Schmalspurbahn in der Ukraine 106,6 Kilometer Knarren und Klappern

106,6 Kilometer in vier Stunden - das ist schon sehr gemächlich. Dafür gibt es in der Ukraine aber dies: eine Fahrt mit einer der letzten Schmalspurbahnen Europas und einer Schaffnerin, die viele Passagiere mit Namen begrüßt.

Jens Malling

Von Jens Malling


Olga Trozkowez und Nadia Woloschina haben rosa und braune Schals um ihre Gesichter gewickelt. Es ist früher Morgen, die Sonne hat noch keine Kraft. Die Schwestern warten auf dem Bahnsteig in Antoniwka. Das Dorf ist eine der Endhaltestellen der Schmalspurbahn im Nordwesten der Ukraine. Von hier sind es 106,6 Kilometer immer gen Norden bis nach Saritschne an der weißrussischen Grenze, dort enden die Schienen.

Eine Lokomotive mit zwei Wagen im Schlepp nähert sich. Der Zug hält an, die beiden Frauen steigen ein und setzen sich auf die weinroten Kunstledersitze im hinteren Waggon. "Wir sind auf dem Weg zu unserer Schwester", sagt die 59-jährige Trozkowez. "Ihre Schwiegermutter ist gerade gestorben, und wir fahren zu ihrer Beerdigung um 13 Uhr." Ihr Ziel ist ein Dorf, das direkt an der Bahnlinie liegt.

Fotostrecke

10  Bilder
Schmalspurbahn: Im Zug durch ukrainische Wälder

6.40 Uhr. Mit einem Ruck fährt der Zug an, die Wagen knarren und klappern. Wald zieht an den Fenstern vorbei, eine Lichtung. Dann löst umgepflügte und kiesige Erde den üppigen Waldboden ab. Bäume liegen am Boden, die Wurzelballen sind aus dem Untergrund gerissen, die Stämme zerhackt und gebrochen oder verkohlt und ineinander verhakt. Wasser und Schlamm füllen Tausende von metertiefen Löchern.

"Die Einheimischen gewinnen hier Bernstein. Damit kann man viel Geld verdienen", sagt ein älterer Fahrgast mit Lederjacke und Schiebermütze und nickt in Richtung der verwüsteten Natur entlang der Strecke. Er ist im Zug ganz nach hinten gegangen ist, um an der offenen Tür eine Zigarette zu rauchen. Die illegale Jagd auf das fossile Harz zerstört die wilden Wälder der nordwestlichen Ukraine, bietet aber den Einwohnern der Riwne-Region ein dringend benötigtes Einkommen. Sie ist eine der ärmsten des Landes.

Pferdekutschen und verschreckte Hirsche

Weite Wiesen gleiten vorbei, das taunasse Gras funkelt in der Sonne. Auf dem Pfad neben den Schienen treibt ein älteres Ehepaar seine Pferdekutsche an. Störche haben auf den Lampenpfosten der Stationen entlang der Route Nester gebaut. Groß und buschig thronen sie über Ansammlungen von ausgeblichenen Holzhäuschen und krummen Zäunen. Einer der Vögel stakst durch ein Moor, vielleicht auf Froschjagd.

Die Fahrt mit dem kleinen Zug scheint wie eine Reise in eine vergangene Zeit - noch vor der Flussbegradigung und der Industrialisierung der Landwirtschaft. Mit einer Sense müht sich ein Mann, das lange Gras entlang der Schwellen zu bändigen. Heuhaufen stehen am Waldrand wie kleine goldene Berge. Ein Hirsch springt in eine Birkenschonung, verängstigt vom Kreischen der Räder in eine Kurve.

Auf einem Sitz hinter den Schwestern knackt Ljudmila Tarasjuk Sonnenblumenkerne. Die 41-jährige Schaffnerin in dunkelblauer Uniform erzählt, dass die Schmalspurbahn bei Touristen immer beliebter werde: "Polen, Australier, Dänen, Franzosen und Tschechen waren bereits im Zug." Oft würde sie die ausländischen Passagiere fragen, was ihnen denn an der Fahrt gefalle: "Sie antworten, dass die Landschaft außerordentlich schön ist."

Gebaut wurde die Schmalspurbahn ab 1895 im Russischen Reich, um Holz aus den Wäldern zu transportieren. Im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurde die Strecke bis 1948 nur langsam wieder aufgebaut. Seit 1996 verkehren nur noch Personenzüge auf den Gleisen mit einer Spurweite von 75 Zentimetern.

Schmalspurbahn zwischen Antoniwka und Saritschne
Fahrplan
6.40 Uhr Abfahrt Antoniwka - 10.40 Uhr Ankunft Saritschne
12.25 Uhr Abfahrt Saritschne - 16.25 Uhr Ankunft Antoniwka
Preis
Die Reise mit der Schmalspurbahn in einer Richtung dauert vier Stunden und kostet 16 Griwna, etwa 50 Cent.
Beste Reisezeit
In den wärmeren Jahreszeiten zwischen Mai und Oktober.
Anreise
Von Kiew und Lemberg aus ist Antoniwka per Zug zu erreichen. Abfahrtszeiten unter http://booking.uz.gov.ua/en

Tarasjuk schält noch einen Sonnenblumenkern, nimmt einen Schluck Kaffee aus dem Becher ihrer Thermosflasche. Das Getränk dampft in der Kälte des Morgens. "Seit vielen Jahren zirkulieren Gerüchte, dass die Bahn schließen muss, weil die ukrainische Zuggesellschaft nicht genug Geld damit verdient", sagt die Schaffnerin. "Aber wir fahren immer noch." Sie steht auf, um Fahrkarten an die Passagiere, die gerade eingestiegen sind, zu verkaufen. Viele begrüßt sie mit Namen, bevor sie ihnen das Ticket gibt.

65 Jahre alt und 35 km/h langsam

Während der Fahrt sind die Türen nicht verriegelt. Wer sich hinauslehnt, um den Fahrtwind im Gesicht zu spüren, muss vorsichtig sein: Ab und zu schlagen Zweige hart gegen die Seiten der Wagen. Hinter Bila fährt der Zug über eine 150 Meter lange, 1906 gebaute Holzbrücke. Weit unten glitzert der Styr. Wie die Schmalspurbahn verläuft der Fluss durch die Prypjatsümpfe. Das größte Feuchtgebiet Europas dehnt sich auf ungefähr 90.000 Quadratkilometer aus - vom belarussischen Brest im Westen bis zur ukrainischen Hauptstadt Kiew im Osten.

Im Führerstand steuert Nikolai den Zug mit bis zu 35 km/h über die Gleise. Er erzählt, dass die Diesellokomotive 1953 in einer Fabrik in Russland gebaut wurde - in dem Jahr starb auch der sowjetische Diktator Josef Stalin. "Mein Arbeitstag besteht darin, einmal von Antoniwka nach Saritschne und zurück zu fahren", sagt der 50-jährige Lokführer mit dichtem Schnurrbart und goldenem Stern auf der Schulter seiner Uniformjacke. Seit 1987 arbeitet er auf der Schmalspurbahn.

Vor Geschwindigkeitsmessern und Kontrollgeräten in der engen Kabine sitzt auch Nikolais junger Assistent. An der Endhaltestelle in Saritschne hilft er, die Lokomotive zu rangieren, sodass der Zug für die Rückfahrt bereit ist. Eine Gruppe von Soldaten lässt sich im vorderen Wagen nieder, Spielkarten und Griwna-Geldscheine bedecken schnell die Sitzbänke. Immerhin sind es vier Stunden Fahrtzeit, zurück nach Antoniwka.

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.