Seeglas-Strand in Kalifornien So schön glitzert nur Müll

Muschelsand ist weiß, Vulkansand schwarz und nur ein Seeglas-Strand leuchtet in allen Farben. Bei Fort Bragg in Kalifornien haben die Gezeiten aus Abfall Kunst geschaffen - und einen unnatürlich schönen Strand.

Laura Engels

Von Laura Engels


Cass Forrington bückt sich, hebt ein farbiges Stück Glas vom Strand auf, hält es gegen die kalifornische Sommersonne. Und wirft es wieder zu Boden. Ein paar Schritte weiter bückt der Mann mit dem langen grauen Vollbart sich wieder. Wie unter Zwang. Nur wenige der farbigen Kiesel behält er. Er hat genug von ihnen. Genau genommen 150.000.

Und trotzdem ziehen die Millionen Glasstücke des Strandes in Fort Bragg den alten Kapitän noch immer magisch an. Seit mehr als 30 Jahren sammelt er am Glass Beach seine Schätze, stellt aus ihnen Ohrringe, Halsketten und Ringe her und verkauft sie in seinem Schmuckladen wenige Kilometer vom Strand entfernt. 3000 ganz besondere Stücke sind unverkäuflich, er stellt sie in seinem Sea Glass Museum aus.

Einer alten Seefahrerlegende nach sind die leuchtenden Kiesel die Tränen von Meerjungfrauen, die immer dann am Ufer angespült werden, wenn ein Seemann ertrunken ist. In Wirklichkeit ist es einfach nur Müll - und mittlerweile eine Touristenattraktion.

"Die Einwohner haben seit dem frühen 20. Jahrhundert einfach alles über die Klippen an den Strand geworfen: Hausmüll, Elektrogeräte, Aquarien, alte Autos", sagt der pensionierte Seefahrer. Viele Städte in Kalifornien hätten das so gemacht, aber in Fort Bragg wurde der Müll nicht vom Meer fortgetragen. Grund sind die Felsformationen, die ein bestimmtes Wellenmuster erzeugen. "Hier wird nichts jemals weggespült", erklärt Forrington. Schrotthaufen sehen Strandbesucher allerdings schon lange nicht mehr - dafür die höchste Seeglas-Konzentration der Welt.

Nachdem der letzte von drei Küstenabschnitten 1967 geschlossen wurde, ließ die kalifornische Umweltbehörde die Strände mehrmals vom gröbsten Müll befreien. Die Natur hat sich inzwischen regeneriert, ein Teil der alten Halde ist seit 2002 sogar Teil des MacKerricher State Park. Vom Müll übrig sind nur die vielen kleinen Glaskiesel - natürliche Kunst, geschliffen von den Gezeiten.

"Orange ist am seltensten: 1 von 10.000", sagt Forrington. "Die meisten Stücke dieser Farbe stammen von Blinklichtern der alten Autos." Er lässt eine Handvoll brauner und grüner Kiesel durch seine Finger gleiten, die einst Bier-, Soda- oder Shampooflaschen waren.

Die beliebteste Farbe bei den Sammlern sei Blau, sagt er, diese Glaskiesel stammen von Parfüm- oder Medizinflaschen. Rot und Orange seien so selten, dass niemand erst zu hoffen wage, sie zu finden. Auch rund geschliffene Bruchstücke von "Schlitz"-Bierflaschen aus den Fünfzigern haben diese Farbe.

Im Superhimmel mit rotem und blauem Glas

Früh am Morgen ist außer Forrington nur ein weiterer Seeglas-Jäger am Strand unterwegs. Spätestens ab 10 Uhr wird sich das ändern. Mittlerweile laufen jeden Tag etwa 2000 Touristen über die bunten Glasstücke, die von Weitem wie normaler Kies aussehen. Die meisten von ihnen folgen dem einfachen Weg ("Easy Trail") und landen an einem weniger beeindruckenden Strandabschnitt.

Wer den schwierigen Weg ("Difficult Trail") wählt, muss einige Meter weiter eine Treppe ohne Geländer hinunter, wird aber mit größeren Kieseln belohnt, die in vielen Farben funkeln. Dort hockt auch Forrington mit seinen weißen Sneakern auf dem Boden. Die Sammler gehen nicht zum offiziellen Glass Beach. Nicht mehr. "Drei Jahre habe ich dort gesammelt, dann habe ich diesen Strand hier gefunden und war im Himmel", sagt der ehemalige Seefahrer und grinst.

Noch besser war nur ein Strand, zu dem er jahrelang mit dem Kajak paddeln musste - das Land war in Privatbesitz und der Zugang nur vom Wasser aus erlaubt. "Dort war ich im Superhimmel, denn alle Farben waren noch da", schwärmt Forrington. Sein Geschäft habe er mit Braun, Weiß und Grün angefangen. Dort gab es Rot, Blau und Gelb - alles Stücke, die Besucher in seinem Museum sehen können.

Laura Engels

18.000 Menschen aus aller Welt haben seine Sammlung im vergangenen Jahr besucht, erzählt Forrington stolz, als er sein Museum später gegen 10 Uhr öffnet. In den Vitrinen liegen Glasstücke jeglicher Art, einige naturbelassen, andere zu Schmuck oder Kunst verarbeitet. Über die Fernseher flimmern TV-Auftritte des alten Seebären.

Doch woher weiß ein Seefahrer eigentlich, wie man aus Glas Schmuck herstellt? "Ausprobieren. Ich habe es einfach herausgefunden", sagt Forrington, lacht und zuckt mit den Schultern. Angefangen habe er mit Ohrringen aus kleinen Stücken, dann habe er nach und nach seinen eigenen Stil entwickelt. Sein Schmuck kostet zwischen 5 und 500 Dollar.

An den Wänden hängen Bilder von Segelschiffen, davor stehen Schiffsmodelle - Forrington ist noch immer der Seefahrt verbunden. 27 Jahre war er mit der Handelsmarine auf See, die letzten 14 als Kapitän. "Ich habe 50 Länder besucht und war an der Küste jedes Kontinents, bis auf die Antarktis." 1997 hat er abgemustert.

"Glas sammeln verboten"

Die gute alte Sammlerzeit ist mittlerweile am Glass Beach Geschichte. Vor einem Jahr hat die Stadt Fort Bragg ein Verbotsschild am Strand aufgebaut: "Leave glass at Glass Beach!" Sie will nicht, dass Glas mitgenommen wird, um "die Schönheit des Strandes zu bewahren" und droht mit bis zu 500 Dollar Strafe.

Forrington kämpft dagegen an - mit Petitionen und Anrufen beim FBI. "Das Schild ist illegal. Es ist ein Verbrechen", meint er. Die Stadt hätte dort keinerlei Befugnis. "Seit Jahren kommen Künstler aus dem ganzen Land hier her, um das Glas für ihre Kunstwerke zu sammeln", sagt Forrington. "Es gibt hier eine große Industrie und lange Tradition."

Forrington streitet nicht für sich, er sammelt jetzt nicht mehr. "Ich habe im Sommer letzten Jahres aufgehört", sagt er und hustet. Er sei einfach zu alt, um jeden Morgen um 6 Uhr aufzustehen, zwei Stunden zum Strand zu gehen und dann den ganzen Tag im Museum zu stehen.

Vermisst er seine Rundgänge denn nicht? "Man vermisst die alten Zeiten immer. Es war nicht nur das Seeglas, es war auch das Leben am Strand. Dort leben viele Eichhörnchen. Sie saßen früher auf meinen Schultern, waren meine Kumpels", erinnert sich Forrington.

Als er von den Anfängen und dem unendlichen Katz-und-Maus-Spiel mit den Behörden berichtet, lacht er. Jeden Sommer habe er sich mit seinem Strandtuch einen neuen Standort gesucht, um seinen Glasschmuck zu verkaufen, und jedes Mal sei er wieder vertrieben worden.

Ab und zu kommt er heute trotzdem zum Strand und ist immer noch aufgeregt, wenn er ein blaues Glasstück findet. "Meine Schätze sind nicht wie ein Diamant, den man findet und schleift", sagt Forrington. "Es ist etwas, das der Schöpfer erschaffen hat - aus Müll."

Glasstrand von Fort Bragg
Seeglas
Seeglas erhält seine glänzende Patina vom Wasser. Die kristallin anmutende Oberfläche entsteht durch die Reaktion des salzigen Meerwassers mit den Bestandteilen des Glases - ein Prozess, der mehrere Jahre dauert. Die seltenen blauen Glaskiesel stammen von Parfüm- oder Medizinflaschen. Rote Stücke stammen überwiegend von den Rückleuchten alter Autos, aber auch von "Schlitz"-Bierflaschen aus den Fünfzigerjahren. Grüne und braune Kiesel stammen aus Bier-, Soda- oder Shampooflaschen.
Glass Beach in Kalifornien
Seitdem der Wanderweg "Coastal Trail" eröffnet wurde, kommen etwa täglich 2000 Besucher zum Glass Beach. Ein Abstecher lohnt sich deshalb vor allem in den Morgen- oder Abendstunden. Der Glass Beach verändert immer wieder sein Aussehen. Vor allem im Winter werden die größeren Glaskiesel durch die hohe See von unten an die Oberfläche gespült. Im Sommer ist es flach und ruhig und deshalb meist nicht so eindrucksvoll, wie zu den anderen Jahreszeiten.
Insgesamt gibt es drei gläserne Strandabschnitte: Die letzte Müllhalde wurde von 1949 bis 1967 betrieben. Sie gehört jetzt zum MacKerricher State Park und wird offiziell als Glass Beach bezeichnet. Der zweite Abschnitt wurde von 1943 bis 1949 genutzt. Der dritte Strand kann legal nur vom Wasser aus erreicht werden. Die erste Müllhalde wurde von 1906 bis 1943 betrieben.
Weitere Infos unter fortbragg.com und visitcalifornia.com.
Sea Glass Museum
Das Museum und der Schmuckladen von Captain Cass Forrington sind täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Vom Glass Beach aus sind es nur 3,2 Meilen auf dem Highway 1.
Weitere Infos unter internationalseaglassmuseum.com und glassbeachjewelry.com.
Anreise
Wer den berühmten Highway 1 nördlich von San Francisco entlangfährt, sollte einen Abstecher in Fort Bragg einplanen. Einfach vom Highway 1 auf die Elm Street abbiegen (bei Denny's). Dann ein paar Blöcke bis zum Glass Beach Drive weiterfahren. Dort besteht die Möglichkeit zu parken und zu Fuß zum Strand weiterzulaufen.
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