Karibikinsel Sint Maarten Eine Insel räumt auf

Drei Monate nach Hurrikan "Irma" kämpft die Karibikinsel Sint Maarten mit dem Wiederaufbau - und hofft auf die Rückkehr der Touristen. Die müssen derzeit noch improvisieren.

Moritz Wichmann

Aus Sint Maarten berichtet Moritz Wichmann


"It's Christmas time", tönt es aus dem Radio, in der karibischen Calypso-Variante natürlich. Am Ortseingang von Philipsburg verkauft der Baumarkt bei tropischer Hitze importierte Weihnachtsbäume, am Straßenrand rauchen die Grills der zahlreichen kleinen Imbisse, die das Lieblingsessen der Insulaner verkaufen: "Jerk Chicken", Hühnchen, das in einer karibischen Würzmischung mariniert ist.

Es herrscht geschäftige Normalität, scheinbar. Doch die Taxifahrt in die kleine Hauptstadt der Karibikinsel Sint Maarten zeigt die Spuren, die Hurrikan "Irma" vor gut drei Monaten hinterlassen hat: provisorisch mit blauen Planen abgedeckte Hausdächer, Trümmerteile am Straßenrand, Autos mit beschädigten Scheiben.

Im Dezember beginnt in der Karibik eigentlich die Hauptreisezeit. Und die ist für Sint Maarten wichtig, denn rund 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Insel werden laut der örtlichen Fremdenverkehrsbehörde durch den Tourismus erwirtschaftet. Nun ringen die Geschäfte um ihre Existenz.

"Irma" spülte den Strand in die Geschäfte

Normalerweise reiht sich in der Front Street hinter der Uferpromenade von Philipsburg ein "Duty Free Store" an den anderen, um Rum und Elektrogeräte sowie Designermode an die Besucher zu verkaufen. Die strömen sonst für einige Stunden aus den Schiffen am nahen Kreuzfahrtterminal. Doch nun sind viele Geschäfte mit Holzplatten verrammelt. Vor einigen Läden arbeiten Handwerker fieberhaft daran, in den nächsten Tagen zu Saisonbeginn doch noch öffnen zu können.

Einige Meter weiter, direkt am Strand, hat die Nu Love Beach Bar bereits geöffnet. "Vor zwei Monaten war ein Großteil des Sandes noch 100 Meter hinter dem Strand in der Back Street", erzählt Besitzer Andre Gardner*. Die meterhohe Sturmflut des Jahrhundertsturms "Irma" spülte den Strand der "Great Bay" von Philipsburg durch Straßen und in Geschäfte.

Die Beach Bar wurde nur wenig beschädigt: "Unser Gebäude ist recht neu, viele Gebäude an der Uferpromenade sind ziemlich alt", sagt der Kanadier Gardner. Doch die Häuser seiner sechs Angestellten wurden zerstört. "Wir haben für sie in Kanada Spenden gesammelt", sagt er. Nun säubert er mit zwei Mitarbeitern seine Strandliegen und wartet auf Besucher.

Fotostrecke

16  Bilder
Hurrikan "Irma": Sint Maarten nach dem Sturm

Doch zunächst kommt an diesem Tag König Willem-Alexander mit seiner Frau Maxima aus den Niederlanden in Sint Maarten an. Mit einem kleinen Konvoi fährt er für einen unangekündigten Kurzbesuch vor dem Holland House Beach Hotel vor, um sich ein Bild der Lage vor Ort zu machen.

Sint Maarten ist der südliche Teil der Karibikinsel St. Martin und gehört zum Königreich der Niederlande. Nach dem Hurrikan schickte die niederländische Regierung Soforthilfe und 550 Soldaten auf die Insel, auf der es mehrere Tage keinen Strom und Plünderungen gab. Sie übernahm die Regierungsgeschäfte und sagte 550 Millionen Euro an Hilfsgeldern zu.

Doch wichtiger als königliche Hilfe ist die Rückkehr der Touristen. Als erstes Schiff der Saison lief Anfang Dezember die "Viking Sea" Philipsburg an, sie bietet Platz für rund 950 Passagiere. Die schweizerische "Viking River Cruises" ist die erste Reederei, die Ziele in der Karibik wieder anfährt. Weitere US-Reedereien sollen folgen.

1,9 Milliarden Euro Schaden verursachte Hurrikan "Irma" in Sint Maarten laut der National Recovery Workgroup, einer Arbeitsgruppe der Regierung zum Wiederaufbau der Insel. Ähnlich hoch sind die Schadensschätzungen von Versicherungen im französischen Norden der Insel. "Die Aufräumarbeiten in Sint Maarten dauern an, aber wir sind 'open for business', wie wir es nennen", sagt Gianira Arrindell vom Sint Maarten Tourism Bureau. 15 Hotels seien bereits wieder offen, "weitere werden in den nächsten Monaten nach abgeschlossenen Aufräumarbeiten dazukommen", erklärt die Sprecherin. Die meisten werden jedoch erst Ende 2018 den Betrieb wieder aufnehmen können.

Luftbilder zeigten die Zerstörung in Sint Maarten:

REUTERS

Ein Gutachten der Behörde direkt nach dem Hurrikan ergab, dass 77,5 Prozent der Hotelzimmer der Insel "unbewohnbar" sind. In der jetzt beginnenden Hochsaison werden die Hoteliers der Insel täglich insgesamt 945.000 Dollar an Einnahmen verlieren, sagt Arrindell.

Ein Besuch von Sint Maarten in diesen Tagen verheißt nicht nur leere Strände, sondern auch Improvisation. Seit dem 10. Oktober ist der Princess Juliana Airport zwar wieder offen. Weil das Terminalgebäude durch die Sturmflut aber komplett durchnässt und wegen dem folgenden Schimmel komplett entkernt werden muss, operiert der Flughafen nun neben dem Gebäude provisorisch. Die Gates sind in der ehemaligen Gepäckabfertigung. Wartende Fluggäste können auf Gepäckbändern, aber auch auf den typischen schwarzen Flughafensitzen warten, die neben dem Terminal auf dem rauen Flughafenbeton unter weißen Zelten aufgestellt wurden.

Im November 2018 soll der Flughafen wiedereröffnet werden - wenn alles nach Plan läuft. "Das kann auch länger dauern", sagt ein Mitarbeiter an der Gepäckausgabe und lacht: "Wir sind in der Karibik."

Auch in der von Seglern und Luxusyachten dominierten Simpson Bay arbeitet man am Comeback. Normalerweise ist die weite Bucht ein Eldorado für Segler, vor "Irma" sorgten nachts die Ankerlichter von mehr als hundert Yachten für ein unvergleichliches Panorama. Jetzt ankern nur wenige Boote in der Lagune. Stattdessen liegen Dutzende Wracks an den Ufern der Bucht, in der Simpson Bay Marina ragen die Masten versunkener Yachten aus dem Wasser.

In der Inselzeitung "The Daily Herald" informieren großformatige Anzeigen die Besitzer von Yachten, dass zurückgelassene Wracks geborgen werden müssen, sonst werden sie "kostenpflichtig" entsorgt. An mehreren Stellen arbeiten Taucher und Schwimmkräne daran.

In den Seglerbars südlich der Lagune treffen sonst allabendlich die Proficrews der Megayachten auf die genügsamen Weltumsegler, doch aktuell ist die Hälfte der Bars und Hotels in der Airport Road noch verrammelt. Immerhin: Die berühmte Bar des Sint Maarten Yacht Club hat schon wieder offen und wirbt wie eh und je mit ihrem Klassiker: "Nur zwei Dollar für die Flasche Heineken".

*Name von der Redaktion geändert

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
brux 11.12.2017
1. Tja
Man kann den Wiederaufbau in St Martin ganz gut im französischen Fernsehen verfolgen. Frankreich kümmert sich massiv. Die Briten und Amerikaner haben es wohl nicht so eilig.
waterman2 27.12.2017
2. Kommt nicht nur auf die Hotels an
Ich wollte nach Sint Maarten im März, hatte schon weit vor dem Hurrikan gebucht. Selbst wenn Hotels öffnen, das nützt nicht viel, wenn die Airlines die Insel nicht anfliegen. Delta Airlines stornierte meinen Flug, es gibt zwar einige wenige Ausweichflüge von Atlanta aus, aber von MIA und JFK gibt es nach wie vor keine Flüge. Die Normalität kehrt halbwegs erst wieder Ende 2018 ein, die Aufräumarbeiten und Reparaturen werden aber noch sicher 2-3 Jahre in Anspruch nehmen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.