Segeln in der Ägäis Ankerplatz mit Tempelblick

Tempelruinen, spektakuläre Felsen und Inselidylle ohne Bausünden: In der Ägäis fühlen sich Segler wie in einem Open-Air-Museum. Der Wind kann jedoch tückisch sein, manches Ankermanöver ist kompliziert - und an Land verstehen die Behörden wenig Spaß.


Bodrum - Im abflauenden Abendwind gleitet die Segelyacht an einem rostigen Wrack vorbei um die Felsnase. "Fertig zum Ankern" schallt die Stimme des Skippers über das Deck. Doch kaum einer an Bord kann den Blick losreißen von den Terrassenringen in den hoch aufragenden Felswänden, auf denen die Ruinen der Tempel und Theater des alten Knidos von der verglühenden Sonne vergoldet werden.

In der Blütezeit der Stadt lebten mehr als 20.000 Fischer und Händler an den Hängen um die Doppelbucht, die Griechen und Römer schon in der Antike zum Galeerenstützpunkt ausgebaut hatten. Wer die Scherben ihrer Amphoren besichtigen will, muss sich nur eine Taucherbrille um den Kopf schnallen und über Bord springen. Doch erst muss das Ankermanöver gefahren werden - die Sonne ist mittlerweile hinter den Felsen versunken, und der Kapitän grummelt ungeduldig.

Urlaubsinsel-Ranking
Finden Sie Ihre Trauminsel: Klicken Sie auf die Grafik, um die Bewertungen für 111 Inseln zu lesen
In Knidos lässt sich besonders schön sehen, wie treffend das Bild ist, mit dem Wyn Hoop die Einzigartigkeit des Segelreviers der türkischen Südwestküste und der ostgriechischen Inseln des Dodekanes beschreibt: "Man segelt durch ein Open-Air-Museum." Der frühere Schlagersänger aus Hamburg schrieb 1983 den ersten nautischen Führer über die Region. Er sei zwar in Gegenden gesegelt, in denen die Winde kräftiger und gleichmäßiger blasen - in der Karibik etwa oder auf dem Atlantik. Als Gesamtpaket sei die östliche Ägäis aber konkurrenzlos.

Das sehen andere Segler ähnlich. Im Sommer drängen sich in der engen Bucht von Knidos Dutzende von Yachten. Dann ist in der östlichen Ägäis Hochsaison. In mancher vermeintlich einsamen Bucht läuft im Laufe des Nachmittags ein Segler nach dem anderen ein und wirft Anker.

Dauerparty an Deck

Dazu kommen vor allem an der türkischen Küste zwischen Bodrum und Marmaris wahre Armadas von Gulets: dickbäuchige, motorbetriebene Ausflugsboote, die auf See statt ihrer Segel meist den Regler der bordeigenen Musikanlage für die Dauerparty an Deck hochziehen. Im Vergleich zu den Segelhochburgen des westlichen Mittelmeers wie Sardinien, Mallorca oder Kroatien gehe es aber immer noch ruhig zu, sagt Hans Mühlbauer aus Friedberg bei Augsburg, der ein Sachbuch zum Thema Yachtchartern geschrieben hat.

Mit etwas Geduld lassen sich tatsächlich immer wieder ruhige Buchten von überwältigender landschaftlicher Schönheit finden. Tief wie Fjorde schneiden sie oft in die gebirgige Küste ein. Während am türkischen Festland Dornensträucher und Kiefern die Hänge begrünen, überwiegen auf den griechischen Inseln kahle Felsen - die aber einen hübschen Kontrast zum tiefen Blau und Türkis des Meeres bilden.

Komplettiert wird das Griechenland-Klischee durch die typischen weißgekalkten Würfelhäuser, Ziegenherden und kleine Dorftavernen, vor denen Segler abends unter Olivenbäumen Tintenfisch oder Souvlaki essen. "Die kleinen Inseln zwischen Samos und Kos sind noch sehr urtümlich", sagt Hoop. Massentouristische Bausünden beleidigen das verwöhnte Seglerauge in der Tat kaum.

Wem hier im Sommer trotzdem zu viel Trubel ist, der sollte im Frühjahr oder Herbst in See stechen. Das sei in diesem Revier ohnehin die beste Zeit, sagt Hoop: Es sei nicht so brütend heiß, und die Yachten ließen sich günstiger chartern. Im April und Mai erblüht die Landschaft in frischem Grün, während im Herbst zwar viele Pflanzen verdorrt sind, dafür aber das Wasser wärmer ist. Außerdem sind die Winde im Frühjahr und Herbst vielseitiger als im Sommer, wenn der Meltemi fast jeden Tag von Norden weht und die Routen einschränkt.

So stark wie in der Zentralägäis blase der Meltemi hier aber meist nicht, sagt Mühlbauer. Mehr als fünf Windstärken seien selten. Dennoch sollten Segler ihren nächtlichen Liegeplatz überlegt wählen.

Häufig flaut der Wind abends ab, nur um nachts umso heftiger wieder aufzufrischen und die Segler aus den Kojen zu reißen. Wer nächtliche Ankermanöver vermeiden will, sollte deshalb darauf achten, nur in Buchten festzumachen, die nach Norden hin durch Land geschützt sind.

Navigation nach Sicht oft möglich

Schließlich ist das Ankern tagsüber schon schwierig genug, erklärt Mühlbauer. An Nord- und Ostsee gewöhnte Segler hätten oft Probleme damit, dass nicht nur in den Buchten, sondern auch in den kommunalen Häfen der griechischen Inseln meist "römisch-katholisch" festgemacht werden muss, das heißt mit Buganker und Heckleine. An Betonblocks im Meeresgrund verankerte Mooringleinen sind außerhalb der Marinas selten. Und auf dem ganzen Dodekanes gebe es nur in Samos und Kos wirklich funktionierende Marinas, sagt Hoop. In öffentlichen Häfen würden Wasser und Diesel oft im Tankwagen angekarrt.

Abgesehen vom Ankern sei die östliche Ägäis aber kein besonders anspruchsvolles Segelrevier, erklärt Hoop. Viele Inseln ragen so hoch aus dem Meer, dass oft nach Sicht navigiert werden kann. Die größte Gefahr geht für unbedarfte Segler oft von den Behörden aus.

Denn wer zwischen griechischen und türkischen Häfen hin- und herkreuzt, ohne jedes Mal ordnungsgemäß ein- und auszuklarieren, riskiert ernstzunehmende Konsequenzen. "Ich kann nur sehr davor warnen", sagt Jürgen Feyerabend vom Deutschen Segler-Verband in Hamburg. "Der Zoll hat Ermessensspielräume, davon träumt jede Polizei."

Im schlimmsten Fall könnten Segler, die ohne korrekte Papiere erwischt werden, des Schmuggels oder Menschenhandels verdächtigt und vorläufig eingesperrt werden. Schließlich trennen die teilweise nur wenige Kilometer breiten Meerengen zwischen Festland und Inseln nicht nur zwei frühere Erzfeinde, deren Beziehung immer noch alles andere als harmonisch ist.

Hier verläuft auch die östliche Außengrenze der EU: Auf der einen Seite muslimisch-türkischer Orient, auf der anderen griechisch-orthodoxer Okzident: "Zwei völlig verschiedene Mentalitäten auf engstem Raum", sagt Hoop. Auch in dieser Hinsicht ist die Gegend eben einzigartig.

Florian Sanktjohanser, dpa



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.