "nur die Menschen fehlen noch."

Kaum ein Russland-Tourist aus Westeuropa findet den Weg hierher, und die Hauptaufgabe des Tourismusministeriums ist zu erklären, dass Kasan nichts mit Kasachstan zu tun hat. Tatarstan liegt abseits der üblichen Russland-Reiserouten und nicht an der transsibirischen Eisenbahn. "Aber dafür", sagt Luba, "liegen wir an der Wolga".

Mütterchen sorgt für alle

Matuschka, Mütterchen, nennen sie hier den Fluss, denn die Wolga sorgt für die Tataren, sie macht die Steppe grün, bringt Fisch und Schiffe. Ohne die Wolga wären die Bulgaren nicht hierher gekommen, um eine Stadt zu gründen, ohne den großen Hafen wäre Kasan nicht reich geworden, erst als Handelsstützpunkt, dann mit Öl.

Die Wolga begleitet Kasan und die Tataren durch die Jahreszeiten: Im Sommer liegen sie im feinen Sand an den Strandbädern und sehen den Anglern zu, im Herbst türmt der Oktobersturm haushohe Wellen auf im Kuibyschewschen Meer, da wo die Wolga auf die Kama trifft und man selbst an klaren Tagen kein Ufer mehr gegenüber sehen kann. Und im Winter stellen sie Verkehrsschilder aufs meterdicke Eis, für die Lkw, die dann keine Brücken brauchen.

"Am schönsten aber", sagt Luba, "ist das Frühjahr. Wenn die letzten Eisschollen durch die Uferweiden treiben. Und man weiß, dass die kalte Zeit jetzt rum ist." Dann dreht sich bald das Riesenrad im Shurale-Park wieder, in Kasans Fußgängerzone rund um den Bauman-Boulevard setzen die Gärtner in den Blumenampeln die Petunien ein. Und auf den Feldern rund um Zelenodolsk reißen die Bauern den noch halb gefrorenen Boden auf, setzen Mais und Weizen und zählen schon die Tage bis Sabantui, wenn es wieder nach Zuckerwatte riecht und nach verbranntem Schaschlik, und der Staub blickdicht über der Rennbahn steht.



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