Segelportal Findacrew Per Doppelklick zum großen Törn

Segeln zum Selbstkostenpreis: Die Website Findacrew bringt Yachtbesitzer und Möchtegern-Matrosen zusammen. Hier treffen sich Seebären und Wasserratten, Weltenbummler und Bettelstudenten – auch ohne Vorkenntnisse können sich Abenteuerlustige für Hochsee-Törns bewerben.

Von Nadia-Maria Chaar


"Force four - Windstärke vier", knattert es aus dem Bordradio. Doch hier, im geschützten Hafen der griechischen Insel Poros, geht kein Windhauch. 35 Grad im Schatten. Die Sonne brennt - eine frische Brise würde jetzt gut tun. Auf See ist es kühler. Doch die "Inner Voice" sitzt auf der malerischen Insel im saronischen Golf fest. Seit einer Woche. Kein Mastbruch, kein Motorschaden ist die Ursache, sondern Personalmangel. Das Schild mit der Aufschrift "Crew wanted" hängt schief und unbeachtet an der Reling. Findacrew.net ist die letzte Hoffnung des Skippers.

"55 Jahre alt, Brite, in Kenia geboren und in Australien zu Hause", heißt es in der Rubrik "Ein wenig über mich." Von Mai bis September, wenn "down under" Winter ist, cruist Robin in der griechischen Ägäis. Da herrscht schon mal Mitsegler-Flaute an Bord. "Doch, er habe Freunde", versichert der Computerspezialist schmunzelnd. Doch im Gegensatz zu ihm hätten die meisten nicht fünf Monate Zeit, die Seele baumeln zu lassen, sondern nur "die üblichen zwei bis drei Wochen Ferien."

Hilfe beim Anker lichten

So bleibt reichlich Platz an Bord der "Inner Voice", einer Kielyacht aus der deutschen Bavaria-Werft. Drei Kabinen, zwei Badezimmer, eine voll eingerichtete Kombüse. "Segeln könnte ich das Boot notfalls alleine", sagt Robin. Aber zum Anker lichten und Leinen los machen fehlt ihm die helfende Hand. Der Nachteil einer Yacht mit zwölf Metern Gesamtlänge: Zwischen Steuer und Anker liegen einige Meter. Ergo: Es müssen mindestens zwei Personen an Bord sein, um die Yacht zu bewegen. "Und etwas Gesellschaft ist angenehm."

Von daher ist Robin so anspruchslos wie flexibel: Erfahrung ist wünschenswert, aber nicht Bedingung. Das Ziel der Reise ist offen: Ein bisschen Segeln, ein wenig Sightseeing - gepflegtes Inselhopping halt. "Ruf an, wenn Du Interesse hast." Das Angebot ist genau das richtige für den 33-jährigen Brent Howell und die 32-jährige Leah Bickel. Das Paar aus Seattle ist derzeit auf Weltreise und träumt von einem Leben an Bord. Per Zufall stießen sie auf die Webseite. Wenige Mausklicks später hatten sie sich ein Profil erstellt und warteten auf Anfragen. Es dauerte nicht lange, schon ein paar Tage später kam die Anfrage: "Rob (Owner/Skipper) würde gerne Kontakt mit Ihnen aufnehmen". Das Paar zögert nicht seine Kontaktdaten freizugeben. Eine Antwort per Mail, und zwei Telefonate später heuern sie auf der "Inner Voice" an, beziehen ihre Doppelkabine mit eigenem Bad. Alles andere an Bord wird geteilt. Auch die Kosten.

Von Crewmitgliedern mit Segelerfahrung nimmt Robin fünf Euro pro Tag für die Verpflegung. Unerfahrene Passagiere beteiligen sich zusätzlich mit acht Euro an Liegegebühren, sowie an den Treibstoffkosten. Die 13 Euro pro Kopf und Tag zahlen die Amerikaner gerne: Günstiger ist ein Doppelzimmer nicht zu bekommen - täglich wechselnde Aussicht und romantische Sonnenuntergänge inklusive. Segelunterricht und Navigationskunde gibt es gratis dazu.

Auch der Schwede Hans Hagberg bietet eine Doppelkabine auf seiner Luxusyacht zum Selbstkostenpreis an. Er braucht Segelunterstützung, da seine Frau den weiten Ozean nicht mag. "Sie fliegt vor und ich komme mit dem Boot nach", erklärt der Pensionär. Derzeit sucht er Crewmitglieder, die ihn ab Mitte August von Schweden über Helgoland und La Coruña zu den Kanaren begleiten. Etwa 20 Tage und Nächte wird der Törn dauern, schätzt Hans. Das Wichtigste ist für ihn, "dass man die gleichen Erwartungen hat" und dass er ruhig schlafen kann.

Abenteuer und Partnerbörse

Wie anstrengend Nachtsegeln sein kann, hat Victoria Watson bei Ihrem ersten langen Törn vor drei Jahren festgestellt. Da segelte die Britin nahezu nonstop mit einem Amerikaner von den Bahamas nach New York. "Das ist schon nicht einfach, wenn Du da alleine wach bleiben musst." Auf einer späteren Segeltour bändigte die abenteuerlustige 60-Jährige im Golf von Aden, der bedeutendsten Schifffahrtslinie von Europa zum indischen Ozean, Piraten mit Zigaretten. "Wenn man Glück hat", erklärt Victoria, akzeptierten die Piraten dort Zigaretten als Wegezoll. Ein bisschen mulmig ist einem in der Passage schon." Doch im roten Meer mit Delphinen zu schwimmen, entschädigte für die Strapazen. "Das war wundervoll", schwärmt sie noch heute, ein Jahr später. Die Weltenbummlerin warnt aber eindringlich, bei Reisen mit Findacrew "vorher ganz genau abzuklären, wer was will." Stunden habe sie den letzten Skipper am Telefon gehabt, bevor sie zusagte, nach Singapur zu fliegen. Vertrauen sei das A und O an Bord.

Insbesondere im vergangenen Jahr beobachtete sie eine Tendenz zur Partnerbörse. Yachtbesitzern, die anbieten, sich zur Not den Bart zu stutzen, oder die bescheiden "keine Haute-Cuisine", aber eine liebevolle Köchin erwarten, erteilt sie ein knappes "nein" via Findacrew-Mitteilungssystem.

Zusammenleben "auf engstem Raum, das kann auch in die Hose gehen, da zeigt sich der Charakter", sagt auch Unternehmensberater Jürgen Bretfeld aus Bremerhaven. Der 44-Jährige bietet Manager-Trainings auf seiner Yacht "Sintra" an und sucht bei Findacrew nach professionellen Crewmitgliedern. Da trifft schon mal Segelromantik auf harte Realität.

Campingplatz der Superyachten

Miriam Moreno ist so ein Profi, wie Bretfeld ihn sucht. Die Rheinländerin heuert auf Superyachten als Bordstewardess an. Eigene Kabine und Freizeit haben da Seltenheitswert. Dafür liegt "ihr Boot" dann in den "In-Häfen des Sommers", Schnappschüsse von Promis wie Penelope Cruz und Traumbuchten gehören zum Berufsalltag. Denn in den Traumbuchten liegen die Superyachten wie die Ölsardinen nebeneinander. "Das ist wie auf einem Campingplatz", sagt Miriam. In der Liga der Superreichen gehört der eigene Helikopter schon fast zur Grundausstattung. Vergleich gefällig: Während Robin für einmal Volltanken der "Inner Voice" 100 Euro zahlt, sind es bei den großen Booten 10.000 Euro und mehr.

Ein Klassenunterschied, der beim Anlegen irrelevant ist: Da sind die Großen wie die Kleinen auf Hilfe angewiesen. Und in jedem Hafen ist es der größte Spaß, die anderen Schiffe bei mehr oder weniger gelungenen Wendemanövern zu beobachten. "Lachen verbietet sich von selbst", so Robin, denn "spätestens am nächsten Morgen könntest du das gleiche Problem haben" - egal ob Crew oder Skipper.



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