Sagenhafter Khmer-Tempel: Puzzle aus 300.000 Steinblöcken

In Kambodscha stehen die Archäologen vor dem größten Puzzle-Spiel der Welt: Das einst spektakulärste Bauwerk des Khmer-Reiches wurde in den Sechzigern demontiert - und wird seit vierzig Jahren wieder zusammengesetzt. Die Vollendung des Baphuon-Tempels in Angkor steht nun kurz bevor.

Baphuon-Tempel in Angkor: Wiederauferstehung nach 1000 Jahren Fotos
AFP

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Siem Reap - An einem schwülen Nachmittag beugen sich Männer mit Schutzhelmen in Kambodscha über ein riesiges Puzzle-Spiel: Rund 300.000 Sandsteinblöcke galt es zusammenzusetzen, um den sagenhaften Baphuon-Tempel aus dem 11. Jahrhundert in Angkor wieder auferstehen zu lassen.

"Die Planung ist nicht so einfach wie bei einem Bauprojekt", sagt der leitende Architekt Pascal Royere. "Das Nummernarchiv für die Steine wurde von den Roten Khmer gestohlen und vernichtet. Wir standen vor einer Art Puzzle ohne Vorlage für den Wiederaufbau." Nun, rund 40 Jahre nach Beginn der Restaurierung, ist die Vollendung des grandiosen Projektes absehbar.

Baphuon wurde in den sechziger Jahren zerlegt, um einem Einsturz zuvorzukommen. Rund 300.000 Steinblöcke wurden im Dschungel rund um die Anlage verteilt. Doch bevor das französische Archäologen-Team den 34 Meter hohen Tempel wieder aufbauen konnte, kamen 1975 die Roten Khmer an die Macht.

Zwei Millionen Menschen starben an Hunger, Folter und Zwangsarbeit während der Schreckensherrschaft des Pol-Pot-Regimes, das die traditionelle Gesellschaft auslöschen und beim "Jahr null" neu anfangen wollte. Zeugnisse der Vergangenheit wurden vernichtet, so auch die Aufzeichnungen über Baphuon.

Bis 1970 hatte der Architekt Jacques Dumarcay die Arbeiten geleitet. Nach Ende des Bürgerkrieges 1991 reiste er zurück zu der Anlage und setzte Royere als verantwortlichen Architekten ein. Zwar halfen Dumarcay und andere, die an der Zerlegung in den sechziger und siebziger Jahren mitgewirkt hatten. Trotzdem musste jeder Stein gemessen und gewogen werden. Zahllose Zeichnungen wurden für die Positionierung jedes Blocks angefertigt. Als Royere 1993 mit der Arbeit begann, waren viele Steine bereits vom Dschungel überwuchert.

Kein Stein gleicht dem anderen

"Jeder Stein hat seinen Platz", erklärt Royere. "Man kann nicht einfach einen anderen Block an seine Stelle setzen, weil es keinen Mörtel dazwischen gibt. Es gibt keine zwei Steine mit dem gleichen Volumen und den gleichen Maßen." Zuletzt arbeitete das Team an einem 22 Meter hohen Trümmerberg, der 1971 eingestürzt war und ein Viertel des Bauwerks bedeckte.

"Es war eine Art Erdrutsch mit Tempelsteinen drin. 2008 haben wir angefangen, es zu sortieren, Stein für Stein, und eine Stützmauer aus Beton zu bauen", erklärt Royere. "Wir brauchten dafür doppelt so viel Zeit als gedacht." Jetzt geht das Projekt Royere zufolge in die letzte Phase, bei der aufwändige Ornamente zusammengesetzt werden. "Jetzt wird es interessant", sagt er. "Jetzt sind wir im Bilde."

Baphuon war das größte Bauwerk im Khmer-Reich, als es unter König König Udayadityavarmans II. als Hindu-Tempel zu Ehren Shivas errichtet wurde. Der chinesische Gesandte Zhou Daguan beschrieb den Bau bei einem Besuch 1226 als eine "exquisite Anlage" mit bronzenem Turm. Später wurde es nur von Angkor Wat übertroffen. "Wenn die Restaurierung beendet ist, werden eine Menge Besucher kommen", sagt der für die alten Tempel zuständige Beamte Soeung Kong. "Er ist hoch, so dass man eine schöne Aussicht auf die Tempel der Umgebung hat."

Nach ersten Schätzungen hätte der Aufbau von Baphuon 2003 oder 2004 beendet sein sollen. Jetzt geht Royere von einer Bauzeit bis Ende nächsten Jahres aus. Das Schwierigste - die Stabilisierung des Tempels - ist seinen Worten zufolge geschafft.

Patrick Falby, AFP

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