Sansibar: Geh hin, wo der Pfeffer wächst

Von Andrea Lammert

Dieser Name zergeht auf der Zunge: San-si-bar. Pfeffrig, betörend und pikant wie seine berühmtesten Produkte. Die Gewürzinsel ist eine schillernde Mischung der Kulturen, Religionen und Ethnien. Wer sich auf das Abenteuer einlässt, wird reich belohnt.

Sansibar ist ein eigenes Land – zumindest bei der Einreise. Denn dort drückt der Zollbeamte einen Stempel in den Pass: "Zanzibar Seaport Immigration". Direkt neben das Visum vom Mutterland Tansania. Sansibar stempelt sich selbstbewusst neben die anderen Nationen. Die Insel ist anders, nicht nur ihrer Gewürze wegen.

Doch nach Nelken oder Zimt riecht zunächst gar nichts. Der Hafen der Insel verströmt die Gerüche von Schiffsdiesel und Fisch. Mit der letzten Nachmittagsfähre kehren viele Einheimische zurück auf ihre Insel – aber auch viele Touristen. Sie haben genug von den Strapazen des langen Sitzens während der Safaris auf dem Festland. Bevor sie ihre Körper an den Stränden wie Ras Nungwi oder Paje ausstrecken, stoppen sie in Stonetown.

Die Unesco adelte die Hauptstadt des Sansibar-Archipels zum Weltkulturerbe. Schimmel und salzige Meeresluft haben der ehemals mächtigen Handelsstadt stark zugesetzt. Schwarzfleckig gammelt der angegraute Korallenkalk mancher Sultanspaläste vor sich hin wie Karies in einem schönen Gebiss. Aber das Gebiss wird saniert. "Pole pole", wie Mister Ibrahim, Manager des Pyramidhotels das Motto des Landes, sagt: In Tansania gehe eben alles langsam. Manche Prachtbauten der Stadt sind bereits restauriert. Ihre grellweiße Reinheit blendet unter der Äquatorsonne, die schweren geschnitzten Holztüren locken die Hände, diese Schönheit anzufassen.

Ein Jahrmarkt für Augen und Magen

Sansibars Altstadt gleicht einem Labyrinth aus engen Gassen. "Nirgendwo kann man sich schöner und geheimnisvoller verlaufen als in Stonetown", schwärmt Joanna aus Finnland. "Es ist wie in 1001 Nacht." Am Tag zuvor irrte sie mit ihrer Freundin Tiina durch die Gassen auf der Suche nach ihrem Hotel. Das einzige Schild weit und breit verwies auf ein Restaurant mit Dachterrasse. Sie folgten der Aufforderung und blickten verdutzt auf das Nachbargebäude: "Es war unser Hotel."

Nicht nur die Dachrestaurants sind schmeckenswert. Die größte Gastwirtschaft der Stadt öffnet bei Sonnenuntergang vor dem House of Wonders. Auf dem Platz am Wasser bieten fliegende Händler Fischspieße, Gewürzpizza, gegrillte Tintenfische oder frisch gepressten Zuckerrohrsaft an. Ein Jahrmarkt für Augen und Magen. Und eine Entdeckung für den Gaumen.

Bekanntestes kulinarisches Exportprodukt sind die Gewürze. Das Archipel ist der größte Nelkenlieferant der Welt. Bester Kenner der Gewürzwälder ist Mr. Mitu, die lebende Legende der Insel. Er sei steinalt, behaupten einige. Er habe sehr starke Malaria und sieche dahin, verbreiten andere. Statt hinfällig zu schlurfen, schlendert Mr. Mitu locker in sein Geschäft und wartet auf Touristen für die Gewürz-Tour. Er könnte 50 sein, nur wenige Falten durchziehen seine zimtbraune indische Haut. "Ja, Malaria habe ich", gibt der 68-Jährige zu und lächelt. "Aber ich habe auch eine gute Medizin dagegen." Eine natürliche versteht sich. Die Blätter des Niembaumes braut er sich als Malariatee. Im Selbstversuch hat er getestet: Es wirkt.

Moscheen neben Kirchen und Hindutempeln

Mit der Spürnase des indischen Geschäftsmannes erkannte Mitu in den sechziger Jahren das große Interesse der Touristen an mehr Informationen über die Gewürze. Die Menschen wollten sehen, wo der Pfeffer wächst, Muskatnüsse vom Baum pflücken und Zimtrinde zwischen den Händen reiben. "Inzwischen wurde seine Idee auf der Insel oft kopiert, aber Mitu bleibt das Original", berichtet Monsieur Ibrahim.

Mitus Wissen ist vergleichbar mit dem einer europäischen Kräuterhexe. Er kennt die Wirkungen aller Gewürze und Gewächse der Insel. Henna für die Haare, Papayasamen gegen Verstopfung, Muskatnuss als Aprodisiakum, Ingwer gegen Reisekrankheit oder Zitronengras für Verdauungsprobleme. All diese Gewächse gedeihen an Bäumen oder wurzeln unter der Erde. Edle Zutaten pflückt Mr. Mitu frisch vom Baum, reicht dazu die passende Geschichte und beim Zwischenstopp auch das Gericht.

Würzig und vielfältig wie eine Masala-Würzmischung mutet die Insel auch außerhalb der Gewürzfarmen an. Schwarz verschleierte Musliminnen huschen in den Bus, wallend und bunt gekleidete Hindus bieten Ware feil, dazwischen Touristen aus christlichen Ländern. 80 Prozent der Inselbewohner folgen dem Muezzin, dessen Ruf um 5 Uhr morgens die Nachtruhe beendet. Hier steht die Moschee wenige Meter entfernt vom Hindutempel, und am belebten Marktplatz läuten sonntags die Glocken der anglikanischen Kirche. Die Hennamalerin unterbricht ihr Kunstwerk auf der Haut ihrer indischstämmigen Kundin für einige Minuten, weil es Zeit ist, nach Mekka zu beten. Sansibars Gesichter sind bunt wie Gewürzregale.

Das Rezept, Alltägliches zu verfeinern

An den Zuckerstränden der Ostküste stehen im Morgengrauen einheimische Frauen in ihren bunten Kleidern weit im türkisgrünen Meer. Bis zur Hüfte reicht ihnen das Wasser, sie legen Netze aus für den vegetarischen Fang: Seegras für Kosmetik und Lebensmittelindustrie. Bunte Korallenbänke laden zum Schnorcheln ein. Im Sand liegen, Möwen zählen, Muscheln sammeln oder Delfine beobachten – so geht der Tag für Touristen dahin.

Zahlreiche Veranstalter haben sich auf Tagestrips namens "Schwimmen mit den Delfinen" spezialisiert. Die meisten starten an der Südspitze der Insel, in Kizimkazi. Wie beispielsweise das kleine Holzboot namens "Rambo": Vier Passagiere gehen an Bord. "Rambos" Kapitän startet den Außenbordmotor und fährt gen Horizont. Delfine springen aus dem Wasser, umkreisen das Boot und sausen pfeilschnell wieder außer Sichtweite. Die vier Touristen setzen ihre Taucherbrillen auf und springen in die Fluten. Wer Glück hat, kommt ihnen ganz nah.

Doch was die Touristen als einmaliges Erlebnis empfinden, ist Naturschützern ein Dorn im Auge. Sie sorgen sich, dass solche Aktionen die verspielten Tiere von ihren Stammplätzen vertreiben könnten.

Ab und zu weckt eine Schwade Kardamomkaffee den Urlaubsträumenden und lockt zur Strandbar hinüber. Der tropische Wind trägt sie nach Osten – gen Indien. So feurig, mild, pikant und exotisch wie die Gewürze die Geschmacksnerven öffnen, so bleiben die Eindrücke von Sansibar im Gedächtnis. Kardamom im Kaffee, Kokos in den Garnelen, Kurkuma an den Bohnen, Nelken im Reis, Pfeffer im Tee – die Einwohner dieser Insel haben ein Rezept, Alltägliches zu verfeinern. Exotisch wie eine Prise Indien, erdig wie ein Löffel Afrika und sinnlich wie ein Hauch Arabien. So hinterlässt die Insel bei der Ausreise ihre eigene Spuren im Pass der Reiseerinnerungen.

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Sansibar: Insel der Gerüche und Geschmäcker