Seychellen Cerf Island und die 30 Gäste

Die Seychellen zählen 115 Inseln. Aber nur eine ist so drastisch exklusiv, so mittendrin und trotzdem bezahlbar: Cerf. Das winzige Tropenparadies bietet einsame Wanderwege, unberührte Strände und erstklassige Schnorchelreviere.

Von Stefan Heijnk


Cerf? Wo liegt Cerf?
Stefan Heijnk

Cerf? Wo liegt Cerf?

Boudewijn kommt aus Amsterdam. Auf der Fähre von LaDigue nach Praslin unterhalten wir uns übers Insel-Hopping auf den Seychellen, und er fragt, welche Insel bei mir als Nächstes auf dem Programm steht. "Cerf Island" sage ich und warte ab, ob er damit was anfangen kann. "Nie gehört" sagt er - und ist damit sicher nicht allein.

Der Blick auf die Seekarte lässt vermuten, warum das wohl so ist: Cerf liegt vier Kilometer östlich von Victoria auf Mahé. Und nur eine Daumenbreite entfernt, so sieht's zumindest auf der Karte aus, liegen Landebahn samt Einflugschneise des internationalen Flughafens. So was mag man als Urlauber ja gar nicht gern.

Viel besser hört sich da schon an, was die Reiseliteratur zu sagen hat: Cerf gehört zum Sainte Anne Marine National Park, einem der schönsten Surf- und Schnorchelreviere der Seychellen. Und tatsächlich ist die Gegend Inbegriff all dessen, was die Tropen zum Fluchtpunkt mitteleuropäischen Fernwehs macht: Hier gibt es alte Piratennester und verlassene Schatzinseln, Brutstrände seltener Meeresschildkröten und Kinderstuben grimmig dreinschauender Haie, einen echten Robinson Crusoe samt "Man Friday" auf eigener Insel, ein ebenso echtes seychellisches Alcatraz in direkter Nachbarschaft zu einem Fünf-Sterne-Luxus-Resort, noch dazu eine Restaurant-Insel, komplett drapiert in spektakuläre Natur.

Auf Cerf angekommen, sind alle Gedanken über die befürchtete Dauerbeschallung durch PS-gewaltige Düsenmotoren schnell verflogen. Beim Aussteigen aus dem Shuttle-Boot sehen wir vor der monumentalen Bergkulisse Mahés einen zur Miniatur geschrumpften Passagierjet dem Boden entgegensinken. Ganz lautlos. So ist das richtig.

Zeichen von Zivilisation sind vom Zubringerboot aus nur wenige auszumachen. Das L'Habitation, einziges Hotel der Insel, duckt sich vor dem kräftigen Südostmonsun in eine adrett bepflanzte Lichtung. Ein paar Fischer-Dingis dümpeln an ihren Ankerleinen in der frischen Dünung und nur bei genauerem Hinsehen entdeckt man zwei, drei in den Dschungel gebaute, schmucke Holzhäuser.

Wenig Gäste, wahrer Luxus

Dass hier alles so abgeschieden wirkt, hat sicher auch mit der Akustik zu tun: keine hupenden Autos, keine quietschenden Reifen, nur Windgeflüster, Wassergeplätscher und Vogelgezwitscher. Und natürlich mit der klitzekleinen Gästezahl: "In unseren zwölf Zimmern haben wir zwar Platz für 30 Gäste", sagt Delta Payet-Wardhorner, die das L'Habitation mit ihrem Mann Dennis betreibt. "Normalerweise nehmen wir gleichzeitig aber nur 20 Gäste auf, um allen genügend Freiraum zu lassen."

Wem es auf Cerf zu einsam ist, der kann nach Mahé inselhoppen
Stefan Heijnk

Wem es auf Cerf zu einsam ist, der kann nach Mahé inselhoppen

Die überschaubare Gästeschar erlaubt wahren Luxus: Wer völlig abspannen und einfach mal keiner Menschenseele begegnen will, ohne gleich zum Eremiten zu werden, ist hier am richtigen Platz. Das kleine Tropenparadies bietet einsame Wanderwege, unberührte Strände und, wer möchte, teilt sich die erstklassigen Schnorchelreviere nur mit Fischen und Schildkröten.

Auch in den Räumlichkeiten des L'Habitation ist "Enge" ein Fremdwort. Die Lobby des vor drei Jahren ausgebauten, ehemaligen Plantagenhauses ist hell, offen und vom frischen Seewind angenehm temperiert. Die Zimmer sind großzügig bemessen, geschmackvoll eingerichtet und mit Klimaanlage, TV, Minibar und Ventilator ausgestattet. Auf den Balkonen und Terrassen hätten locker zwei Tischtennisplatten Platz, und die Badezimmer verfügen allesamt über Winkelbadewannen, groß genug für zwei Personen.

Delta Payet-Wardhorner bezeichnet die Atmosphäre in ihrem Haus gern als familiär - und das ist wahrhaft kein leeres Wort. Das Buffet beispielsweise wird abends erst eröffnet, wenn alle Gäste im Restaurant versammelt sind. Kommt jemand mal nicht ganz rechtzeitig aus der Dusche, dann ruft die Chefin auch schon mal freundlich im Zimmer an. Und je nach Lust und Laune tanzt Kellnerin Patricia zum Dessert gerne einen Sega vor, den schön anzuschauenden, einheimischen Hüftschwungtanz.

Auf Ile Cachee sollen Piraten Gold und Diamanten vergraben haben

Die Insel selbst ist ein Tropenidyll. Mit zwei Quadratkilometer hügeliger Fläche ist sie knapp doppelt so groß wie Helgoland, zwar nicht ganz so steilfelsig, dafür aber überwachsen mit grünem Dickicht aus Palmen und Takamaka-Bäumen, umsäumt von Korallenriffen und einsamen Stränden - und meistens überspannt von einem Dach aus Himmelblau und strahlender Sonne. Direkt am Südstrand schließt sich die Ile Cachee an Cerf an, ein ehemaliges Piratennest, auf dem die gesetzlosen Säbelrassler vor Jahrhunderten ihre Gold- und Diamantenschätze vergraben haben (sollen).

Einziges Hotel auf Cerf: Das familiäre L' Habitation
Stefan Heijnk

Einziges Hotel auf Cerf: Das familiäre L' Habitation

Gleich um die Ecke liegen die vier großen Schwesterinseln, die wie Cerf allesamt zum Nationalpark gehören. Jede der Inseln ist maximal fünf Motorbootminuten entfernt, allerdings sind nur zwei von ihnen jedermann zugänglich.

Die größte von ihnen heißt Sainte Anne, ist Namensgeberin des Nationalparks, liegt nördlich von Cerf und darf aus Naturschutzgründen (hier brüten die vom Aussterben bedrohten Echten Karettschildkröten) nur von Gästen des exklusiven Beachcomber Fünf-Sterne-Resorts betreten werden. Die günstigsten Übernachtungen kosten dort übrigens zwischen 580 und 1200 Euro pro Person, die teuersten der 87 Zwei-Personen-Villen sind für stolze 3500 bis 5740 Euro pro Nacht zu haben, inklusive Frühstück. Die Übernachtungspreise im L'Habitation nehmen sich mit 330 Euro pro Doppelzimmer vergleichsweise bescheiden aus.

Englischer Journalist versucht sich als moderner Robinson Crusoe

Nur einen kräftigen Flossenschlag entfernt ist die Aussicht nahezu identisch, die Unterkunft aber kostenlos: Long Island ist das seychellische Alcatraz. Auf der Seekarte verschämt als Quarantänestation tituliert, ist die Insel in Wahrheit der Standort des Staatsgefängnisses und damit Zwangswohnsitz für knapp 170 Häftlinge, weltweit wohl das einzige Gefängnis in einem Naturschutzgebiet der Superluxusklasse.

Tropenidyll mit Palme: Cerf
Stefan Heijnk

Tropenidyll mit Palme: Cerf

Mitten im Nationalpark liegen Moyenne und Round Island. Moyenne gehört dem englischen Journalisten Brendon Grimshaw, der sich hier seit 1973 seinen Traum vom Leben als moderner Robinson Crusoe verwirklicht. Besucher sind herzlich willkommen. Auch Round Island, gleich nebenan gelegen, kann von jedermann betreten werden. Das Restaurant-Inselchen ist fast kreisrund, misst 150 Meter im Durchmesser, ist umgeben von flachem, türkis glitzerndem Meer und ausgestattet mit bester kreolischer Fischküche.

Wem das alles noch nicht reicht, für den ist Mahé nur einen Steinwurf entfernt. Das Taxiboot pendelt mindestens dreimal täglich hinüber zum urbanen Victoria, dem bunten Zentrum der Seychellen und mit 25.000 Einwohnern eine der kleinsten Hauptstädte der Welt. Giliane, die seit 40 Jahren auf Cerf lebt und als Rezeptionistin fürs L'Habitation arbeitet, bringt es auf den Punkt: "Cerf vereint das Beste aus zwei Welten. Wer Ruhe sucht, findet hier Ruhe. Ansonsten ist Victoria nur zehn Minuten entfernt." Was will man mehr.



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