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05. Juli 2012, 09:21 Uhr

Salsa auf Kuba

Im Rhythmus der Karibik

Kubanischer Salsa ist Lebenslust, Erotik und Alltagsflucht. Ein Tanz als Ventil wider des sozialistischen Alltags auf der karibischen Insel. Touristen kommen in Scharen, um Hüften und Schultern zu schwingen. Doch der fröhliche Rhythmus ist für die meisten harte Arbeit.

Havanna - Marcel ist ein Macho. Er fasst die Frau am Handgelenk - sanft. Die andere Hand legt er auf ihr Schulterblatt. Dann geht es los: kurz-kurz-lang. Kurz-kurz-lang. Plötzlich stoppt er, schaut sie an und sagt in gebrochenem Englisch: "Ich lenke die Frau. Und du bist die Frau. Verstanden?"

Auf Kuba Salsa zu lernen heißt Regeln befolgen. Die erste: Der Mann führt. Die zweite: "Salsa ist kein unanständiger Tanz", sagt Tanzlehrer Tito am ersten Unterrichtstag. Es ist zwar ein erotischer Paartanz, aber mehr als die Hände, Arme und Rückenpartie um die Schulterblätter der Frau werden nicht angefasst. Sie legt ihre Hand am Oberarm des Partners ab. Und drittens: Es ist ein fröhlicher Tanz, also sei ausgelassen.

Salsa ist die fröhliche Seite des durch die sozialistische Mangelwirtschaft geprägten kubanischen Alltags. Die Musik ist Ventil, heißt es auf der Insel. "Und der Tanz ein Ausdruck der Gesellschaft", sagt Gioaccina Cinquegrani vom kubanischen Fremdenverkehrsamt. Denn der Salsa ist ein Mix aus Mambo, Chachachá und Rumba - und auch Kubas Bevölkerung gilt als Schmelztiegel, mit afrikanischen, europäischen und asiatischen Wurzeln.

Schon in der Schule lernen die Kinder die Schritte, sagt Cinquegrani. Der Tanz ist Teil des kubanischen Bildungssystems wie andernorts Mathe oder Biologie. Viele nehmen sogar noch auf der Universität kostenlose Tanzstunden.

Das Leben spielt auf der Straße

So verwundert es nicht, dass eigentlich immer und überall irgendwer tanzt. Die Kubaner zieht es auf die Straße - am Abend, an den Wochenenden, in Havanna, Trinidad oder Santiago de Cuba. Jemand reicht eine Rumflasche herum, einer dreht die Box auf oder trommelt etwas, und dann tanzt schon das erste Paar.

In Havanna ruft Tanzlehrer Tito die Touristen zum "Shake shake" auf. Übungen für den Hüftschwung und die Schultern, die getrennt bewegt werden. "Die Europäer können das einfach nicht, und sie sind steif", sagt er. Versuchen sie ein Körperteil zu schwingen oder zu schütteln, rüttele der Rest auch gleich mit. Die typische Armhaltung ist für Anfänger ebenso gewöhnungsbedürftig. Das Paar hält die Arme angewinkelt, aber stets locker genug, um sie kreisend zu bewegen.

Den Rhythmus im Blut brauchen auf Kuba vor allem die Männer. Sie führen die Frau, die einem guten Tänzer einfach nur zu folgen braucht. Denn eine Eigenheit des kubanischen Salsa ist, der Frau relativ wenig Freiraum in den Figuren zu lassen. Sie wird selten ganz losgelassen. Der Mann dominiert, und sie folgt oft nur seinen angedeuteten Impulsen, wie etwa einer erhobenen Hand.

Doch der kubanische Salsa ist alles andere als engstirnig. Improvisation und eine weniger strenge Figurensprache prägen den Tanz. Eine Strömung heißt "De la calle" - zu deutsch: auf der Straße. Eine weitere Besonderheit auf Kuba: Das Paar dreht sich um einen gemeinsamen Mittelpunkt. In Abwandlungen, die sich etwa in New York (New-York-Style) und Los Angelos (L.A.-Style) entwickelten, läuft und dreht sich das Paar eher auf einer Linie.

Ohne Schweiß keinen Hüftschwung

Tito rinnt schon nach wenigen Unterrichtsminuten der Schweiß über die Stirn, die Deutschen sind bereits nass geschwitzt. Der schwarze Ventilator unter der fünf Meter hohen Decke bringt kaum einen Lufthauch in den Tanzsaal mit bröckelndem Putz und holzwurmzerfressenen Tischen. Hier gibt es keinen Luxus für die zahlungskräftigen Touristen, die alle paar Wochen für ein paar Tage auftauchen.

Abends spielt man hier für die Nachbarschaft. Fremde verirren sich dann nicht in das Viertel. Es ist zu gefährlich. In organisierten Touren werden sie morgens von Taxis direkt vor dem Tor abgeliefert, mittags geht es zurück ins Hotel.

Nach einem ermunternden Grinsen von Tito für seine hüftsteifen Schüler pfeift er die Lehrer herbei. Gruppenunterricht gibt es nicht, jeder Schüler hat einen Lehrer, lernt im eigenen Tempo und auch andere Schritte als seine Mitschüler. Hier tanzt eine bunt zusammengewürfelte Gruppe Fremder: Sie haben den Tanzkurs als Baustein eines Reisepaketes gebucht.

Ein Geschwisterpaar reist von Ort zu Ort. Immer neue Salseros führen sie in die Geheimnisse des karibischen Rhythmus ein. Nachmittags zeigen diese ihnen auch gleich als Fremdenführer die Region, gehen mit ihnen in Museen oder zu Konzerten.

Praxistest auf der Piste

Abends folgt mit den Tanzlehrern der Praxistest. Dafür zahlt man ihnen nur den Eintritt und die Drinks, sagt Tito. Diese Events sind meist nur für Touristen aufgezogen. Ins echte kubanische Nachtleben nimmt Tito sie nicht mit.

Denn wenn Kubaner ausgehen, gehen sie selten in Clubs, sagt er. Ihnen reiche das Flanieren auf Dorfplätzen oder in Havanna entlang der berühmten Strandpromenade Malecón. Von irgendwoher schallt immer Musik, und an irgendeiner Straßenecke tanzt auch immer jemand.

So eine Ecke ist die Kreuzung Heredia, Padre Pico in Santiago de Cuba. Hier schallt jeden Abend bis in die Nacht hinein, aber auch schon mal am Tage aus einem der Häuser fröhliche Musik. Am frühen Vormittag schmettert es oft aus Hausnummer 303 dagegen an. Rafael Santisteban gibt eine Tanzstunde auf der Dachterrasse. Oft sind es Touristenpärchen, die zugleich das einzige Gästezimmer in dem eingeschossigen Privathaus bewohnen. Auf einer Hauswand hat sich ein gutes Dutzend von ihnen mit Namen und Sprüchen verewigt.

Jetzt stehen auf dem Dach drei Deutsche aus einem örtlichen Hotel. Sie sind zufällig am Haus vorbeigekommen, haben die Musik gehört und beim Blick nach oben auf der Dachterrasse Menschen tanzen gesehen. Rafael hat innerhalb einer Stunde zwei weitere Lehrer herbeigeholt - jeder bekommt auch hier seinen eigenen.

Eins, zwei, drei, Pause, eins, zwei drei, Pause. Rafael klopft die Schrittfolge auf Klanghölzer und spricht sie mit. Er muss improvisieren, wie so oft auf Kuba. Seit Stunden ist der Strom weg, sein Radio spielt nichts ab. Ihn stört das nicht, es komme öfters vor. Die irritierten Urlauber haben dennoch innerhalb einer Stunde den Grundschritt und zwei einfache Drehungen gelernt.

Umgerechnet rund 40 Euro zahlen die drei gemeinsam für zwei Stunden Unterricht. Dazu noch eine CD mit den Unterrichtsklängen, die heute keiner hören konnte - diese abzunehmen gehört in den Tanzschulen und bei jedem Konzert in einer Bar zum guten Ton.

Die Urlauber sind glücklich - sie können abends in einer der Bars und Musikhäuser ein paar Schritte mittanzen. Das ist wichtig, denn bei den Konzerten bleibt kaum jemand auf seinem Stuhl sitzen. Schnell wird in den engen Räumen jeder Quadratzentimeter für einen Tanz genutzt. Dicht an dicht stehen die Menschen mehr, als dass sie tanzen können. Aber es reicht für den Grundschritt: kurz-kurz-lang und die Hüften schwingen, die Schultern wackeln. Da können auch die Touristen nach zwei Unterrichtsstunden mithalten.

Simone Andrea Mayer/dpa/mal

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