Schieß-Urlaub in der Ukraine: Hier geben sich Frauen die Kugel

Von Sonja Hartwig

Fünf Schuss mit der Kalaschnikow und ein Erinnerungsfoto mit durchlöcherter Zielscheibe: Hostels in Kiew werben mit Kriegsspielen in der Provinz. Ein Club bietet den Ballerspaß zu Billigpreisen an - und lockt zusätzlich mit einer jungen Chefin, deren liebstes Accessoire eine Panzerbüchse ist.

Schießstand bei Kiew: Pistole, Panzerbüchse, Kalaschnikow Fotos
Sonja Hartwig

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Schon vor ihrem Drei-Tagestrip nach Kiew hatten die französischen Studenten Max Salik und Gaëlle Clarisse auf der Homepage ihres Hostels gelesen: "Wir bieten Tagesausflüge an: Mit einer AK 47 schießen, echte Munition", stand dort. Max sagte: "Das müssen wir machen." Und Gaëlle erwiderte: "Das ist doch verrückt."

Der angepriesene Ausflugsort steht im Umland von Kiew, in Brovary, 28 Kilometer von der Hauptstadt entfernt, umrahmt von hohen Bäumen und grünen Flächen. Von dem weißen Giebel des Clubhauses grüßt der ausgestopfte Kopf eines Hirsches. Hier warten Männer mit geladenen Gewehren, und Frauen präsentieren in knappen Röcken und spitzen Stöckelschuhen das Angebot.

Als Gaëlle im Büro von Irina Polonnikova, der Managerin, sitzt, wird ihr mulmig. Die Wände sind bedeckt mit Pokalen und Urkunden, übergroßen Orden und Fotos von Schützen, die zeigen: Auch Leonid Kutschma und Wiktor Juschtschenko, die ehemaligen Präsidenten der Ukraine, waren schon da. An einer Garderobe baumelt ein Maschinengewehr, auf einer Kommode liegen Waffen, daneben lederne Halfter. Flüchtig abgelegt, ausgestellt wie im Museum.

Polonnikova, Ende 20, trägt einen schwarzen Rock, weiße Rüschenbluse. Ihr Handgelenk umschmiegt ein breites Perlenarmband. Sie sieht nicht aus wie jemand, der im Schießstand um die Wette ballert, sondern eher wie eine, für die die Männer auf dem Jahrmarkt eine rote Rose gewinnen wollen.

Ein Schuss mit der Kalaschnikow für 1,10 Euro

Ihre Kollegen sagen: "Irina ist ins Schießen vernarrt." Wenn man sie fragt, wieso, öffnet sie ihren Fotoordner auf dem Computer. Ein Bild zeigt sie mit Fellmütze, umgeben von hohem Schnee, in den Händen der schlaffe Korpus eines toten Fasans. Auf einem anderen liegt sie auf dem Boden unter einem löchrigen Tarnnetz, vor ihr ein langes Abschussrohr und mehrere Dutzend Patronen. Seit sieben Jahren ist sie im Geschäft, ihre Lieblingswaffe: die Panzerbüchse.

"Wenn Ihr noch nie geschossen habt", sagte sie zu Max und Gaëlle, "fangt Ihr am besten mit den Pistolen an." Im Repertoire sind sieben Waffen, die billigste ist zugleich die berühmteste: Ein Schuss mit der Kalaschnikow kostet 1,10 Euro. Auch eine "Hostess" namens Anna Boichenko, die Max und Gaëlle über das Gelände begleiten und vom Russischen ins Englische übersetzen soll, ist aufgelistet. Ihr Preis: zehn Euro.

Hostess Anna, 28, schwarze Bluse, Rock und Highheels mit Tigerfellmuster, arbeitete nach dem Studium als Lehrerin. Das Gehalt, das sie bekam, reichte kaum für das Leben, das sie wollte. Vor zwei Jahren begegnete sie beim Einkaufen ihrer Schulfreundin Irina, die sagte: "Hör einfach auf, komm zu uns. Wir brauchen jemanden, der übersetzt." In der nächsten Woche fuhr Boichenko zum Club, schoss einmal Probe. Dann kündigte sie.

Im dämmrigen Schießstand gibt ein Mann in Flecktarnhose und grünem T-Shirt, "Instructor" genannt, eine kurze Anweisung, kaum länger als zwei Minuten. Auf einen Zettel skizziert er, dass ein guter Schuss Strategie braucht: Immer über die Kimme gucken, das Ziel nur verschwommen fixieren.

Boichenko: "Sagt mir, wie viele Kugeln ihr wollt. Fünf sind Minimum, acht im Magazin. Am besten, ihr nehmt acht, dann bekommt ihr ein besseres Gefühl für die Pistole." Gaëlle entgegnet: "Wir nehmen fünf." Der "Instructor" füllt das Magazin, gibt ihr die Pistole. Niemand hat sie nach einem Personalausweis gefragt, auf einem Block mussten die Franzosen nur ihren Namen notieren, daneben eine Unterschrift.

Bei schlechter Laune geht sie schießen

Es sei ein aufregendes Gefühl, sagt Gaëlle, zum ersten Mal eine Schusswaffe zu halten, es kribbele im Bauch. Doch ihre Hände sind ruhig, als sie den Schaft umklammern. Sie schießt zuerst, dann Max. Von fünf Versuchen treffen bei ihr drei die Scheibe, einer geht in die Mitte: Volle Punktzahl. "Ich wusste, dass Frauen, die besseren Schützen sind", kommentiert Boichenko. Schießen ist für sie die schönste Art, um abzuschalten. Wenn sie schlecht drauf sei, gehe sie zum Schießstand: "Gebt mir zehn Kugeln." Danach? Alles wieder besser.

Als das Trio zum nächsten Schießstand im Freien läuft, vorbei an einem ehemaligen Militärflughafen, der im Zweiten Weltkrieg zerstört und anschließend geschlossen wurde, sind aus dem Wald trockene Schüsse zu hören. Vor 15 Jahren machte der Club "Sapsan" auf, erweiterte Jahr für Jahr sein Repertoire: Wer will, schießt auf Tontauben oder laufende Pappwildschweine. Zum Angebot gehören auch Ponyreiten, Bogenschießen und Panzerfahren. Das Schießen ziehe aber die meisten an, sagt Boichenko - Urlauber und Ukrainer. Manchmal kommen auch große Gruppen: Junggesellenabschiede oder Hochzeitsgesellschaften.

Vor dem Schießstand - vier Schemel nebeneinander, der Boden übersät mit verrosteten, farbigen Patronenhülsen - steht ein ukrainisches Pärchen, sie trägt Flecktarn, er ist schlicht khakifarben gekleidet. Ihre Gewehre halten sie siegessicher in die Höhe. Sie zieht die Mundwinkel nach oben, er guckt streng. Posieren für ein Erinnerungsfoto nach einem guten Resultat: Der Ring in der Mitte ist ausgestanzt.

"Ihr müsst doch mit der Kalaschnikow schießen", sagt Anna Boichenko zu Max und Gaëlle, "die ist so berühmt. Dann könnt ihr sagen: Ich hab schon mit einer Kalaschnikow geschossen." Sie hält das Sturmgewehr in die Höhe, eine Büchse aus Holz und Metall, maximale Schussweite: 1,5 Kilometer. Geschossen wird über eine Entfernung von hundert Metern, über eine Wiese auf Scheiben. Eine Absperrung gibt es nicht, keiner der Einweiser trägt einen Schutz für die Ohren.

"Wenn du abdrückst, nicht atmen"

Max ist der Erste. Er folgt den Weisungen: Setzt sich im 90-Grad-Winkel auf den Schemel, stemmt den linken Ellenbogen auf den Tisch, presst seine Schulter an den Holzschaft, legt die Wange an, atmet tief ein, langsam aus. "Der Schuss muss überraschend kommen, ohne nachzudenken", sagt Boichenko. "Wenn du abdrückst, nicht atmen." Sie will einen flotten Rhythmus. Nicht mehr als zehn Sekunden sollen bis zum nächsten Schuss vergehen. Plötzlich rattert ein Maschinengewehr, Boichenkos Klingelton. Sie drückt den Anruf weg.

Max visiert, holt noch einmal Luft. Dann der Knall. Fünfmal hintereinander. Kein Treffer. Auch Gaëlles Scheibe bleibt unversehrt. Macht nichts, sagt sie, als sie über das Feld laufen, sich ihre Pappe holen und immer wieder umdrehen. Schießt auch keiner? "Es ist so verrückt, du könntest dich einfach umdrehen und alle abknallen", sagt Gaëlle zurück im Vereinshaus.

Das Resumée der beiden Tagestourschützen: Schießen okay, Situation skurril. Der selbstverständliche Umgang mit Waffen, die in Kriegen verwendet werden, irritiert - genauso wie Schüsse, die überall auf dem Gelände fallen, bei denen man ständig das Gefühl hat, sich ducken zu müssen. Es ist die Absurdität des Banalen: In dem Club nahe Kiew wirkt das Spiel mit der Waffe nicht wie ein bizarrer Spaß, sondern wie ein ganz normaler Zeitvertreib.

Im Büro von Irina Polonnikova bezahlen Max und Gaëlle ihre zehn Schuss, fünf mit der Handwaffe, fünf mit der Kalaschnikow. Zusammen mit der Gebühr für die Hostess macht es etwa 18 Euro. Auf dem Hof fährt ein Geländewagen vor, vier Männer steigen aus, stolzieren durch das Geweihhaus. Als einer auf Toilette muss, warten die anderen in einem Raum voll mit Bierkrügen, Schießgewehren und Orden. Bei jedem steckt im Gürtel eine Waffe.

Hinweis der Redaktion: In der ersten Version des Textes hieß es, Polonnikovas Lieblingswaffe sei eine Panzerfaust. Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine Panzerbüchse. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ?
Herz_aus_Stahl 29.07.2010
"Ballerspaß zu Billigpreisen" 1. Dafür muss man nicht bis nach Kiew. 2. Kann man das auch als ernsten Sport betreiben. 3. Was hat das gleich mit Frauen zu tun?
2. Tolle Sache
reinhard_m 29.07.2010
Das ist eine schöne Sache. Meinen Enkeln würde das bestimmt gefallen. Wenn sie noch ein bißchen älter sind und zumindest im aufgelegten Schuß den Recoil einer AK-47 ausgleichen können, steht ein Kurztrip in die Ukraine auf dem Programm.
3. wie die Faust aufs Auge...
crowbaer 29.07.2010
Es handelt sich natürlich NICHT um eine Panzerfaust sondern eine Panzerbüchse. Und die Preisliste ist mal wirklich faszinierend: Kalaschnikow schiessen kostet 12 (Rubel, Dollar, Fränkli?), Hostess ballern 100.
4. Fehler
The Prosecutor 29.07.2010
Die auf dem Bild als Lieblingswaffe bezeichnete Waffe ist keine Panzerfaust, sondern eine Panzerbüchse, vermutlich vom Typ PTRD (http://de.wikipedia.org/wiki/PTRD_%28Waffe%29). Eine Panzerfaust ist etwas völlig anderes.
5. .
Bonifatz 29.07.2010
In Texas habe ich mal mit dem MG42 geschossen, das ist das deutsche Maschinengewehr aus dem 2. Weltkrieg. Ein 100 Schuss Gurt 40$. Pistolen und Gewehre gabs da auch zur Genüge, die Kinder hatten einen riesen Spass.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fernweh
RSS
alles zum Thema Ukraine
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 32 Kommentare
  • Zur Startseite