Segler über Piratenangriffe "Ein Rambo-Film ist Dreck dagegen"

Eigentlich wollte er nur mit seinem Boot die Schönheiten der Welt erkunden - nach etlichen Überfällen von Piraten ist Claus Gintner die Lust am Alleinsegeln jedoch vergangen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erzählt der Österreicher, wie ihn Seeräuber fast ins Jenseits befördert hätten.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben als Weltumsegler schon einige Piraten-Überfälle erlebt. Welche Ratschläge können Sie Seglern geben?

Gintner: Grundsätzlich ist die Gefahr, Opfer eines Piraten-Überfalls zu werden, relativ gering. Dass es mich nun besonders häufig getroffen hat, lag vielleicht an der Tatsache, dass ich wirklich viel und lange unterwegs war. Ein paar Grundregeln muss man allerdings beachten: Piraten sind niemals offshore, sondern operieren in Küstennähe. Wenn, dann greifen sie in einer geschützten Bucht an oder in ruhigem Wasser, in dem man gut ein Boot erreicht. Begehrt sind schneeweiße Yachten. Gestohlen wird vor allem Geld und Schmuck, und alles, was glänzt. In Gasmata in Papua-Neuguinea bin ich 1993 komplett ausgeraubt worden. Nichts war mehr da - nicht einmal meine Teebeutel. Die habe ich im Dorf auf der Insel wieder gesehen; die Leute hatten sie sich über ihre Ohren gehängt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ihr Diebesgut wiederbekommen?

Gintner: Inzwischen habe ja ich meine Techniken entwickelt. Die Insel, vor der ich lag, war sehr klein, und Segelyachten verirren sich dort normalerweise nicht hin. Ich habe sämtliche Kanus der Inselbewohner zusammengebunden und an mein Schiff gehängt, bin mit der Leuchtpistole ins Dorf gelaufen und habe den Leuten gesagt: 'I burn your house and kill everybody, when you don't give me back what you have stolen.' Da sind alle schnell abgehauen, nur der Häuptling blieb. Es gab eine Art Gerichtsverhandlung. Meine gestohlenen Sachen bekam ich dann wieder, und für das, was nicht wieder zu beschaffen war, erhielt ich eine Ausgleichszahlung.

In Indonesien bin ich einmal von einem Räuber überrascht worden, der mit einem Surfboard fliehen wollte. Den habe ich an die Gurgel gepackt und unter Deck gefesselt. Er konnte sich wieder befreien, also habe ich ihm die Hände hinten zusammengebunden und an der Baumnock hochgezogen. Ich konnte in aller Ruhe die Küstenwache holen.

SPIEGEL ONLINE: Nach einem schweren Piratenüberfall an der Küste Venezuelas hing Ihr Leben am seidenen Faden. Wie fühlen Sie sich heute?

Gintner: Ich habe drei sehr große Bauchoperationen hinter mir - zwei notdürftige OPs in Venezuela, um mein Leben zu retten, die dritte dann in Österreich. Eine Niere musste ich opfern. Aber mir geht es nicht schlechter als anderen in meinem Alter.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt eher bescheiden. Dabei hatten Sie ja einiges durchzustehen?

Gintner: Das kann man wohl sagen, allerdings habe ich es in dem Moment, als die Piraten an Bord kamen, nicht so wahrgenommen. Ich hatte so viel Adrenalin im Blut, dass ich komplett ausgeblendet habe, dass schon eine Kugel in meinem Bauch steckte. Fünf Männer schafften es nicht, mich zu bändigen. Zwei konnte ich ins Wasser werfen, die anderen zumindest daran hindern, mich die Treppe herunter zu stoßen. Ich versuchte zu fliehen, doch die Räuber haben mich verfolgt und in den Busch gelegt. Ich habe mich noch an den Strand geschleppt. Den Schmerz habe ich erst gespürt, als ich mich die Küstenwache blutend am Strand aufnahm. Es ist schon erstaunlich, welches Durchhaltevermögen man in solchen Situationen entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Das hört sich fast an wie das Drehbuch eines Hollywood-Films?

Gintner: Man kann es gar nicht dramatisch genug beschreiben. Jeder "Rambo"-Film ist ein Dreck dagegen. Es hätte alles auch ganz anders enden können. Letztendlich verdanke ich mein Leben Freunden, die mich in Venezuela versorgt haben. Ich lag in einem Armenkrankenhaus in Puerto La Cruz und dort wird von den Angehörigen erwartet, dass alles in Eigenregie besorgt wird, wie zum Beispiel Bettwäsche und bestimmte Medikamente. Die venezolanischen Behörden haben sich sehr um mich bemüht und sich für das ganze Land stellvertretend bei mir entschuldigt. Ich war inzwischen kein Unbekannter mehr in Venezuela und die Regierung hatte kein großes Interesse, dass das Image des Landes durch mich beschädigt würde.

SPIEGEL ONLINE: Haben Ihre Piratenerfahrungen auch Einfluss auf den Alltag in der Heimat?

Gintner: Die Erfahrungen haben mich nachhaltig geprägt. Aber ich möchte nicht mehr nur mutig sein müssen. Ich habe mich dazu entschlossen, künftig lieber meine Erfahrungen als Segler an andere weiterzugeben. Ich fliege in zwei Monaten nach Venezuela und segle von dort aus, im April beginnend, nach Europa. Danach möchte ich mein Boot verkaufen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Nase voll von gefährlichen Abenteuern?

Gintner: Absolut. Bis dieser Überfall kam, habe ich es geliebt, einsam zu segeln und Neues zu entdecken. Ich bin 14-mal meist allein über den Atlantik gesegelt. Jetzt habe ich Hemmungen. Ich werde schon noch wieder segeln, nur nicht mehr mit dem eigenen Boot. Ich habe nicht mehr das Bedürfnis nach neuen Paradiesen. Außerdem habe ich sie alle schon gefunden. Was soll noch kommen? Die Luft ist raus.

SPIEGEL ONLINE: Aber irgendetwas muss Sie noch am Segeln faszinieren?

Gintner: Da gibt es eine ganze Menge. Vor allem die Naturverbundenheit. Beim Segeln kann man die Stimme der Ozeane erleben, mit dem Meer und den Fischen kommunizieren

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen mit Fischen?

Gintner: Aber natürlich. Ich esse sie zwar auch, allerdings nur immer einen Fisch am Tag. Wenn ich einen an der Schleppangel habe, entschuldige ich mich bei ihm und sage ihm dann: 'Tut mir leid, ich muss dich jetzt essen - schließlich wolltest du ja auch gerade den Köder essen.' Der Fisch hat dann trotzdem schlechte Laune.

Das Interview führte Reinhild Haacker



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