São Tomé & Príncipe Inseln der Illusionen

Sandstrände, Kokospalmen, Wasserfälle und Luxushotels: São Tomé und Príncipe sind ein Urlaubsziel der Spitzenklasse. Doch seit man vor der Küste riesige Ölfelder gefunden hat, sind Geld und Macht wichtiger als Gäste und Tourismus - so schlummern die Inseln weiter im Dornröschenschlaf.

Von Andreas Lesti


Eine einzige Fußspur verliert sich im Sand – die eigene. Orangerote Krebse trippeln über Vulkangestein, Palmenblätter winken telegen ins Blaue, und hinterm Wellenschaum glitzert der Atlantik: eine Szene aus dem Alltag im Paradies. Und doch beschleicht einen hier auf der Insel das unbestimmte Gefühl, dass mit diesem Alltag etwas nicht stimmt. Wie ausgestorben auch die Hotelanlage, mitten in der Hochsaison, bei Sonnenschein. Leere Liegestühle, leere Tische, leere Zimmer, kein Gast, nirgends. Nicht im Garten, nicht am Pool, nicht im Restaurant auf einem Felsen über dem Meer.


Ein Gärtner trimmt mit gleichgültiger Routine die Büsche, ein anderer schiebt den Rasenmäher übers Gras. Kellner glätten glatte Tischdecken, und Zimmermädchen fegen die Bungalows aus, als fielen gleich Massen von Gästen ein, im Hotel "Pestana Equador" auf dem Eiland Rolas. Aber es kommt niemand. Nicht hierher.

Und ebenso wenig zu den anderen spärlich über die Insel gestreuten Resorts. Und damit sind wir schon mitten in der Geschichte von São Tomé und Príncipe, kurz "STP", zwei Pünktchen im Golf von Guinea, wo man auf Touristen wartet. Und wartet. Und wartet. Warten, das begreift der einsame Reisende schnell, gehört hier zum Alltag wie Feuchtigkeit zur Tropenhitze. Darauf, dass endlich etwas passiert.

Im Palmenschatten verdösen Jugendliche den Tag. Am Straßenrand sitzen wie angewachsen Männer mit Motorsägen. In der Hauptstadt São Tomé langweilen sich Kette rauchende Taxifahrer und bewegen ihre Wagen manchmal den ganzen Tag nicht einen Meter. Als seien sie alle Statisten auf einer prachtvollen Bühne, die seit zehn Jahren nicht bespielt wird.

Öl statt Tourismus

So lange liegt der Grund für all das Warten schon zurück. Damals wurde vor der Küste der tropischen Inselrepublik Öl entdeckt. So viel, dass seither ausländische Investoren auf fette Profite spekulieren - und die São Toméer auf eine sorglose Zukunft. Schulden? Kein Problem, bald sind wir ja reich. Armut? Für uns werden 200 Jahre Öl und Honig fließen. Tourismus? Zu banal für das als "schwarzes Brunei" und "zweites Kuwait" gelobte Land.

Denn jetzt dreht sich alles nur noch ums Öl - wie viel davon unter dem Meeresgrund liegt und wie es aus der Tiefe geholt werden kann. Es geht um einen Teil vom großen Kuchen, um Geld und um Macht. Im Jahr 2003 kam es gar zu einem Sieben-Tage-Putsch. Der verschreckte zwar keine Energiestrategen, dafür aber die Tourismusbranche. Nun wartet man auf das Öl und auf Gäste - und hat weder das eine noch das andere.

STP ist ein Winzling; in Afrika sind nur die Seychellen kleiner, auf der anderen Seite des Kontinents. Tausendundeinen Quadratkilometer messen die beiden Inseln plus eine Handvoll Inselchen - in etwa die Fläche Berlins bei der Einwohnerzahl Ludwigshafens: rund 160.000.

Der Archipel besteht aus einer Gruppe erloschener Vulkane, die direkt am Äquator aus dem Ozean ragen, rund zwei Kilometer von Nigeria im Norden und Gabun im Osten entfernt. Der Pico de São Tomé reckt sich bis auf 2024 Meter empor und hat auf der südlichen Hälfte der Insel ein stattliches Gebirge um sich geschart, überwuchert von fast unberührtem Regenwald, der als Nationalpark "Obô" in großen Teilen gut geschützt wird.

Der Nationalpark "Obô": grüner, wilder, wuchernder Überfluss

Für den "Obô" ist Luis-Mairo Almeda zuständig, den alle nur Luma nennen. Ein kleiner Mann mit einem kantigen, gutmütigen Gesicht, entschlossenen und zugleich traurigen Augen. Seine Hautfarbe ist zu hell für Afrika und zu dunkel für Europa. Luma arbeitet nicht nur als Parkverwalter, er ist auch Trainer der Fußballnationalmannschaft. Sportlehrer, Musiker und Touristenführer nicht zu vergessen.

Eine erstaunliche Mischung und doch typisch für das oft improvisierte Leben auf São Tomé. Denn mit keiner seiner vielen Rollen verdient Luma genug zum Leben. Doch wenn er durch "seinen" Nationalpark streift, treten die Alltagssorgen für einen Moment in den Hintergrund, und er lässt sich von der großen Naturoper überwältigen. "400 Pflanzenarten wachsen hier", sagt Luma, und ein Ausrufezeichen steht in der warmen Luft. Dabei ist die Landschaft auch außerhalb des "Obô" nicht weniger üppig als darin. Wohin man blickt, winden sich Hibiskusblüten unter Bananenblättern, schießen Palmensprösslinge neben Papayapflanzen empor, verschlingen Kakao- und Affenbrotbäume sich ineinander, schmiegen sich Bromelien an Königsfarne – grüner, wilder, wuchernder Überfluss.



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