Aga-Khan-Hotels in Krisengebieten: Im Fünf-Sterne-Bunker

Von , Kabul

Übernachtung mit Sterne-Luxus, und das in Krisenorten wie Kabul oder Kigali: Wo sich kaum ein Tourist hintraut, bietet die Hotelkette Serena ihren Gästen ein weiches Bett, frisches Obst und höchste Sicherheit hinter Stacheldraht und Betonwällen. Lohnt sich dieses Geschäft?

Hotelkette Serena: Willkommen im Krisengebiet! Fotos
Corbis

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Der Gast ist erleichtert, als der Mann an der Rezeption lächelnd die Kreditkarte annimmt. "Gott sei Dank!", sagt er. "Vor ein paar Jahren konnte man hier im Serena in Kabul nicht mit Karte zahlen, weil kein Kreditkartenunternehmen eine Niederlassung in Afghanistan hatte. Ich bin froh, dass ich nun nicht rausfahren muss, um Geld abzuheben." Eine Autofahrt in Kabul berge ja "ein gewisses Lebensrisiko", das er nicht unnötig eingehen wolle.

Sehr viel mehr hat sich seit 2005, als das Fünf-Sterne-Hotel im Stadtzentrum von Kabul eröffnet wurde, nicht verändert. Der sandfarbene Klotz ist umgeben von tiefgrünen Rasenflächen und gepflegten Blumenbeeten, darum mehrere Meter hohe Betonmauern und Stacheldraht. Das Hotel ist eine Luxusinsel inmitten des Kabuler Verkehrschaos. Auf dem Dach postieren Scharfschützen; wer in die Lobby will, muss mehrere Sicherheitskontrollen durchlaufen. Der Gast muss sich abtasten und sein Gepäck zweimal durchleuchten lassen. Übergewichtige Spürhunde prüfen die Taschen auf Sprengstoff.

An mehreren Stellen prangen Aufkleber, ein roter Kreis mit durchgestrichenem Gewehr. Im Hotel laufen trotzdem Männer mit Waffen herum: junge Kerle mit geölten Haaren, unter deren Sakko sich eine Pistole abzeichnet. Sie sollen für Sicherheit sorgen.

Es ist eine Marktnische, die die Anfang der siebziger Jahre gegründete Hotelkette Serena inzwischen besetzt: noble Unterkünfte in Krisengebieten. Das "Flaggschiff", wie sie es selbst nennen, ist das Haus in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad, eine Festung auf einem Hügel, ähnlich gesichert wie das Hotel in Kabul. Auch Kigali in Ruanda und Kampala in Uganda sind Standorte. Insgesamt 36 Luxushotels betreibt das Unternehmen in Asien und Afrika. Die neueste Filiale hat vor ein paar Monaten in Duschanbe, Tadschikistan, eröffnet.

Reiserouten für Afghanistan

Geplant - und teilweise schon im Bau - sind Hotels in Syrien, in Damaskus und Aleppo, und weitere Häuser in Afghanistan, in Herat und Masar-i-Scharif. "Eines Tages wird es wieder möglich sein, in Afghanistan zu reisen", sagt ein optimistischer Mitarbeiter des Kabuler Serena. "Dann wollen wir die Ersten sein, die Touristen eine erstklassige Unterkunft anbieten." Ein afghanisches Reiseunternehmen hat schon entsprechende Reiserouten ausgearbeitet.

Dabei lohnt sich das Geschäft kaum. In Kabul zum Beispiel ist das Haus, einst das Hotel Kabul und von Serena übernommen und für 30 Millionen Dollar zum Fünf-Sterne-Bunker umgebaut, selten mehr als zur Hälfte belegt. Die vollen 356 Dollar pro Nacht zahlt kaum jemand, die meisten sind regelmäßige Kunden und bekommen das Zimmer für einen Drittel des Preises: Geschäftsleute, Diplomaten, Entwicklungshelfer, Berater, Journalisten. Auch hohe Staatsbesucher steigen hier mit ihren Delegationen ab.

Der Bau war teuer, das Heranschaffen des Materials, des Marmors, der Einrichtung. Aber auch der Betrieb geht ins Geld, schon wegen des Sicherheitsaufwands. Gerade in Kabul müssen viele Produkte, die ein Luxushotel braucht, aus dem Ausland herangeschafft werden, Lebensmittel vor allem. Aber selbst die Seife für die Gäste kommt aus England. Alkohol schenkt das Serena in Kabul nicht aus, Afghanistan ist streng islamisch. In Islamabad gibt es Alkohol nur aufs Zimmer - und das in der Regel auch nur für Nichtmuslime.

Als drei Selbstmordattentäter im Januar 2008 in die Lobby eindrangen, um sich schossen, einen Sprengsatz zündeten und fünf Menschen töteten, mieden in den Monaten darauf Reisende das Serena. Ein Jahr später schlugen Raketen auf dem Grundstück ein, und immer wieder kam es zu Anschlägen in der Nähe. Einige Ministerien und Botschaften sind gleich um die Ecke.

Tourismusförderung in Krisenregionen

Es funktioniert nur, weil das Serena nach eigenen Angaben nicht auf Gewinn aus ist. Man wolle auch keine Verluste machen, heißt es im Management, aber man sei eben auch nicht ausschließlich profitorientiert. Besitzer der Kette ist das Aga Khan Development Network, die größte private Entwicklungsorganisation der Welt. An ihrer Spitze steht der Milliardär Prinz Karim al-Husseini, 75, wegen seines Reichtums und der schönen Frauen, mit denen er sich umgibt, Liebling der Boulevardpresse. Im Herbst machte er mit seiner Scheidung Schlagzeilen: Er musste seiner Ex-Frau 60 Millionen Euro Abfindung zahlen.

Der Aga Khan ist das religiöse Oberhaupt der Ismailiten. Diese liberal ausgerichtete muslimische Glaubensgemeinschaft ist eine Abspaltung der Schiiten und zählt heute rund 20 Millionen Anhänger in Asien, Afrika und Europa. Der Aga Khan steht als direkter Nachkomme des Propheten Mohammed in Verantwortung.

Der kommt Prinz al-Husseini, 75, seit über einem halben Jahrhundert in Amt und Würden, mit einem weit verzweigten Stiftungsnetzwerk nach, das Projekte in 16 Entwicklungsländern betreibt, darunter Krankenhäuser und Kulturarbeit. Die Serena-Hotels sind Teil der Tourismusförderung, unterstützt von der Weltbank und der norwegischen Regierung. Dem Aga Khan ist nach eigenem Bekenntnis wichtig, der Diskriminierung von Muslimen entgegenzuwirken. "Wir tun nicht genug, um der Welt die Großartigkeit der islamischen Zivilisation und deren Kultur zu zeigen", sagte er beim Start eines neuen Hotelprojekts.

Hotelmitarbeiter in Kabul betonen, es gehe gar nicht darum, in Krisengebieten präsent zu sein, sondern darum, in wirtschaftlich unterentwickelten Regionen Arbeitsplätze zu schaffen und den Tourismus dort zu fördern. In Zusammenarbeit mit den jeweiligen Regierungen arbeite man an einer Verbesserung der Lage. Man setze darauf, dass der Bau eines Hotels weitere ausländische Investoren ermutige, sich in den als schwierig geltenden Regionen der Welt zu engagieren.

Kein Schritt vor die Tür

Die Hotels zahlen für lokale Verhältnisse überdurchschnittliche Gehälter. Mitarbeiter erzählen, dass das Serena grundsätzlich niemandem kündige, in ihre Weiterbildung sowie in die Ausbildung ihrer Kinder investiere und für die Gesundheits- und Altersversorgung aufkomme. "So eine Firma findet man in Afghanistan selten", sagt einer. In Pakistan verhält es sich genauso. Als vor drei Jahren im Swat-Tal die Taliban herrschten, blieben im dortigen Serena wochenlang die Gäste aus. Die Armee schritt im Frühjahr 2009 ein, das Hotel musste für mehr als ein Jahr schließen. Trotzdem wurde kein einziger Angestellter entlassen.

Höchste Priorität in diesem Umfeld hat die Sicherheit, gerade an einem Ort wie Kabul. In den Restaurants und Cafés im Hotel sitzen Gäste schon mal in Splitterschutzwesten, vor den Eingängen postieren Bewaffnete. Dort Chaos, hier Exotik: Die Welt da draußen, hinter den Betonbarrieren und Sicherheitskontrollen, und die Welt hier drinnen sind zwei unterschiedliche, die nichts miteinander zu tun haben. Selbst die Hotelmanager in Kabul kennen die Welt da draußen kaum. Sie leben im Serena und fliegen am Wochenende nach Pakistan, in ihre Heimat.

Der Mann, der an der Rezeption mit Kreditkarte zahlen kann, bleibt drei Tage in Kabul. Genauer: im Serena. Er sagt, er werde das Hotel "kein einziges Mal" verlassen. Er ist Entwicklungsberater, und all seine Gesprächspartner würden ihn im Hotel aufsuchen. Wenn er abreist, hat er Kabul außerhalb der Hotelanlage genau zweimal gesehen: auf dem Weg vom und zum Flughafen, durch die getönten Scheiben seines gepanzerten Wagens.

Dem Autor auf Facebook folgen

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fernweh
RSS
alles zum Thema Hotels
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
REUTERS
Wie man sich bettet, so lebt man: Eine schlechte Unterkunft kann den ganzen Urlaub vermiesen. Manchmal ist aber das Hotel allein schon die Reise wert. Kennen Sie die berühmtesten und prächtigsten Herbergen der Welt? Testen Sie Ihr Wissen im Hotel-Bilderquiz.

Fotostrecke
Machen Sie mit: So funktioniert die Reisekarte