San Diego Das Leben ist eine lange Welle

Gesurft wird immer: vor der Arbeit, am Mittag, am Abend - neben Anzug und Krawatte gehört der Neoprenanzug zur Garderobe. San Diego ist mit seinen langen Stränden und dem konstant schönen Wetter selbst unter den kalifornischen Sonnenstädten etwas Besonderes.


San Diego - Als Alonzo Erastus Horton 1867 in San Diego von Bord eines Dampfschiffes stieg, war er begeistert. Fast überall auf der Welt sei er schon gewesen, sagte der Multimillionär, "aber dies ist der schönste Platz für eine Stadt, den ich jemals gesehen habe." Horton war nicht der Erste und auch nicht der Einzige, der sich auf der Stelle in die sonnige Stadt am Pazifik verliebte. 21 Grad Celsius Durchschnittstemperatur, rund 300 Sonnentage im Jahr und dazu mehr als 100 Kilometer feinster Sandstrand - San Diego hat auch für kalifornische Verhältnisse herausragend viel zu bieten.

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San Diego: Surfers Paradies

Schwüles Wetter, wie es manchmal an der US-Ostküste herrscht, kennt man hier nicht. "Auch von Regen und Hurrikanen bleiben wir meist verschont", sagt Joe Timko von der Besucherinformation. "Hier gibt's höchstens mal ein Erdbeben." Mit dieser Gefahr leben die Kalifornier, in San Diego ebenso wie im rund 250 Kilometer entfernten Los Angeles oder noch 550 Kilometer weiter in San Francisco.

Das Leben in San Diego findet überwiegend draußen statt - an den Stränden, in den Parks oder auf dem Meer. Kaum irgendwo sonst gehört das Wellenreiten so zum Alltag wie in San Diego. Die Fahrräder, die hier "Beach Cruiser" heißen, haben eigene Halterungen für die langen Surfbretter. Viele Leute fahren Pick-ups, weil das Board besser auf die Ladefläche als in einen Kofferraum passt. Und gesurft wird immer: "Vor der Arbeit, in der Mittagspause und natürlich ausgiebig am Abend", sagt Timko. Neben Anzug und Krawatte gehört der Neoprenanzug zur Garderobe - denn der Pazifik ist auch in den Sommermonaten kühl.

In erster Reihe zum Meer

Die Strandviertel La Jolla, Mission Beach und Pacific Beach liegen nördlich des alten Stadtkerns "Old Town" und der heutigen Innenstadt. In diesen Gemeinden lebt man am Strand, in erster, zweiter oder dritter Reihe zum Meer. Den Pacific und den Mission Beach verbindet eine rund fünf Kilometer lange Promenade, auf der Inline-Skaten, Joggen und Radfahren genauso wichtig ist wie das Gesehenwerden.

Gediegener geht es weiter nördlich zu: La Jolla ist eigentlich eine eigene Gemeinde und liegt gut 22 Kilometer vom Stadtkern San Diegos entfernt. Der Ort mit seinen 24.000 Einwohnern ist ein bisschen Künstlerkolonie und ein bisschen Nobelvorort. Wer hier die Bucht am "La Jolla Cove" besucht, mit dem Kajak aufs Meer hinausfährt oder eben mit einem Beach Cruiser durch die Straßen fährt, bekommt die schönsten Einblicke.

Ebenfalls ein selbständiger Ort und dennoch im Sprachgebrauch eingemeindet ist Coronado, eine vorgelagerte Insel, die über eine 3,4 Kilometer lange Brücke zu erreichen ist. Zwei Dinge fallen hier sofort ins Auge: die Präsenz der US-Seestreitkräfte und das "Hotel del Coronado", von den Einheimischen kurz nur "Hotel Del" genannt.

"Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele pensionierte Admiräle pro Quadratkilometer wie auf Coronado Island", sagt Busfahrer "RJ" bei seiner Tour durch die Villengegend. Die hochrangigen Pensionäre machen es sich im Ruhestand gemütlich in ihren gepflegten Heimen. "Die Häuserpreise sind siebenstellig, kein Haus darf wie das des Nachbarn aussehen", erzählt "RJ". Aber es gibt nicht nur Altgediente in Coronado: Rund 160.000 Menschen in der Region haben mit dem Militär zu tun, als Soldaten und Angestellte. Die "Naval Base Coronado" ist neben Norfolk in Virginia die größte US-Marinebasis.

Drehort des Films "Manche mögen's heiß"

Während ein großer Teil der Insel militärisches Sperrgebiet ist, ist das "Hotel Del" ein quicklebendiges Denkmal. Hier wohnt, wer Geld hat und prominent ist. US-amerikanische Präsidenten nächtigen in schöner Regelmäßigkeit mit Blick auf den weißen, feinsandigen Strand. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass der englische König Edward VIII. in den viktorianischen Gemäuern erstmals Wallis Simpson traf, damals eine reiche Ehefrau aus San Diego. Wegen ihr verzichtete er dann 1936 auf den Thron. Für Marilyn Monroe, Tony Curtis und Jack Lemmon war das Hotel der Drehort des Films "Manche mögen's heiß".

Ein weiteres Gerücht, Thomas Alva Edison höchstselbst habe das Hotel mit Elektrizität versorgt, haben Historiker allerdings widerlegt. "Edison ist auch nur einmal Gast gewesen, 1915 zur Panama-Kalifornien-Ausstellung", sagt Hotelsprecherin Lauren Ash Donoho. Diese Ausstellung zur Eröffnung des Panama-Kanals begründete eine der Oasen in San Diego: den Balboa Park. Dort gibt es nicht nur eine der größten Ansammlungen von Museen in den Vereinigten Staaten und den weltbekannten "San Diego Zoo". Die rund 5,6 Quadratkilometer große Parkanlage ist auch die grüne Lunge der Stadt.

Den größten Anteil daran hat die Gärtnerin Kate Sessions. Sie verwandelte das wüste Buschland um das Jahr 1900 in mühevoller Kleinarbeit in eine grüne, blühende Parklandschaft. Die Gebäude zur Panama-Kalifornien-Ausstellung entwarf der New Yorker Architekt Bertram Goodhue im spanischen Kolonialstil. Einige der Gebäude beherbergen heute die Museen im Balboa Park.

Zwar kein Museum, aber durchaus geschichtsträchtig ist das Areal südwestlich des Balboa Parks, das heute "Gaslamp Quarter" heißt. Alonzo Horton kaufte hier, direkt am Wasser gelegen, 334 Hektar Land zum Spottpreis von 250 Dollar. "Er teilte das Land in einzelne Parzellen und verkaufte sie für ein Vielfaches", erzählt Busfahrer "RJ". Aber Horton verkaufte nicht nur Land - er investierte auch in das Stadtbild. In den Zeiten des Goldrausches, in denen die Einwohnerzahl auf gut 40.000 wuchs, war das ein lukratives Geschäft.

Opiumhöhlen und Bordelle im Gaslamp Quarter

Vielen Kaliforniern gilt Horton als der "Vater San Diegos". Für andere nehmen diese Rolle die Entdecker ein, die unter spanischer Flagge schon einige Jahrhunderte früher in San Diego die Anker warfen. Juan Cabrillo war 1542 der Erste, ihm folgte 60 Jahre später Sebastián Vizcaíno, der dem Örtchen San Miguel den endgültigen Namen San Diego gab. Gaspar de Portolá errichtete 1769 einen Militärposten und der Franziskaner Junípero Serra die erste kalifornische Mission. Sie ist noch heute als "Old Town" zu besichtigen - ein Freiluftmuseum, das das Leben der Siedler darstellt.

Das sichere Leben fernab des Meeres war allerdings nicht das, was sich Alonso Horton vorstellte. Seine Vision war das Leben am Wasser, eine Stadt am Meer. Während des kalifornischen Goldrausches ging sein Plan auf - als allerdings die Goldreserven erschöpft waren, schrumpften die Bevölkerung und deren Reichtümer. Die einst schicke und reiche Innenstadt wurde zu einem ausgedehnten Rotlichtviertel.

"Wyatt Earp, der legendäre Sheriff von Dodge City, war hier Saloon- und Spielhöllenbesitzer", erzählt Dan Flores, einer der Geschäftsführer der Gaslamp Quarter Association. Es gab Kneipen und Opiumhöhlen, die Prostitution lief im späten 19. Jahrhundert auf Hochtouren: "120 Bordelle gab es in dem Viertel, das man damals Stingaree nannte", sagt Flores. Es hieß, man könne dort genauso gestochen werden wie von den Stachelrochen (Stingaree), die in der Bucht schwimmen.

Das historische Viertel war mehrere Jahrzehnte lang sich selbst überlassen, ehe sich vor gut 30 Jahren eine Initiative gründete, die den Stadtteil retten wollte. Heute ist "The Gaslamp" ein schickes Viertel mit kleinen Geschäften, Theatern, Bars und Restaurants. Die Gaslaternen sind alle neu - "damit wollen wir die 16 Blocks markieren, in denen früher das Stingaree war", sagt Flores.

Direkt neben den mehr als 120 viktorianischen Gebäuden bietet San Diego Hochmodernes, etwa das Kongresszentrum, eine große Konstruktion aus Glas und Stahl, die an einrollende Wellen erinnert. Ein Stück weiter drängt sich eine Hand voll Wolkenkratzer, die man nur vom Wasser aus richtig sehen kann. Eine richtige Skyline ergeben sie noch nicht - auch wenn San Diego heute die siebtgrößte Stadt der USA ist. Der Ort erstreckt sich über sehr viel Fläche - an der Küste und im Hinterland. "Dadurch haben wir so viele Strände", sagt Timko. Und das ist wichtig in San Diego - für Einwohner und Touristen gleichermaßen.

Von Verena Wolff, gms



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