Schwimmen mit Seekühen Flosse hoch und treiben lassen

Vor der Westküste Floridas überwintern Seekühe an natürlichen warmen Quellen. Um mit den tonnenschweren Tieren zu schwimmen, muss man ganz still und leise sein - oder am besten gleich selber zur Seekuh werden.

riverventures.com

Langsam tuckert unser kleines Boot in der Morgensonne durch die Kings Bay. Dann drosselt Captain Mike die Geschwindigkeit weiter, bis zu einem vorsichtigem Schleichen. "Okay," verkündet er. "Wir schalten jetzt in den Seekuhmodus." Er schließt die Augen, hebt die Hände und lässt sie summend langsam sinken: "Ooooommmmmm."

Ruhe ist das beste Lockmittel für die großen Meeressäuger. "Seekühe sind wie Katzen", erklärt Captain Mike. "Sie sind scheu, zurückhaltend, vorsichtig. Aber eben auch verdammt neugierig." Der Trick sei, sich so zu verhalten wie sie: sich nicht bewegen, einfach treiben lassen und entspannt aussehen. "Ich komme aus Kalifornien", sagt Mike. "Die anderen Tourguides lachen und sagen, ich sei ein echter Hippie, weil ich mit meinen Gästen erst mal meditiere, bevor wir ins Wasser gehen. Aber die Seekühe stehen auf Meditation." Also: Ommmmmm.

Dann lassen wir uns vorsichtig vom Boot ins Wasser hinab und hängen uns über unsere Schwimmnudeln. Es fühlt sich an wie in einer Badewanne: Aus den 28 heißen Quellen, die den Crystal River an der Golfküste Floridas speisen, sprudeln jeden Tag 1135 Millionen Liter konstant 20 Grad Celsius warmes Wasser.

Deshalb lieben Seekühe diesen Ort. Wenn es ihnen im Winter im Golf zu kalt wird, kommen sie hierher. Mehr als 400 der bis zu vier Meter langen Tiere überwintern derzeit jährlich im Crystal River - und es werden immer mehr. An der Luft wäre es ihnen allerdings auch hier gerade zu kalt: Nur vier Grad zeigt das Bordthermometer an. Durch den Temperaturunterschied dampft die glatte Oberfläche der Kings Bay wie ein Wassertopf kurz vorm Kochen.

Tonnenförmig mit zwei Vorderflossen

"Ssssch!", mahnt Mike leise. "Von jetzt an nur noch flüstern!" Einige Meter entfernt tauchen die ersten breiten Rücken auf. Zu ihnen schwimmen darf man nicht: Mit 150 Dollar wird bestraft, wer einer Seekuh ungewollten Kontakt aufzwingt. Sie zu reiten, kann 500 Dollar Bußgeld oder 60 Tage Gefängnis einbringen, wie im vergangenen Jahr eine Frau aus St. Petersburg erfahren musste. Berühren darf man die Tiere nur, wenn sie den Kontakt initiieren. Also warten wir weiter. Ooommm.

Seekühe sind langsam. So langsam, dass sich auf ihrer Haut Algen festsetzen und dort weiterwachsen, ohne dass die Gefahr besteht, dass sie bei einer hektischen Bewegung abgestreift werden. Hektik kennen Seekühe nicht. Ihre nächsten Verwandten, die Elefanten, wirken gegen sie wie hibbelige ADHS-Kinder. Für ihr gemütliches Treiben brauchen die Seekühe auch weder Beine noch einen Rüssel. Zwei kleine Vorderflossen und der breite Schwanz sind die einzige Zierde an ihrem tonnenförmigen Körper.

Auf einmal wellt sich das Wasser. "Da kommt Chester!", flüstert Mike. Ein mächtiger Bulle bricht durch die Wasseroberfläche und wälzt sich auf ihn. "Hallo Chester! Ja, ich freue mich auch, dich zu sehen." Während normalen Seekühen eine Katzenmentalität nachgesagt wird, scheint Chester in einem früheren Leben ein Hund gewesen zu sein. Munter drängelt er Mike mit seinem ganzen Gewicht von geschätzt einer Tonne vor sich her. "Spiel mit mir!", scheint er zu betteln.

Umarmung mit Flossen

Dann fällt sein Blick auf mich: Noch ein Spielkamerad! Der riesige Bulle nimmt Anlauf - und umarmt mich mit seinen Flossen. Seine kleinen Augen mustern mein Gesicht. "Nein, Chester, keinen Kuss!", ruft Mike. Natürlich ist das Tier ein alter Freund der Tourguides, der Garant für ein einmaliges Erlebnis. "Den Touristen erzählen wir, sein Name sei 'Chester the Jester','der Kasper'", sagt Mike. "Aber unter uns nennen wir ihn 'Chester the Molester', 'der Frauenbelästiger', weil er so aufdringlich werden kann."

Noch ist der Zugang zur Kings Bay jedem erlaubt. Viele der Hotels in der Umgebung vermieten Kanus, mit denen die Gäste auf eigene Faust umherfahren können, ohne Aufklärung über das empfindliche Ökosystem in der Mündung des Crystal River. Das wird sich aber wahrscheinlich noch in diesem Jahr ändern: Der U.S. Fish and Wildlife Service plant, den Zugang nur noch mit Guides und in begrenzter Zahl zu erlauben.

Zwar erfreut das nicht alle, die ihren Lebensunterhalt mit den Seekühen verdienen. Aber viele der professionellen Touranbieter begrüßen die Einschränkung sogar. "Je besser die Seekühe geschützt werden, desto wohler fühlen sie sich hier - und desto schöner wird das Erlebnis für die Gäste, die ihnen hier begegnen", sagt Mike.

Nachmittagsschläfchen unter Wasser

Wir treiben weiter. Da zeigt mein Guide nach unten: Eine Seekuh liegt dort ausgestreckt auf dem Rücken. Auf ihrem Bauch malen Sonnenstrahlen und Wellen helle Muster. "Das ist Goofball", flüstert Mike. "Der schläft immer so." Die Personifizierung der Gemütlichkeit. Sein Anblick macht schläfrig. Nach einer Weile dreht das Tier sich auf den Bauch, lässt sich an die Oberfläche treiben, streckt die Nase heraus und nimmt einen tiefen Atemzug. Alles in Zeitlupe. Dann sinkt Goofball wieder nach unten, dreht seinen Bauch der Sonne zu und schläft weiter. Oooommm.

Wie viel Zeit vergangen ist, weiß ich nicht, und es ist mir auch egal. In der Langsamkeit verliert das Konzept von Stunden und Minuten seine Bedeutung. Erst als Mike sagt, er könne jetzt gut einen Burger, Bier und ein Nachmittagsschläfchen gebrauchen, spüre auch ich Hunger und Durst. Mike nimmt einen kräftigen Schluck aus dem Crystal River: "Bestes Süßwasser. Könnte man, so wie es ist, in Flaschen abfüllen und für viel Geld verkaufen." Er zögert einen Augenblick. "Na ja, ist noch ein bisschen Seekuh-Pipi mit drin", sagt er und zwinkert mir zu.

Auf der Autofahrt zurück ins Hotel schaffe ich kaum, die Richtgeschwindigkeit einzuhalten. Ich bin immer noch im Seekuhmodus - und unwillig, wieder hochzuschalten. Wenn ich noch ein bisschen langsamer werde, könnten sich auf dem Autolack bestimmt auch Algen ansiedeln.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
lola80 31.03.2014
1. Schöner Bericht
Schön, mal etwas über diese putzigen Tiere zu lesen. Ich war vor Jahren mal in Florida und habe da zum ersten Mal von ihnen erfahren. Dort habe ich gehört, dass ihnen ihre Neugier leider manchmal zum Verhängnis wird, wenn sie sich näher angucken wollen, was es mit einer brummenden Schiffsschraube auf sich hat. Es ist zu hoffen, dass der Schutz der Seekühe tatsächlich ausgebaut wird. Hoffentlich kann ich auch irgendwann mal so eine Seekuh-Tour machen!
meridian-moonflight 31.03.2014
2. kein Kormoran !
Guten Morgen. Ihr besagter Kormoran in der Fotoauswahl ist und bleibt immer noch ein Amer. Schlangenhalsvogel (Anhinga anhinga).
Luckyman 31.03.2014
3. Schöne Erinnerungen...
... an die Manatees in Florida. Vor den Keys haben wir vor Jahren mit ihnen im Wasser gespielt, ein Bulle und eine Kuh, die ihren Zögling noch säugte. Ein unvergessliches Erlebnis. Leider sind diese Tiere durch die Schiffschrauben der Freizeitboote und achtlos im Wasser verbliebene Angelschnüre sehr gefährdet. Wir haben Tiere mit üblen Verletzungen gesehen. Vielleicht nehmen sich die Tierschützer dem Schutze dieser Tiere jetzt endlich eimal ernsthafter an.
aquarelle 31.03.2014
4.
Zitat von sysopriverventures.comVor der Westküste Floridas überwintern Seekühe an natürlichen warmen Quellen. Um mit den tonnenschweren Tieren zu schwimmen, muss man ganz still und leise sein - oder am besten gleich selber zur Seekuh werden. http://www.spiegel.de/reise/fernweh/kings-bay-in-florida-schwimmen-mit-seekuehen-a-960914.html
Tja, das mit dem ganz still und leise sein sieht man bei Touristen nur leider aeusserst selten. Denn neben Schiffschrauben wird den Tieren naemlich noch etwas anderes zum Verhaengnis: Der allgemeine Tourist! Nicht selten werden die Manatees naemlich von ganzen Heerscharen von Schwimmern und Schnorchlern bedraengt. Und dadurch, dass Seekuehe eher gemuetlich sind als andere, agilere Megafauna, koennen sie sich dem auch nur schwer entziehen. Daher sind bei solchen Unternehmungen Regulationen dringend notwendig, was beispielsweise ein Fuetterungs- und Anfassverbot miteinbezieht.
überdramatisieren 31.03.2014
5.
Ich finde es sehr schade, daß über Tiere und Natur fast immer nur im Kontext von Bedrohung!!! durch den Menschen die Rede ist, wie das Beispiel meiner Vor-Foristen gut zeigt.
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