Sieben Tage Wildwest Im Herzen ein Cowboy

Prärie? Check! Country-Songs? Check! Reiten in den Sonnenuntergang? Check! Auf einer "Dude Ranch" kann der Traum vom Cowboy-Leben wahr werden. Zumindest für eine Woche.

Smith Fork Ranch

Von Stefan Wagner


Das Bonanza-Feeling ist da. Nach vier Stunden im Sattel. Zügel in der Hand, Staub auf den Jeans, den Cowboyhut ins Gesicht gezogen. Der Schweißgeruch des Pferdes. Vorne die Ranch, links Koppeln, rechts lichter Kiefernwald, dahinter die Rocky Mountains. Fehlt nur noch die Filmmusik.

Michaela Lopiccolo hat die Reiter vier Stunden lang durch macchiaartige Krüppeleichenwälder und an Berggipfeln vorbei geführt. Die 22-jährige Wranglerin, eine Art Nachwuchs-Cowgirl, zeigte auf Sleeping Indian, Saddle Mountain und den No Name Mountain. Als sie am Ende "Time for steaks?" ruft, gibt es keinen Protest. O-beinig staksen die Gäste in den Speiseraum der Smith Fork Ranch.

Die Ranch schmiegt sich in ein abgelegenes Tal im Westen des US-Bundesstaats Colorado. Luxuriös restaurierte Gebäude aus den 1890er Jahren sind auf fast 2200 Meter Höhe um das Haupthaus gruppiert. Eine ungeteerte Piste führt zum Eingangstor. Bis zu seinem Tod 2014 war Rocksänger Joe Cocker direkter Nachbar - seine Mad Dog Ranch liegt fünf Kilometer weit weg. Der nächste größere Ort, Grand Junction, ist etwa 120 Kilometer entfernt.

Cowboy sein für eine Woche! Auf einer "Dude Ranch" ist das möglich. Es gibt kaum eine intensivere Art, den Wilden Westen kennenzulernen, als vom Sattel aus - und so wird jeden Tag geritten. Quer durch Fichtenwälder und Bachläufe. Rauf auf die Berge, steil hinab in Canyons. Entlang tiefblauer Seen, im Galopp über Bergwiesen. Das Pferd wird dabei zum Freund.

Und am Abend warten ein warmes Mahl und Bier, Square-Dance-Stunden und sternenklare Nächte. Stadtbewohner kommen runter und entdecken, dass es ganz okay sein kann, erschöpft schon um 20.30 Uhr in einem Blockhaus ins Bett zu sinken.

Schuften oder schlemmen?

"Seit etwa drei bis vier Jahren werden die Dude Ranches förmlich überrannt", sagt Colleen Hodson, Direktorin einer Vereinigung, die gut hundert Gäste-Ranches repräsentiert. "Die Menschen können kaum warten, ihre Smartphones und Tablets in die Ecke zu pfeffern und etwas komplett anderes zu erleben."

Die Betriebe, die traditionell wenige Gästebetten haben, versuchten vorsichtig zu expandieren. "Manche bauen ein paar Extra-Unterkunftshütten, andere stellen Jurten oder luxuriös ausgestattete Zelte auf", sagt Hodson.

Wer auf einer Ranch Cowboyluft schnuppern will, muss sich allerdings grundsätzlich entscheiden: Will er schuften, schlemmen oder beides?

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"Howdy!": Eine Woche Cowboy sein
  • Auf der "Working Ranch" oder "Working Cattle Ranch" steht die Arbeit - die Rinderhaltung - im Vordergrund. Man kann am Alltagsleben der Cowboys teilnehmen: Kühe treiben, Pferde striegeln, Kälber mit dem Brandeisen markieren, sogar beim Zäunereparieren oder bei schwerer Stallarbeit mithelfen.
  • Die "Guest Ranch" nimmt oft eine kleinere Zahl von Touristen auf (circa 8 bis 20), man kommt vor allem zum Reiten, die Rinder spielen meist eine Nebenrolle. Viele richten sich gezielt an Familien.
  • Auf einer "Dude Ranch" sind Kühe hauptsächlich Kulisse. Der Begriff "Dude" kam Anfang des 20. Jahrhunderts auf. Er bezeichnet Touristen, die in den Ferien Cowboy spielen. Auf einer solchen Ranch finden Besucher neben dem täglichen Reiten Alternativangebote: Tennisplätze, Swimmingpools, exzellente Küche, Kinderprogramm.
  • "Ranch Resorts" oder "Luxury Ranch Resorts" sind der große Trend der vergangenen zehn Jahre. Hier wird Verwöhnen groß geschrieben. Das Reiten ist Kolorit und Beiwerk, der Fokus liegt auf gediegenem Genuss von Wellness bis Golfen, von Ausflügen bis Kochkursen, von Fliegenfischen bis Spa-Behandlungen.

Fisch aus Hawaii, Lassowurf-Lehrer aus Manhattan

Natürlich sind solche Gästeranches Sehnsuchtsturbos für Western-Nostalgiker: Das Cowboy-Klischee, geschaffen durch Hollywoodfilme, Werbung und Groschenromane, hat sich in europäische Gehirne eingebrannt. Und tatsächlich ist alles vorhanden, was in die erträumte Westernwelt gehört: Reiten durch die verfallende Ghost Town. Mittagspause am alten Indianergrab. Der Cowboy, der einem wortkarg und kautabakspuckend das Satteln erklärt. Die Bärenspuren, die man am Wildbach entdeckt.

Zugleich werden die Klischees entzaubert. Etwa wenn man erfährt, dass der Fisch auf dem Teller nicht aus dem Wildbach nebenan kommt, sondern gestern aus Hawaii eingeflogen wurde ("But it's organic!"). Oder dass der coole Cowboyhut auf dem Kopf der blonden Wranglerin nicht vom Hutmacher, sondern vom Walmart in Denver stammt. Oder dass der Lassowurf-Lehrer erst seit drei Monaten auf der Ranch lebt und zuvor in einem Restaurant in Manhattan gearbeitet hat.

Dazu passt dann auch irgendwie, dass viele der Ranchbesitzer nicht seit Generationen im Wilden Westen verwurzelt, sondern häufig Ex-Geschäftsleute aus den US-Metropolen sind. Smith-Fork-Ranch-Besitzer Marley Hodson, 76, zum Beispiel war Multimillionär und erfolgreicher Leder-Accessoire-Unternehmer ("Ghurka Bags"), als er vor zehn Jahren ausstieg und sich seine Cowboy-Phantasie erfüllte.

In den letzten Strahlen der Abendsonne sitzt er auf der Veranda und überblickt sein Reich. "Manchmal setze ich mich am Morgen auf mein Pferd und reite einfach los", sagt er, "jenseits von Wegen oder Trampelpfaden. Bis ich irgendwohin komme, wo ich noch niemals zuvor war." Hodson schwenkt seinen Weinkelch und nimmt einen kleinen Schluck. "Genau das ist es, was den Westen ausmacht." Dann blickt er schelmisch über den Rand seines Glases: "Vielleicht habe ich auch nur zu viele Western gesehen."

Gäste mutieren zu Cowboys

Nach einer Woche hat der "Cowboy-Spirit" von den Reittouristen Besitz ergriffen. Die mittelalte Engländerin, die sich snobistisch über den Reitstil der Cowboys geäußert hatte, hängt nun John-Wayne-lässig im Westernsattel. Die Teenager aus Pennsylvania haben sich als exzellente Bogenschützen erwiesen und grüßen nur noch mit "Howdy!".

Ein Gast aus Bremen hat sich nach drei Tagen seine eigenen Cowboystiefel gekauft. Abends sitzt er unter dem Hirschgeweihkronleuchter und schmökert in alten Zeitschriften wie "American Quarterhorse" oder dem Ratgeber "How to Build an Indian Tipi". Und die drei etwas übergewichtigen Kumpels aus Denver haben sich geschworen, nächstes Jahr wiederzukommen, wenn im Frühjahr die Kühe auf die Weiden getrieben werden.

Spät am Abend, nachdem die Singer-Songwriter am Lagerfeuer ihre letzte Countryballade in den Sternenhimmel geschrammelt haben, gehen die Gäste mit Taschenlampen und vom Reiten schmerzenden Hintern zu ihren Hütten. In der Luft der Geruch von Holzfeuer, in der Ferne Kojotengeheul, oben der Mond.

War da nicht ein Geräusch, unter den Büschen? Extralaut sprechend öffnen die Kurzzeit-Cowboys die Holztüren, ziehen sie dann schnell zu und schieben zur Sicherheit den Riegel vor. Denn da draußen, da ist er: der Westen, der wilde.

Stefan Wagner schreibt als freier Autor für SPIEGEL ONLINE. Der Aufenthalt wurde zum Teil unterstützt von der Smith Fork Ranch.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
f-rust 11.04.2017
1. Danke.
Hab von 1986 bis 1998 in und bei Santa Fe gelebt. Beim Artikel kommen "Heimatgefühle" auf. Schön. (Und prima, dass die Unterstützung der Ranch genannt wird - der Artikel ist dennoch neutral.)
eunegin 11.04.2017
2. USA? Jetzt? Nein danke.
Selbst und gerade als Deutsch-Amerikaner fahre ich im Moment nicht in die USA. Kotzt mich einfach zu sehr an und ich kann auch nicht auf der einen Seite kritisieren, was gerade dort passiert und dann gute Miene zum bösen Spiel machen. Wenn ich schon das Photo des Soziopathen bei der Einreise an der Wand sehe. Und meine Verwandte können mich gerne in Deutschland besuchen.
John McC!ane 11.04.2017
3. Das ist sprichwörtlich...
...ein alter Hut! Spätestens seit "City Slickers" mit Billy Crystal. Aber zumindest etwas origineller, als die Midlife Crisis mit einem Porsche, einer Harley und/oder einer 20jährigen Blondine namens Candy oder Joy zu verdrängen! ;-)
hardeenetwork 11.04.2017
4. Traumland USA
Ich reise seit vielen Jahren in die USA. Von Florida bis Alaska und von Hawaii bis Neuengland. Immer wieder Genuss pur. Und wer gerade an der Macht ist, hat keinen Einfluss auf das großartige Erlebnis.
schorsch_69 11.04.2017
5. Tja
Zitat von hardeenetworkIch reise seit vielen Jahren in die USA. Von Florida bis Alaska und von Hawaii bis Neuengland. Immer wieder Genuss pur. Und wer gerade an der Macht ist, hat keinen Einfluss auf das großartige Erlebnis.
"Besser" kann die weitläufige Ignoranz von Kreti und Pelti der "herrschenden" Realität in einem Staat nicht dargestellt werden. Im übrigen, gibt es massenhaft ähnliche Angebote hierzulande, zu einem Bruchteil der Kosten!
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