San-Blas-Archipel in Panama Dollar statt Kokosnuss

Oh, wie schön ist Panama, lässt Janosch seinen gezeichneten Tiger seufzen. Und traumhaft schön sind Strände, Kolonialstädte und Dschungel des Landes tatsächlich. Die Ureinwohner des San-Blas-Archipels haben inzwischen Geschmack an zahlungskräftigen Besuchern gefunden.


Panama-Stadt - Der Tourismus in Panama ist aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Der berühmte Kanal mit mächtigen Schleusen und Ozeanriesen ist nur noch eine unter vielen Attraktionen. Auch Urlauber aus Deutschland entdecken langsam den Charme von Kolonialstädten, feinsandigen Buchten und Inseln sowie die üppige Flora und Fauna in fast unberührten Dschungelregionen. Ungezählte Buchten, Strände und Tauchgründe gibt es an der 763 Kilometer langen Karibikküste und an den 1227 Kilometern am Pazifik.

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Panama: Zu Besuch bei den Kunas

Manche Ureinwohner wie die Chocoe-Indios leben noch zurückgezogen als Jäger und Sammler im riesigen Naturschutzreservat Darien. Dagegen haben die selbstbewussten Kuna im San-Blas-Archipel an der Karibikküste die finanziellen Reize des Fremdenverkehrs längst entdeckt. Der US-Dollar hat die Kokosnuss als Zahlungsmittel bei diesem kleinwüchsigen Volk seit Jahren ersetzt. Ansonsten halten die 45.000 Kuna, die am Wasser wohnen, an ihren Traditionen fest.

Die Reise zu ihren Inseln beginnt auf dem kleinen nationalen Airport in Panama-Stadt, der Hauptstadt des mittelamerikanischen Landes. Kurz nach dem Start der Twin Otter ist der Blick spektakulär: Container- und Kreuzfahrtschiffe, die Miraflores-Schleuse, der Kanal, Lastwagen, die ihn auf der Brücke am Pazifik überqueren - alles ist deutlich zu erkennen.

Twin-Otter-Flug über die Karibik

Nun schwenkt die Propellermaschine kurz über das Wasser und dann nach Norden. Unten liegen die Altstadt mit Regierungs- und Kolonialbauten, Bankenviertel und Wolkenkratzer der Metropole. Kein Wölkchen trübt den Blick. Die Passagiere blicken auf die Ruinen der Siedlung Panama Vieja, von den Spaniern gegründet im Jahre 1519. Nach einem Feuer wurde 1673 mit dem Bau der heutigen Stadt begonnen.

Etwa 25 Minuten sind es über Berge, Täler und Urwald zum Atlantik. Der Wind bläst stark, die Maschine schaukelt kräftig. Der erste Tourist greift zur Tüte. Alles da unten ist nun Kuna-Land. Die meisten der knapp 400 Inseln und Inselchen liegen nahe am Festland, wo die Kuna Kokosnüsse und Mais ernten. Die Twin Otter fliegt weiter tief über unzähligen Grün- und Blautöne der Karibiksee, über helle Strände, Palmenhaine, Riffe und Inseldörfer, in denen die Hütten aus Fasern, Blättern und Holz dicht an dicht stehen. Nur 40 Inseln sind bewohnt, andere so klein, dass gerade mal drei Palmen Platz haben.

"Wir hatten schon schlimmeren Wind", sagt Gonzalo Gonzales nach der harten Landung auf der Asphaltpiste von Playon Chico. Der 32-jährige Pilot zeigt stolz auf die Twin Otter. "Die hat weit über 20 Jahre und nur ordentliche Landungen auf dem Buckel." Etwa 90 Dollar (74 Euro) kosten die zweimal 40 Minuten Flugspaß.

"Touristen sind willkommen, müssen aber unsere Sitten respektieren"

Ananigdele Guillen arbeitet als Bedienung in der "Sapibenega Lodge" auf einem Inselchen, das zehn Bootsminuten entfernt ist. Die 20-Jährige trägt wie viele Frauen hier eine aufgemalte schwarze Linie von der Stirn zur Nasenspitze, ein rotes Kopftuch mit gelben Mustern, einen bunten Wickelrock und die typische kurzärmelige Bluse, Mola genannt.

Um Arme und Waden hat Ananigdele gelbe Perlenschnüre gewickelt. Auch glitzernde Ringe und Kettchen gehören zum Schmuck einer Kuna-Frau. Mit handgefertigten Mola-Textilien wirbt Panama auf Messen in aller Welt für seinen Tourismus. Die vielfarbigen Ornamente entstehen aus mehreren Stofflagen.

"Wir sind ein armes Volk. Touristen sind willkommen, bringen uns Arbeit, müssen aber unsere Sitten respektieren", sagt Ananigdele. Sie ist wie alle Kuna stolz auf ihre Vorfahren. Nach blutigem Aufruhr vor etwa 80 Jahren erhielt ihr Volk eine weitgehende Autonomie von Panamas Regierung. Für Nicht-Kuna ist es bis heute fast unmöglich, im San-Blas-Archipel Land zu erwerben.

Wegen fehlender Auslandsinvestitionen sind die meisten Hotels und Herbergen schlicht - auch 20 Flugminuten entfernt in der Region um El Porvenir. In der Umgebung legen Kreuzfahrtschiffe an. Für Inselausflügler präsentieren Scharen von Kuna-Frauen ihre Handarbeiten, und Kinder mit bronzefarbener Haut rufen: "Photo, photo, one dollar please."

Lodge mit Bambusbungalows und Bar

Im bei Globetrottern populären Hotel "San Blas" auf Nalunega sind Sandfußboden, Bambuswand, Gemeinschaftsbad, drei Mahlzeiten und Bootstour ab insgesamt 40 Dollar (33 Euro) zu haben. In der etwas edleren "Kuna Niskua Lodge" mit Solarenergie auf Wichub Wala kostet solch ein Paket etwa 50 Dollar (41 Euro).

Zurück zu Playon Chico und "Sapibenega". Poliwitur Sapibe aus dem nahen Inseldorf und seine Frau Alexandra sind die stolzen Eigentümer der Anlage: "Wir haben uns einen Lebenstraum erfüllt und arbeiten hart dafür", sagt der 47-Jährige. Die Eigentümer der Lodge mit Bambusbungalows, hohen Palmen, Restaurant und gut bestückter Bar sind aus Kuna-Sicht unermesslich reich. Ein Tag und eine Nacht mit Essen, Cocktails, Ausflügen zum Fischen und Baden kostet 125 Dollar (103 Euro).

Ein Spaziergang durch das nahe Dorf zeigt nicht nur Tradition und Ursprünglichkeit, sondern auch Probleme wie Armut und Abfall. Die Dorfältesten verknüpfen in der hölzernen Versammlungshalle ihre Siesta in der Hängematte mit einem Touristen-Plausch. Ihre Kuna-Sprache wird ins Spanische und Englische übersetzt.

Auf der Airportinsel, zu der ein Steg führt, liegt die Schule. Fast alle Kuna-Kinder können Spanisch, etwa 80 Prozent schreiben und lesen. Die Pennäler tragen weiß-dunkelblaue Einheitskleidung - auch das ein Tribut an die Zivilisation.

Von Bernd Kubisch, gms



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