Fotoreise nach Sibirien: Kochkunst mit Lötlampe

Von Michael Martin

Härtetest für Motorschlitten: Im sibirischen Tiefschnee sorgen schwierigste Bedingungen für jede Menge Pannen. Zum Glück sind die Mechaniker einer kleinen deutschen Reisegruppe Meister der Improvisation - nicht nur bei der Fahrzeug-Reparatur, sondern auch in der Küche.

Tschukotka: Im Tiefschnee zu den Rentiernomaden Fotos
Jörg Reuther

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Schemenhaft taucht eine aus Stahlrohren gebogene halbe Erdkugel im Schneesturm auf. Endlich habe ich einen Anhaltspunkt für unsere Position, denn das Denkmal markiert den Schnittpunkt des nördlichen Polarkreises mit dem 180. Längengrad. Dieser kartographisch einzigartige Punkt liegt zehn Zeitzonen östlich von Moskau im äußersten Nordosten Sibiriens, in Tschukotka. Für uns markiert er außerdem den halben Weg auf unserer insgesamt über 1000 Kilometer langen Motorschlitten-Fahrt von der Hauptstadt Anadyr zu den Rentiernomaden Tschukotkas.

Wir sind am Morgen in der Hafenstadt Egwekinot aufgebrochen, die nach dem Zusammenbruch der Erzförderung einen Großteil ihrer Einwohner verloren hat und an trüben Wintertagen nicht gerade einladend wirkt. Während der Großteil unserer Reise querfeldein über schneebedeckte Tundra oder über gefrorenes Meer verläuft, folgt der 90 Kilometer lange Abschnitt zwischen Egwekinot und dem Dorf Amguena einer Erdstraße, die zwischen 1946 bis 1956 von Gulaghäftlingen gebaut wurde. An diese Arbeiter muss ich denken, als wir uns auf der mit Eis überzogenen Straße zwölf Stunden lang im Schneesturm nach Norden kämpfen.

Wir sind freiwillig hier, sind gut ausgerüstet und werden abends hoffentlich eine warme Unterkunft erreichen. Die 1500 Gulaghäftlinge, meist politische Gefangene, hausten dagegen in Erdhöhlen, bekamen pro Höhle täglich nur ein Brikett zum Heizen und wenig zu Essen. Die meisten starben an Erschöpfung, Hunger und Kälte. 1937 war im zentralen Teil der Halbinsel eine bedeutende Lagerstätte von Zinn, Wolfram und Molybdänerzen gefunden worden, mit deren Ausbeutung nach dem Zweiten Weltkrieg begonnen wurde. Die Straße führte zum Hafen in Egwekinot, der ab 1946 entstand. Unweit des Polarkreis-Denkmals stehen bis heute die Gebäude der Gulag-Aufseher.

Einsamkeit auf der gesperrten Strecke

Bald führt die Strecke ins Gebirge hinein und einen 500 Meter hohen Pass hinauf. Das enge Tal wirkt wie eine Düse und beschleunigt den Sturm, die Neuschneehöhe beträgt in den Hochlagen 70 Zentimeter, die Strecke ist seit Tagen gesperrt. Wir sind völlig auf uns allein gestellt, als wir uns durch den Tiefschnee zu kämpfen. Die Motorschlitten und auch wir kommen an unsere Grenzen, vergeht doch kaum ein Kilometer, wo nicht einer von uns hängenbleibt oder umkippt.

Vitaliy, unser nervenstarker russischer Guide, wühlt sich an der Spitze durch die Schneemassen. Unsere Gruppe besteht aus der tschuktschischen Übersetzerin Marina, den beiden russischen Mechanikern Sergei und Sascha, dem deutschen Tourveranstalter Markus Walter, seinen drei Kunden Martin, Wolfgang und Bo, sowie uns zwei Fotografen, Jörg Reuther und mir. Fast immer hat einer von unseren zehn Motorschlitten eine Panne, bleibt im Schnee stecken oder kippt um. Manchmal schaffen wir deshalb in einer Stunde gerade mal einen einzigen Kilometer.

Es rächt sich, dass wir viel zu spät aufgebrochen sind, doch andererseits konnte niemand ahnen, dass die Neuschneemassen und der Schneesturm uns derart aufhalten würden. Am späten Abend tauchen die Lichter von Amguena auf, das hauptsächlich von Tschuktschen bewohnt wird. Es gibt keine offizielle Unterkunft, doch wir kommen im Gebäude der kommunalen Sauna unter. Bald sind die Isomatten ausgerollt und in der Küche kocht ein Topf mit Nudeln. Als der Strom ausfällt, sorgt unser Mechaniker Sergei mit seiner Lötlampe dafür, dass die Nudeln weiterkochen können.

Reparatur mit Rubelmünzen

Auch bei der Reparatur der Schlitten erweisen sich die Mechaniker als Improvisationskünstler. Weil Beilagscheiben fehlen, drillen sie mit einer Bohrmaschine kurzerhand Löcher in 20 Rubelstücke. Nach dem Essen sitzen wir in der Sauna und genießen jedes einzelne Grad der 100 Grad Celsius, während draußen der Schneesturm weiter tobt.

Am nächsten Morgen hat sich der Sturm gelegt, endlich zeigt sich Amguena. Gegenüber der Sauna stellt ein gut sortierter Laden das Ortszentrum da. Die Hauptstraße wird gesäumt von 46 Fertighäusern kanadischer Herkunft, die Milliardär Roman Abramovich der bis 2008 Gouverneur von Tschukotka war, den Tschuktschen spendiert hat. Größtes Gebäude ist die Schule mit angeschlossenem Internat. Hier leben jene Schüler, deren Eltern bei den Rentierherden sind oder die aus winzigen Dörfern stammen. Bei einem Schulbesuch zeigt uns der Direktor die weitläufige Anlage, die mit Computern, Beamern, Büchern und Sportgeräten besser ausgestattet ist als manch deutsches Gymnasium.

Auch das Outfit der Schüler unterscheidet sich nicht von dem eines mitteleuropäischen Jugendlichen. Zu diesem Zeitpunkt kann ich mir gar nicht vorstellen, dass die Eltern der Schüler draußen in der Tundra in Fellkleidung ihre Rentierherden hüten, während ihre Kinder sich online westliche Musik herunterladen.

Fahrt bei minus 30 Grad

Am späten Vormittag steht der lokale Guide Anatoli in der Küche unserer Sauna-Unterkunft und kündigt an, dass eine Rentierherde derzeit 100 Kilometer nordwestlich von Amguena zu finden ist und wir am frühen Nachmittag aufbrechen. Die Fahrt erweist sich trotz des inzwischen besseren Wetters als zeitraubend, denn das Gelände ist schwierig. Bis nach Sonnenuntergang überqueren wir eine Hügelkette nach der anderen, dazwischen fahren wir auf gefrorenen Flüssen und Seen. Die Abenddämmerung taucht die verschneite Tundralandschaft in ein violett-blaues Licht, das GPS zeigt eine Meereshöhe von 1000 Metern an, das Thermometer minus 30 Grad.

Plötzlich entdecke ich in der Ferne auf einem verschneiten Hochplateau mehrere tipiartige Zelte, sogenannte Yarangas. Aus zweien steigt Rauch auf, dahinter glänzen die Berge im Licht des aufgehenden Vollmonds. Schöner könnte kein Indianerfilm die friedliche Szene wiedergeben. Wir parken im letzten Licht unsere Motorschlitten und stapfen im tiefen Schnee auf die großen Zelte aus Rentierleder zu, deren Holzstangen sich in vier Metern Höhe kreuzen.

Wir werden von drei Familien, insgesamt zwölf Tschukschen, begrüßt und in den geräumigen Tschottagin gebeten. Das ist eine Art Vorzelt, in dem ein kleines Kochfeuer brennt. Marina, die als einzige unserer Gruppe Tschukschisch spricht, stellt uns vor. Wir erfahren, dass unsere Gastgeberin Irina, ihr kleiner Sohn Saweli und ihre betagten Eltern Soia und Gregory heißen und erst wenige Tage auf dem Hochplateau lagern.

Zuvor hatten sie dem grimmigen Winter in einem zehn Kilometer entfernten Taleinschnitt getrotzt. Es waren 70 von den Rentieren gezogene Holzschlitten notwendig, um das Lager zu versetzen. Ich betrachte im Schein des Feuers die Zeltkonstruktion, der man anmerkt, dass darin jahrhundertelange Erfahrung steckt. Jeweils drei in bestimmten Winkel zusammenlaufende Stangen geben dem Zelt eine stromlinienförmige Form, die Außenhaut ist aus 50 Rentierfellen genäht, die isolieren und sehr reißfest sind. Den Yarangas können auch schwerste Winterstürme nichts anhaben.

Gourmet-Abendessen im Nomadenzelt

Irina macht Tee und nimmt dann den Topf mit Rentierfleisch vom Feuer. Mit einem scharfen Messer schneidet ihr Vater Gregory für jeden von uns große Stücke zartes, praktisch fettfreies Fleisch herunter. Rentierfleisch gilt weltweit als Delikatesse und wird selbst in Russland für 800 Rubel pro Kilo, also 20 Euro, teuer verkauft. Wir fragen nach den Rentieren und erfahren, dass die 3000 Tiere umfassende Herde erst am Vortag nach Geschlechtern getrennt wurde und nun in zwei Gruppen in einigen Kilometern Entfernung im tiefen, aber lockeren Schnee grast. Nach dem Essen wandern mein Freund Jörg und ich noch eine Zeitlang mit unseren Kameras und Stativen durch den Schnee. Leider ist der Himmel bewölkt, der Mond ist nur als undeutlicher Lichtfleck hinter den Wolken zu sehen.

Die Bewölkung sorgt dafür, dass es mit minus 20 Grad wärmer ist als in klaren Nächten. Als wir dennoch fröstelnd ans Feuer zurückkehren, fällt mir auf, wie dick wir im Gegensatz zu unseren Gastgebern angezogen sind. Sie tragen Kleidung und Schuhe aus Rentierfell, die viel weniger einschränkt als unsere voluminösen Daunenjacken und Polarstiefel. Der kleine Saweli turnt in seinem Fellanzug durch die eiskalte Yaranga, als würden hier Wohnzimmertemperaturen herrschen.

Zum Schlafen kriechen wir in den von Fellen umschlossenen, hinteren Teil der Yaranga, den sogenannten Polok. Die zwei mal zweieinhalb Meter große Schlafkabine ist gut isoliert und der wärmste Platz im Umkreis von 100 Kilometern. Jörg und ich finden mit unseren viel zu warmen Schlafsäcken neben der vierköpfigen Familie gerade genug Platz und schlafen augenblicklich ein.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Naja, es war kein Lötkolben
defycgn 03.05.2012
Sondern eine Lötlampe. Ich hatte mich bei dder Überschrift schon gewundert wie man den Lötkolben wohl verwendet hat. Vielleicht als Tauchsieder oder so ähnlich! ;-)
2. Musste beim ersten Lesen
felisconcolor 03.05.2012
Zitat von defycgnSondern eine Lötlampe. Ich hatte mich bei dder Überschrift schon gewundert wie man den Lötkolben wohl verwendet hat. Vielleicht als Tauchsieder oder so ähnlich! ;-)
auch schmunzeln. Habe mir gleich die Bilder angeschaut, denn von improvisierenden Russen bin ich einiges gewohnt und hatte mich schon auf ein neues Highlight gefreut. Tja war dann doch nur eine Lötlampe. Es sei der schreibenden Zunft verziehen. denn merke, Messer, Gabel, Schere, Licht sind für Journalisten nicht ;-)
3. Es tut mir schrecklich leid,
Art Mooney 03.05.2012
Michael Martin ist anscheinend ein netter Kerl und ein Draufgänger, aber die Fotos sind wirklich nicht besonders gut. Bilder sind schief, schlecht belichtet, keine vernünftige Bildaufteilung, Personen im Gegenlicht dunkel etc. Das könnte man einiges wenigstens per Nachbearbeitung korrigieren, aber ich habe bei den Martin-Serien häufig den Eindruck, hier macht nur die Kamera und die interessante Gegend den Fotografen. Vielleicht Reportage, aber das Ergebnis einer "Fotoreise"?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fernweh
RSS
alles zum Thema Michael Martin
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare

Fotostrecke
Nordosten Russlands: Lichtspiele in Tschukotka
Fotostrecke
Machen Sie mit: So funktioniert die Reisekarte

Zur Person

Michael Martin, 1963 geboren, ist Diplom-Geograf und renommierter Wüstenfotograf. Der Münchner hat seit seinem 17. Lebensjahr 150 Wüstenreisen unternommen und darüber mehr als 20 Bücher veröffentlicht, darunter auch das in sechs Sprachen erschienene "Die Wüsten der Erde".

Martins neues Projekt: ein Vergleich zwischen Eis- und Trockenwüsten. Dafür besucht er die wichtigsten Eiswüsten der Nord- und Südhalbkugel und ihre Bewohner. Er wird mit Hunde- und Motorschlitten, per Schiff und Flugzeug und - wo immer möglich - mit dem Motorrad unterwegs sein.
www.michael-martin.de

Fotostrecke
Mongolei: Wintertour durch die Schneehölle

"Planet Wüste" - Die Tour
Forum
Michael Martin
Faszination Wüste: Michael Martin hat sein Leben der fotografischen Erkundung der heißesten und kältesten Regionen der Welt verschrieben. Teilen Sie seine Leidenschaft? Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Buchtipp

Michael Martin:
30 Jahre Abenteuer
225 farbige Abbildungen.

Frederking u. Thaler; 286 Seiten; 39,90 Euro.

Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.