Schiffsreise mit Atom-Eisbrecher Barbecue am Nordpol

Nichts, absolut nichts gibt es zu sehen. Und doch ist der Nordpol Traumziel für Naturfreaks, Abenteuer-Reisende und Profilneurotiker. Ein russischer Eisbrecher führt Urlauber mit Atomantrieb durch die Einsamkeit des Polarmeeres, vorbei an felsigen Inseln, riesigen Steinkugeln und Eisbären.

Von Frank Sistenich


Wer das Innenleben des feuerroten Eisbrechers "Yamal" betritt, den erwartet eine dekorative Mischung aus Raumschiff Enterprise und dem Charme einer Kolchose: In der Lobby stehen die Hostessen auf einer großen Freitreppe aufgereiht und erinnern an die Revuegirls im Friedrichstadtpalast oder an eine TV-Unterhaltungsshow aus der Wirtschaftswunderzeit.

Mit gestärkter weißer Bluse und in knapp sitzender, marineblauer Uniform werden die 100 Gäste zu einem Willkommentrunk eingeladen. Noch liegt das Schiff im Hafen von Murmansk, einer der traurigsten Städte der nördlichen Hemisphäre und Hort der russischen Atomflotte an der Eismeerküste.

Streit um XXL-Anoraks

Die Stimmung ist herzlich und es gibt Geschenke: Jeder Gast erhält einen knallroten Funktionsanorak, der nach der Reise mit nach Hause genommen werden darf - ein Andenken für die Ewigkeit. Und schon am ersten Abend gibt es Krach: Gäste mit erhöhtem Leibesumfang sehen angesichts knappen XXL-Jackenangebots eine treffliche Gelegenheit, sich gleich ein erstes Mal ordentlich zu beschweren.

Dramaturgisch geschickt löst der Kapitän in diesen Minuten das Nebelhorn aus. Der Klang ist so kräftig und Furcht einflößend, dass wir uns Sorgen um die ohnehin einsturzgefährdeten Plattenbauten von Murmansk machen. Wir laufen aus, die große Fahrt kann beginnen. Mit und ohne rotem Kleidungsstück stürzen alle an Deck, den Blick nach vorne gerichtet. Nordpol, wir kommen.

Der freundliche Herr vom Geheimdienst

Am nächsten Morgen zeigt Alexey Mironow, Geschäftsführer von Poseidon Arctic Voyages und rundherum expeditionserprobt, uns das Schiff. Da trifft es sich gut, auch die Herrschaften vom FSI, der Nachfolgeinstitution des KGB, kennenzulernen. "Atomenergie ist eine sensible Sache, da muss für die Sicherheit gesorgt sein" erklärt uns Alexey und alle nicken tief beeindruckt.

Es scheint nur noch einen Menschen zu geben, der sich in den russischen Polargebieten besser als Alexey auskennt: Viktor Boyarski, der Direktor des St. Petersburger Arktis-Museums, der die Expedition leitet. An Bord führt er mit einem Lektorenteam bis zu viermal täglich in die Geheimnisse der Arktis ein. Ein Vorlesungssaal im Bug des Schiffes bietet den geeigneten Rahmen, Themen der Entdeckergeschichte oder Flora und Fauna der Polargebiete unter einen Hut zu bringen.

Auch Verhaltensschulung für die Gäste gehört dazu - alle Handgriffe müssen sitzen. Wir üben das Einsteigen in die Schlauchboote und den bordeigenen Helikopter MI-8. Das orangefarbene Monstrum bietet 22 Touristen Platz und war einst Transportmittel für die russische Luftwaffe. Der Hubschrauber in diesen Regionen ist fast so wichtig wie der Eisbrecher selbst, da die Anlandungen in der Inselwelt des Franz Josef Landes bei zu viel Treibeis mit den Schlauchbooten nicht mehr möglich sind.



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