Sequences-Kunstfestival: Nur grüne Geysire schocken in Island

Von Alva Gehrmann

Hitler-Balkone, gestrickte Gesichtsmasken für Björk und Flohmärkte als Happening: In Reykjavík startet das Real-Time-Kunstfestival "Sequences". Ein Mekka für schräge Kreativität aller Art – nur von den Geysiren sollten Künstler die Finger lassen.

Der Hitler-Balkon ist jetzt in Reykjavík. Für isländische Verhältnisse war es eine ganz schön durchdachte Aktion. Immerhin mussten die Fragmente von Berlin nach Island verfrachtet werden. Auf der nordischen Insel wird sonst alles eher etwas spontan und kurzfristig organisiert. Plakate für ein Kunstfestival lässt man drei Tage vor Ausstellungsbeginn drucken, etliche Künstler entwerfen die letzten Soundpuzzles ihrer Installation einige Stunden vor der Vernissage. Aber das "Sequences" ist ja auch ein Real-Time-Festival. Alles passiert hier und jetzt. Rund 100 Künstler nehmen dieses Jahr am Kunstfestival teil, das vom 12. bis 21. Oktober zum zweiten Mal in der isländischen Hauptstadt stattfindet.

Die Premiere im vergangenen Oktober war ein zweiwöchiges Happening. Ein Kanadier, der durch die zentrale Straße Laugavegur auf Bäume und Häuser kletterte, gehörte ebenso dazu wie wild flackernde Videos an Häuserfassaden oder die Sound-Installation von "Gus Gus"-Mitglied Stephan in der Bar Sirkus. Und eben der Hitler-Balkon: Einst wurde er 1942 für Adolf Hitler im Berliner Admiralspalast erbaut, dann aber bei der Sanierung des Hauses im letzten Jahr abgerissen. Helgi Björnsson, Geschäftsführer des Admiralspalastes, schenkte seinem Landsmann Ragnar Kjartansson auf Anfrage den Schutthaufen.

Der 30-jährige Künstler baute ihn nicht wieder auf, sondern drapierte die cremefarbenen Holzbretter verziert mit goldenen Streifen, die ausrangierte Tür, die Balustrade und den blutroten Samtvorhang mit goldenen Kordeln im Reykjavík Art Museum. Alles lag kreuz und quer verteilt auf dem Boden, und an der Wand hing eine grell angeleuchtete Marmortafel: "Ich habe Helgi Björnsson angerufen und er organisierte mir den Hitler Balkon. 2006, Ragnar Kjartansson." Die Installation ist auch eine Anspielung darauf, wie die isländische Gesellschaft mit seinen 300.000 Einwohnern funktioniert: Alles ist nur einen Anruf entfernt. Braucht man für die Performance einen Drummer, ruft man seinen Kumpel von der Brassband Benni Hemm Hemm an, bei Schreinerarbeiten hilft ein anderer. "Thetta reddast", lautet das Lebensmotto der Isländer. "Das wird schon irgendwie."

Kunst aus dem Bauch

"Die Kunst hat hier etwas sehr selbstverständliches, sie wird nicht auf einen hohen Sockel gestellt", sagt Christian Schoen. Der Deutsche lebt seit zwei Jahren auf der nordischen Insel, er leitet das CIA, Center for Icelandic Art, eine Art Plattform für die isländische Kunst, und war Mitbegründer des Sequences. Der 37-Jährige sitzt an diesem Mittag im "Living Art Museum", der Sequences-Zentrale und gleichzeitig Ausstellungsraum von Kjartanssons neuester Arbeit. Es wird ein einstündiges Video sein, in dem er begleitet von einer Big Band in Endlosschleife die Zeilen "Sorrow conquers happiness" singen wird. "Live-Loop" nennt Schoen diese Arbeit.

In dem riesigen, hellen Raum des Living Art Museums befindet sich in der Ecke eine Art Küche, die gleichzeitig als Besprechungsraum dient. Mit einem riesigen Apparat braut er für seinen Gast einen starken Kaffee. Nina Magnúsdóttir, ebenfalls 37, bestätigt Schoens Einschätzung über die isländische Art, Kunst zu betreiben. Gemeinsam mit dem Deutschen organisierte sie das Sequences - sie selbst ist ebenfalls Künstlerin. Wie die meisten Isländer. "Wir denken nicht so viel darüber nach, warum wir Kunst machen. Oder was dabei rausspringt", sagt sie und lehnt sich an den hohen türkisfarbenen Tisch. "Wir machen es einfach." Afrikanisch nennt sie diesen Lebensstil. Und genau das sei es, was die Ausländer an den Isländern mögen.

Schräg gegenüber vom Living Art Museum liegt ebenfalls direkt auf dem Laugavegur die "Kling & Bang Gallerí". Magnúsdóttir ist Teil dieser Gruppe experimenteller Künstler. Oft arbeiten sie mit ausländischen Künstlern zusammen – Jason Rhoades, Paul McCarthy und auch Christoph Schlingensief kamen schon. Sie wollten mit ihrer Kunst provozieren, doch die Isländer sind nur schwer aus der Fassung zu bringen. "Es ist erstaunlich, dass viele ausländische Künstler, die nach Island kommen, unbedingt mit der Natur arbeiten wollen. Und alle wollen die Sau rauslassen", sagt Erling T.V. Klingenberg von Kling & Bang. Er und seine Kollegen sind gerade dabei, die Galerie zu räumen. Das alte wellblechverkleidete Haus wird demnächst abgerissen. Heute müssen sie ausziehen, die letzten Exponate verfrachten sie in den Transporter, der an diesem Nachmittag die halbe Straße blockiert. Klingenberg zündet sich erstmal eine Zigarette an.

Nur grüne Geysire können schocken

Letztes Jahr zum Sequences hatten sie die Invasionanistas eingeladen, eine New Yorker Künstlergruppe. Auf Wunsch fuhr Klingenberg sie zum berühmten Geysir Strokkur, der alle zehn Minuten explodiert und Wasser 20 Meter hoch in die Luft schießt. "Plötzlich warfen sie ein Pulver in den Schlot, dass sich sekundenschnell verbreitete und die Fontäne schmutzig-grün färbte", sagt er. Diese Art von Aktionismus ging selbst dem Isländer zu weit. Klingenberg war geschockt und konnte nichts tun, außer schnell wegzulaufen. Zum Glück war das Wetter an diesem Tag echt mies, so dass sie alleine an der sonst überfüllten Touristenattraktion standen. "Viele Künstler hören davon, dass in Island alles möglich ist, und dann wollen sie auch alles möglich machen", sagt er und zündet sich eine weitere Zigarette an.

Die Stadt Reykjavík wandelt sich: Nicht nur das Haus der Kling & Bang Galerie wird abgerissen, auch die befreundeten Künstlerinnen von der "Icelandic Love Corporation" räumen in diesen Tagen ihr Atelier, das sich eine Querstraße weiter Richtung Hafen in der Hverfisgata befindet. Seit zehn Jahren arbeiten die drei Frauen Eirún, Jóní und Sigrún zusammen. Zu ihren größten Fans gehört Björk, die sich von den Dreien die Bühnenkostüme für die Tour zum neuen Album "Volta" stricken ließ. Knallbunte, wollene Ganzkörperverkleidungen. Den monatelangen, dunklen Winter haben die drei in ihrem Atelier daran gearbeitet. Die Strickmaske, die Björk auf der Tour trug, holten sie sich für eine Retrospektive im Reykjavík Art Museum zurück. Sie wird dieses Jahr im Rahmen des Sequences zu sehen sein. An die Fassade des Museum hat die Icelandic Love Corporation in riesigen Lettern "Framtidin er fögur" geschrieben. "Die Zukunft ist schön."

Die drei Frauen, alle Anfang 30, sitzen nun in der Caféteria. Sie blicken aus dem Fenster auf den Hafen. Unweit davon liegt eine riesige Baustelle, hier entsteht eine Konzerthalle. Das große Geld ermöglicht große Projekte. Die Künstlerinnen befürchten trotz ihrer optimistischen Parole an der Museumsfassade, dass durch das viele Geld der Charme ihrer kleinen Stadt und auch Kunstszene verloren geht. "Die isländische Szene hat Vor- und Nachteile", sagt Eirún. "Man kann hier sehr schnell berühmt werden, aber der Markt ist auch begrenzt."

Deshalb verlassen viele Isländer zeitweise ihre Heimat. Sie gehen nach Berlin, Kopenhagen, Madrid oder New York. Auch der 31-jährige Künstler Curver Thoroddsen muss mal raus und nutzt diese Tatsache gleich für ein Happening im Rahmen des Kunstfestivals. Im Museum Listasafn veranstaltet er einen Flohmarkt, bei dem er all seine persönlichen Sachen verkauft: Hawaii-Hemden, Schallplatten, Bücher, den Verstärker und auch sein Auto. Was danach kommt? Mal schauen. Thetta reddast.

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