Sansibar: Plattenbauten im Paradies

Von Gordon Repinski

Sklaveninsel, Sultansreich und sozialistische Realität - Sansibar hat eine bewegte Vergangenheit. Heute entdecken immer mehr Touristen und Investoren die Gewürzinsel im Indischen Ozean. John da Silva, Künstler und Denkmalschützer, macht sich Sorgen um die Zukunft.

Die Morgensonne brennt auf der Haut. Im türkisfarbenen Wasser des Indischen Ozeans spiegelt sich der majestätische Turm des "House of Wonders", des auffälligsten Gebäudes von Sansibar-Stadt. Ein Dhaw, ein Fischerboot mit großem, handgeknüpftem Segel, kreuzt am Horizont. John da Silva steht am Strand und deutet auf das Schiff: "Die kommen gerade vom Fischen." Sein langer grauer Rauschebart bewegt sich im leichten Seewind.

Vor über 60 Jahren ist John mit seinem Vater aus dem indischen Goa in die Hauptstadt von Sansibar gekommen. Als Kind hat er noch den letzten Sultan erlebt, für den der Vater Kleider schneiderte. John fing an, als Künstler zu arbeiten, malte mit Wasserfarben, bereiste Europa und wurde zu einem der berühmtesten Bewohner des Inselparadieses. Heute macht er sich Sorgen um Sansibars Zukunft. "Der Tourismus hat die Jugend korrumpiert. Keiner geht mehr einem richtigen Beruf nach."

Wer Sansibar besucht, befindet sich nur geografisch in Afrika. Der Archipel vor der Küste Tansanias ist ein Schmelztiegel vieler Kulturen, besonders deutlich sind die Einflüsse aus dem Orient. Vor über tausend Jahren besuchten erstmals Araber die Hauptinsel Unguja. Im 15. Jahrhundert kamen die Portugiesen, dann die Perser. Am Ende des 19. Jahrhunderts trieb der Geschäftssinn die Inder in Scharen nach Sansibar. Heute treffen in den engen Gassen der Altstadt Stone Town arabische Geistliche und indische Geschäftleute aufeinander. Fliegende Händler kommen vom tansanischen Festland, um Holzschnitzereien oder Lackmalereien zu verkaufen oder Mangos, Papayas, Bananen und Ananas anzubieten.

Die Altstadt Stone Town ist Weltkulturerbe

John da Silva richtet seine Fotokamera auf ein Haus im Zentrum der Stadt, das für Touristen hergerichtet wurde. "Sehen Sie sich das an! Die haben einfach den alten Balkon abgerissen und ersetzt. Ganoven sind das!" Seit sieben Jahren ist Stone Town mit ihren alten Steinhäusern und verspielten Holzbalkons Weltkulturerbe der Unesco. "Hier im Ort kümmert sich keiner darum. Die Leute sehen nur das schnelle Geld, was sie an den Touristen verdienen können."

John will nicht tatenlos zusehen, wie die geschichtsträchtigen Bauten dem Hotelboom zum Opfer fallen. Die Fotos macht er, um den Raubbau an der jahrhundertealten Substanz zu dokumentieren und darauf aufmerksam zu machen. Von jedem Platz, jeder Gasse, jedem Winkel hat er zudem im Laufe der Jahre Bilder gemalt. Jetzt lässt er von diesen mittlerweile historischen Motiven in London Postkarten drucken und auf Sansibar verkaufen. "Die Leute sollen die Karten sehen und fragen – Wo ist das geblieben? Wer hat es zerstört?"

In seiner Wohnung in einem Altstadt-Haus im arabischen Stil lebt John mit seinen Nichten Zita, Francine und dem kleinen Stiefsohn Kyle. Die aufwendigen Schnitzereien in den Türen erinnern an die Hochkultur der Omanis, die bereits im 17. Jahrhundert Häuser dieser Art errichten ließen. Die Träume der Kinder erinnern eher an weltliche Dinge: Zita ist 16 Jahre und will Stewardess werden, die 14-jährige Francine würde am liebsten so tanzen wie Jennifer Lopez, und der vierjährige Kyle sieht seine Zukunft als Spiderman. Zwischen dem alten Maler John und den jungen Sansibaris liegen gefühlt mehr als zwei Generationen.

Stabile Wände, viele Zimmer

Wenige hundert Meter entfernt von der Welterbe-Altstadt, am Rande der Hauptstadt beginnen triste Plattenbau-Siedlungen. Tansania war in den sechziger und siebziger Jahren politisch geprägt vom "afrikanischen Sozialismus" des Staatspräsidenten und Friedensvermittlers Julius Nyerere. Und so kam auch die Entwicklungshilfe in Zeiten des Kalten Krieges vor allem aus den sozialistischen Bruderstaaten. Was heute davon übrig geblieben ist, sind Wohnungsbauten, wie sie auch in Berlin-Marzahn stehen könnten - abgesehen von den wuchtigen Palmen davor.

In einem der Gebäude wohnt der 30-jährige Bino mit seiner Familie. Die Einrichtung seiner Wohnung ist karg. Einzelne Möbelstücke, eine alte Matratze im Schlafzimmer, im Bad ein Waschbecken, das so aussieht, als ob es schon lange nicht mehr funktioniert. Er selbst ist zufrieden. "Die Wohnungen sind gut, es gibt eine Toilette, stabile Wände, viele Zimmer." Sein Vater ist Italiener. Er kam einst als Gastarbeiter nach Sansibar, um beim Bau der Flughafenstraße zu helfen. Bino kennt ihn nicht. Nach Ende der Anstellung verließ er die Insel wieder, zurück blieben seine Kinder und ihre Mutter. Mit Gelegenheitsjobs versucht Bino, sie und seine eigenen Kinder zu ernähren. "Es ist schwer", sagt er. "Ich habe als Touristenführer gearbeitet, aber jetzt ist das Unternehmen pleite." Sein Lächeln hat er nicht verloren.

Der Kleinbus Dalla Dalla nach Nungwi, in das touristische Zentrum Sansibars im Norden der Insel, kostet 1500 Schilling. Das sind etwa 90 Cent für 45 Kilometer Fahrt in einem Fahrzeug, dessen Ladefläche mit einem Dach versehen und zu einem Personentransport umgebaut wurde. Man sitzt sich auf zwei Bänken gegenüber, in den anderthalb Stunden Fahrt wird es immer voller und enger, jeder kommt mit. Am Ende der Fahrt hängen drei junge Männer außen am Dach, drinnen sitzen Frauen mit Burka neben Jungen mit schnatterndem Geflügel auf dem Schoß.

Noch fehlt die Infrastruktur

Nungwi erfüllt alle Urlaubsträume seiner Besucher. Hier finden sie weiße Sandstrände, hellblaues Meer, Kokospalmen, Felsen und Muscheln. In der Hauptsaison, von Mitte Dezember bis Februar, sieht man mehr Weiße als Schwarze an dieser äußersten Spitze der Insel. Ab und zu schreiten Massai am Strand auf und ab. "Vor der Küste sind einige der schönsten Riffe der Welt", sagt Peter aus Irland. Er weiß, wovon er redet. Seine Freundin arbeitet im Sudan, er hat auf Sansibar einen Job als Tauchlehrer gefunden. Vorher hat er in Asien gearbeitet – wenigstens sind sie nun auf demselben Kontinent.

Schon nach ein paar Wochen in Sansibar bemerkte Peter die Unterschiede zu Südostasien: Trotz der vielen Hotelkomplexe, die überall lärmend entstehen, wächst die Infrastruktur hier nicht mit. Die einzige Straße nach Norden ist erst jüngst geteert worden. "Wir haben in der Tauchschule immer noch kein fließendes Wasser", beschwert er sich und zeigt auf das Dach des Hauses. Dort wird Regen aufgefangen und in einem notdürftig hergerichteten Tank gespeichert. Ohne Regen gibt es aber auch kein Leitungswasser.

Ein paar Schritte am Strand entlang, hinter einer der vielen Baustellen, befinden sich die Baraka Bungalows. Ali sitzt in seinem Stuhl und starrt auf das Radio, welches leise vor sich hin dudelt. "Jedes Jahr steht hier ein Hotel mehr. Jetzt bauen sie schon Fünf-Sterne Anlagen." Ali wurde in Nungwi geboren, heute ist er 50 Jahre alt. 1996 war er einer der Ersten, der an Touristen Zimmer vermietete. Mit nur einer einzelnen Holzhütte hatte er angefangen. Dann brannte das ganze Grundstück ab, Ali fing wieder von vorne an und baute alles wieder auf. Heute bedrohen große Hotelprojekte seine Existenz.

In Stone Town hat John da Silva mittlerweile eine neue Kartensendung aus London geschickt bekommen. Er sortiert die verschiedenen Motive. Dabei ist auch eins aus den siebziger Jahren. Vor den alten Häusern sieht man Straßenmusiker mit Schlaghosen. "Dies ist mein Lieblingsmotiv. Damals war die beste Zeit hier."

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