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Sahara-Durchquerung: "Zu Fuß kann die Seele Schritt halten"

5500 Kilometer quer durch die Sahara, zu Fuß und per Kamel, ohne GPS oder Handy: Der Hamburger Abenteurer Achill Moser befindet sich auf dem Marsch seines Lebens. In der Wüste findet er zu sich selbst - und erlebt die Radikalisierung der Bewohner der Maghreb-Länder.

Hamburg - Sand im Bart, Sand im Fladenbrot, Sand überall. Flimmernde Hitze, staubige Stürme, endlose Einsamkeit - wenn Achill Moser in der Wüste ist, dann ist er zu Hause. Derzeit unternimmt der Hamburger Abenteurer die Wanderung seines Lebens: Zu Fuß und per Kamel durchquert er auf der Spur der alten Karawanenzüge die Sahara vom Atlantik bis zum Nil. Auf den mehr als 5500 Kilometern weisen ihm die Sterne und ein einfacher Handkompass den Weg. "Handy und GPS-Gerät brauche ich nicht. Ich reise wie damals die Händler", sagt der 53-Jährige.

Mit seinem Vollbart erinnert Achill Moser ein wenig an Reinhold Messner. Wie der Bergsteiger die welthöchsten Gipfel gestürmt hat, hat Moser fast alle Wüsten der Erde durchwandert, mehr als 17.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Erst war es nur die Lust auf Abenteuer, Einsamkeit und spannende Begegnungen, die ihn trieb. Dann entdeckte er, dass man von den Entdeckungsreisen auch leben kann. An Hochglanzmagazine verkauft er seine Fotos und Reisereportagen, geht mit Diashows auf Tour. 24 Bücher hat er über seine Reisen bislang geschrieben.

Seine Leidenschaft für die Einöde entdeckte Achill Moser als 16-Jähriger. Mit dem Zug fuhr er auf eigene Faust bis Marokko: "Ich zog mit einer Beduinen-Karawane von Marrakesch in die Sahara, saß abends am Lagerfeuer, sog die Landschaft in mich auf." Er blieb damals zwei Wochen länger als geplant. "Das gab mächtig Ärger in der Schule", erinnert er sich. Mit dem Anpassen hatte er damals Schwierigkeiten: Siebenmal flog er von der Schule. Sein Abitur machte er dennoch, studierte dann Wirtschaftswissenschaften, Afrikanistik, Ethnologie und Arabisch.

Achill Moser ist ein Mann, der zwei Leben lebt. Eines als einsamer Wüstenwanderer, eines als Großstadtbürger und Familienvater. Daheim in Hamburg wohnt er in einer kleinen Stadtvilla, geht mit seiner Frau Rita in die Oper und ins Ballett, kickt in der Fußballmannschaft seines Stamm-Italieners, hört sich auf Elternabenden an, wie sich sein Sohn Aron, 16, im Gymnasium macht. "Ich brauche einfach beides für mein Glück", sagt Moser über dieses Doppelleben. Auf die Unterstützung seiner Familie darf er dabei voll zählen, sagt er. "Sonst könnte ich diese Touren nicht machen."

Seit Mai zu Fuß und per Kamel unterwegs

"Kein Mensch hat je diese nordafrikanische Längsdurchquerung der Sahara zu Fuß und per Kamel geschafft", sagt Moser. Seit Mai ist er nun schon unterwegs, oft zu Fuß und allein, teilweise auf dem Kamel und mit einem einheimischen Begleiter. Vier Länder hat bisher durchquert: Marokko, Algerien, Tunesien und Libyen. Hinter ihm liegen Gewaltmärsche durch die hochsommerliche Sahara: Bis zu 70 Kilometer pro Tag zu Fuß, mit 15 Kilogramm Gepäck im Rucksack, bei sengender Sonne und nachts unterm Sternenhimmel. Beim Laufen und in der Einöde findet er zu sich selbst. "Zu Fuß kann auch die Seele Schritt halten", ist Moser überzeugt.

In der Sahara lauern Gefahren: Skorpione, Sandstürme, Staub, Dürre - und Schlangen: "Noch nie habe ich so viele davon erlebt wie auf dieser Tour", berichtet er. In Algerien kroch ihm eine Hornviper am Lagerfeuer unter die Wolldecke. "Ihr Biss ist tödlich, zum Glück entdeckte ich das Tier rechtzeitig." In Marokko kam ein Rudel Wildhunde an sein Lager. "Die musste ich die ganze Nacht lang mit Knüppeln fernhalten. Angenehm war das nicht." Bedrohlicher als die Elemente und das Getier seien aber leider die Menschen, sagt Moser. Er wurde auf seinen Reisen schon entführt, beschossen und mehrfach beraubt.

Zwar kennt er den Orient seit Jahrzehnten und spricht fließend Arabisch. Seit dieser Reise aber ist er ratlos: "Die Entwicklung dort macht mir Angst. Immer mehr Menschen werden fanatisch, haben einen Hass auf alles Fremde und den Westen." In Algerien spürte er dies besonders: Einmal kamen er und sein Begleiter nach 300 Kilometern Ritt durch unbewohnte Einöde an eine Siedlung, um Nahrung und Wasser zu bunkern. "Eine Bande Jugendlicher ist uns gefolgt. Sie haben uns beschimpft und mit Steinen beworfen. Einfach so." Im Galopp mussten beide wieder in die Wüste flüchten.

"Bombe, Bombe!"

In einer Teestube an einem anderen Ort legte ein Teenager eine Tasche vor Achill Moser auf den Tisch. "Er rannte weg und rief 'Bombe, Bombe'." Es war nur eine Attrappe, ein schlechter Scherz. "Aber ich war tief geschockt", erzählt Moser. Meist hielt er sich fern der Siedlungen, manchmal aber traf er in der Einöde auch auf Karawanen. Man kam ins Gespräch: "Ein junger Mann erzählte mir dabei am Feuer wie im Smalltalk - , dass er sich ohne weiteres in die Luft sprengen würde, um den Märtyrertod zu sterben." Diese Bereitschaft zum Sterben kann Moser, der sein Leben in vollen Zügen lebt, nicht verstehen.

An einer anderen brenzligen Situation waren ebenfalls Menschen schuld: "Als wir eines Morgens aufwachten, war eines unserer Kamele weg. Gestohlen. Das ist unter Wüstenbewohnern ein absolutes Tabu, es kann für den Bestohlenen das Todesurteil bedeuten." Moser und sein Begleiter folgten den Spuren im Sand und stellten den Dieb. "Es war ein kleiner Junge. Die Armut seiner Familie hatte ihn vermutlich zu der Tat getrieben." In der Armut und der Perspektivlosigkeit der Jugend sieht Moser die wichtigsten Gründe für die Radikalisierung der Gesellschaften im Maghreb.

Trotz solcher Erlebnisse zieht es Achill Moser immer wieder in die Wüste. "Hier kann ich nachdenken, habe unendlich viel Zeit und bin nicht von materiellen Dingen abgelenkt." Die Einsamkeit hat für ihn etwas Meditatives. Nicht umsonst hätten die drei großen Weltreligionen Christentum, Judentum und Islam ihren Ursprung in der Wüste. "Viele Menschen geraten in unserer rasanten, hochtechnisierten Zeit irgendwie aus dem Takt", sagt Moser. Er selber findet zwischen Sand, Felsen und Geröll seinen Rhythmus wieder. "Die Wüste birgt alles, legt alles in dir frei, wenn du dich nur darauf einlässt: Von größten Glücksgefühlen bis zu dunklen Angstzuständen."

"Trans-Sahara-Route" - vergessen und verwaist

Die Sahara-Durchquerung hat Achill Moser jahrelang vorbereitet. Es ist seine weiteste und teuerste Tour, die Krönung all seiner Reisen, wie die Everest-Bezwingung für einen Bergsteiger. Er hat gelesen über die alten Karawanenwege, über versunkene Handelsstädte und Kultstätten. Dem Abenteurer geht es bei der Tour weniger um die sportliche Extremleistung. Er will die Faszination der Landschaft erleben und davon erzählen und die Vergangenheit der Region ein Stück weit lebendig machen. Die alte Karawanenstraße von Marokko nach Ägypten, die "Trans-Sahara-Route", ist schon seit langem vergessen und verwaist. "Da, wo ich langgehe, ist heute nichts. Meist nicht einmal eine Piste."

Ruinenstädte an der Strecke zeugen aber noch immer von der Blütezeit des Karawanenhandels. Im Süden Marokkos hat Moser etwa den versunkenen Ort Sijilmassa besucht und in Tunesien die alte Römerstadt Sbeitla. Dort gab es alles: Theater, Tempel, Thermen. "Das hat Magie. Man glaubt, man wäre in der Vergangenheit. Pompeji ist dagegen nichts", begeistert sich Moser. Diese und andere Stätten der Region sind von Archäologen bisher kaum erforscht.

Derzeit wandert Achill Moser auf der letzten Etappe seiner Sahara-Tour durch Ägypten. Wenn er Anfang November wieder daheim ist, muss er Dias entwickeln, sichten und sein Buch schreiben. Pläne für eine neue Wüstenexpedition hat er keine. Nicht ausgeschlossen aber ist, dass sein Sohn Aron irgendwann in die Fußstapfen des Vaters tritt. Er hat die Herbstferien für einen Flug an den Nil genutzt. Schon zum dritten Mal begleitet er seinen Vater auf einer Etappe durch die Wüste. Das letzte Wegstück gehen beide auch auf dieser Reise gemeinsam.

Von Jan Dube, dpa

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Vom Atlantik bis zum Nil : Achill Moser in der Sahara

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