Schamaninnen in Japan Nachrichten aus der Unterwelt

Giftige Vulkandämpfe, glucksende Schwefelbäche: Am Ozore-zan, dem "Berg des Schreckens", vermuten viele Japaner den Eingang zur Unterwelt. Zweimal im Jahr bieten hier Schamaninnen an, Kontakt mit Verstorbenen aufzunehmen - der Andrang ist enorm.

Sonja Blaschke

Von Sonja Blaschke


Es stinkt zum Himmel in der schwefeligen Vulkanlandschaft am Osore-zan, dem "Berg des Schreckens". Die Erhebung im Norden der Insel Honshu ist als eine der drei wichtigsten Geisterstätten Japans trotzdem ein beliebtes Pilgerziel. Denn hier praktizieren blinde Schamaninnen, die als Medien angeblich die Stimmen Verstorbener wiedergeben können - an einem höllischen Ort, von dem gesagt wird, dass er dem Paradies am nächsten sei.

Der 879 Meter hohe Osore-zan wird nur selten von Touristen besucht. Im Winter versinkt die Präfektur Aomori unter meterhohem Schnee. Um die abgeschrägten Flachdächer von der Schneelast zu befreien, haben alle Häuser dort Leitern, über die man nach oben gelangt. Von November bis April ist der Berg für Besucher geschlossen. In den verbleibenden Monaten finden zwei Feste statt, Ende Juli und Mitte Oktober.

Zu dieser Zeit rufen dort Schamaninnen, die "Itako", hier an der Schwelle zwischen dem Diesseits und dem Jenseits die Toten an und bitten sie um Rat für die Lebenden. Gleich hinter dem Eingang zum Entsuji-Tempelbezirk sitzen sie in winzigen, aus blauen Plastikplanen, Schnüren, Holz- und Metallstangen provisorisch gezimmerten Hüttchen. Die meisten Frauen sind teils oder vollständig blind, sie haben schon viele Sommer am Schwefelberg erlebt. Einige tragen Kimono, andere sehen in westlicher Kleidung kaum anders aus als ihre Kunden.

Reservierung nicht möglich

Während sie reden, lassen sie schwere Ketten mit dunklen Kugeln durch ihre Finger gleiten. Manche wippen rhythmisch. Ihr Tonfall und ihre Stimmlage ändern sich, sobald sie mit den Stimmen der Toten sprechen. Die Frauen arbeiten über zwölf Stunden am Tag, mit wenigen kurzen Pausen. Eine Zahlung von 3000 Yen (etwa 22 Euro) pro Person wird empfohlen; viele schenken Lebensmittel dazu.

"Das ist eine sehr anstrengende Arbeit", sagt eine Frau in der Schlange verständnisvoll. Andere murren, dass man keine der praktischen kleinen Wartezettel wie im Postamt ziehen kann. Denn Reservierungen nehmen die Itako nicht an. Bei etwa 15 Minuten pro Person dauert das Warten oft den ganzen Tag. Ein Großteil der Besucher sind Eltern, die ein Kind verloren haben.

Ein junger Mann sagt mit gequältem Gesicht, dass er sich schon um neun Uhr morgens angestellt habe. Nachmittags um halb fünf hat er gerade den äußersten Rand einer kleinen Hütte erreicht, unter deren Vordach noch einige Leute auf Stühlchen sitzend warten.

Die besten Chancen haben Gäste, die auf dem Tempelgelände übernachten. Für 12.000 Yen (88 Euro) pro Person bietet der Entsuji-Tempel Pilgerunterkünfte an, komplett mit heißen Quellen, vegetarischem Essen und gemeinsamem Gebetsgesang. Ab dem 1. Januar kann man für die neue Saison ab Mai reservieren.

Kontaktaufnahme nach dem Unfalltod

Alle anderen Besucher sind an die Tempelöffnungszeiten gebunden. Für das Ehepaar Otani aus dem acht Stunden entfernten Shizuoka ist dies alles nichts Neues mehr; sie waren schon mehrmals vor Ort. Zehn Stunden haben sie ausgeharrt, um mit ihrem verstorbenen Sohn in Kontakt zu treten. Als sie nach 15 Minuten aus einer der Hütten treten, sehen sie befreit und erleichtert aus. "Der Jüngste von unseren drei Söhnen ist mit 20 Jahren bei einem Autounfall umgekommen", erzählen sie.

Sie konnten sich nicht mehr von ihm verabschieden, ihm vieles nicht mehr sagen. Ein Jahr nach seinem Tod begannen sie, zum Osore-zan zu fahren. Sie wollten - über die Stimme der Schamanin - mit ihrem Sohn sprechen, ihn nach dem Unfall fragen und wie es ihm gehe. Am Ende laufe es darauf hinaus, "dass wir ihn einfach wiedersehen möchten", sagt Frau Otani mit einem wunderschönen Lächeln von der Art, das einem das Herz zerreißt.

Diesen Wunsch teilt sie mit vielen Eltern, die über das Gelände gehen, Opfergaben vor die Steinstatuen der Jizo-Schutzgötter legen und beten. Er manifestiert sich auch in unzähligen altarartigen Gebilden, die auf der Mondlandschaft neben dem Tempel stehen. Man glaubt hier, dass die Seelen der verstorbenen Kinder in der Unterwelt Steine anhäufen müssen, bis sie von den Schutzgöttern erlöst werden.

Windrädchen und Trinkjoghurt

Die Eltern helfen mit und dekorieren die Steinhaufen mit Erinnerungsstücken - eine Baseballkappe hier, ein T-Shirt da, ein Paar Schuhe dort. Lieblingsspielzeug neben Lieblingssüßigkeit. Besonders auffällig sind die vielen kleinen Trinkjoghurt-Fläschchen, wohl dargebracht aus Sorge um die Gesundheit der Verstorbenen. Auf vielen Pseudo-Gräbern drehen sich bunte Windrädchen. Ihr monotones Knattern, das die Seelen der Kinder herbeirufen soll, mischt sich mit den hellen Schlägen von Metallringen an Fahnenmasten.

Am äußersten Rand des etwa einen halben Quadratkilometer umfassenden Tempelgeländes sitzen am weißen Sandstrand vor dem Bergsee Usoriyama an Sonnentagen die Pilger und picknicken. Idylle pur bei strahlend blauem Himmel. Wäre da nicht die Tatsache, dass das Wasser des smaragdfarbenen Sees Gift für Haut und Körper ist und die ganze Region eine Gedenkstätte für die Toten ist. Denn im Sand um die Besucher herum sind überall Blumensträuße eingebuddelt, stehen langstielige Kerzen, längliche Holztäfelchen mit den Namen der Verstorbenen und Windrädchen. Im Gebüsch dahinter warnen Schilder vor Giftnattern.

Der Osore-zan hat viele Gesichter, doch Gruselelemente gibt es zuhauf: den Gestank nach faulen Eiern, das Zischen, mit dem die fahlgelben Dämpfe dem Boden entweichen und Münzen schwarz färben, das Gurgeln und Glucksen, mit dem das Schwefelwasser kleine Kanäle entlangrinnt, den Bergkessel, in dem oft dick der Nebel hängt. So verwundert es nicht, dass viele Japaner hier den Übergang zum Jenseits vermuten. Was dagegen den westlichen Besucher in den Bann zieht, ist nicht die Umgebung selbst. Es sind die Geschichten der Menschen, wie die der Otanis aus Shizuoka.



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