Von Tim Tolsdorff
Gegen vier Uhr nachmittags, wenn die Sonne sich in Richtung Horizont aufmacht und mit ihren letzten Strahlen die Rocky Mountains in weiches Licht taucht, zieht der Liftboy an der Skiliftstation des Sundown Express die Tür hinter sich zu. Mit dem letzten Sessel schwebt er zurück in die Zivilisation.
Zuvor muss er jedoch aufpassen, dass er die Hütte nicht abschließt - so wollen es die Kollegen von der Mountain Patrol in Vail. Brice May, Chef der Bergretter, erklärt warum: "Wir lassen die Lifthäuschen in den Backbowls seit 20 Jahren über Nacht geöffnet", sagt er. "So können sich Freerider, die nach Liftschluss im Hinterland verirrt sind, vor dem Erfrieren retten."
Was dramatisch klingt, ist durchaus sinnvoll. Der Vail Mountain beheimatet das größte Skigebiet der USA. Auf seiner Vorderseite ziehen sich Dutzende Pisten aller Schwierigkeitsgrade hinunter ins Tal, überwiegend so makellos gepflegt wie ein frisch gepuderter Babyhintern.
Die wahre Attraktion aber, der Grund, warum jedes Jahr Tausende von Freeridern in das Retortendorf an der Interstate 70 im Osten Colorados pilgern, findet sich auf der Rückseite des zwölf Kilometer langen Höhenzugs: Dort liegen die weitläufigen Backbowls, sieben Geländeschüsseln mit so exotischen Namen wie Mongolia oder Siberia.
Diese Titel tragen sie zu Recht, denn sie sind so etwas wie ein Grenzstreifen zwischen Zivilisation und Wildnis. Das adelt sie zum Spielplatz für Adrenalinjunkies aus aller Herren Länder. Der lichte Baumbestand und das abwechslungsreiche Gelände tun ein Übriges, um Skivergnügen nahe der Perfektion zu liefern.
Beheizte Bürgersteige, warme Straßen
Horst Essl kennt sich in diesem Terrain aus. Der Skilehrer kennt auch den Grund, warum sich in den Backbowls weite Tiefschneefelder finden, während die Berge ringsum dicht bewaldet sind. "Im späten 18. Jahrhundert brannte der Wald bei einem Buschfeuer völlig ab", sagt er, während er mit seiner Skigruppe im Vierersessel bergwärts schwebt. "Die Vegetation hat sich davon nie wieder erholt und Platz für die wunderschönen Abfahrten gelassen."
1962 wurde Vail als Retortenstation gegründet. Pete Seibert, der lokale Skipionier, erkannte das Potential auf der Rückseite des Berges und ließ wenig später die Backbowls mit jeweils einem Lift bestücken. Im Dorf selber, dessen Architektur alpenländisch inspiriert ist, treibt die amerikanische Dienstleistungsmentalität inzwischen skurrile Blüten: Sowohl die Straßen als auch die Bürgersteige werden beheizt, um sie schneefrei zu halten. Die Einsparungen beim Streusalz dürften von der Gasrechnung locker ausgeglichen werden.
Horst Essl und seine Schüler treiben ihre breiten Geländeski auf der anderen Seite des Berges durch jeden einzelnen der sieben Tiefschneekessel. Obwohl es seit Tagen nicht geschneit hat und das Gelände dementsprechend zerfahren ist, bietet jede Abfahrt einen Genussfaktor, der in den Alpen seinesgleichen sucht.
Das Geheimnis von Vail ist der Schnee, der hier besonders trocken und fluffig vom Himmel rieselt - wer hat noch nicht vom Champagne-Powder gehört? Zudem verteilen sich die Gäste über eine Fläche von 170 Fußballfeldern. Sogar die ruppige Steilrinne Rasputin's Revenge lässt sich entspannt abreiten.
Nach der Mittagspause machen die Skiläufer das Blue Sky Basin unsicher, die jüngste Erweiterung des Skigebiets. Immer vorneweg: Horst, der seit 33 Jahren als Skilehrer in Vail arbeitet und in dieser Zeit schon Barbra Streisand und Johnny Cash betreute. Wenn er Gas gibt, heizt er mit seinen 72 Jahren noch jedem vorlauten Eleven davon.
Um Sprüche ist der gebürtige Österreicher nicht verlegen. Als er am Belle's Camp eine Pause einlegt, dem entlegensten Außenposten des Skigebietes, wo kleine Gruppen von Skifahrern am Außengrill ihre mitgebrachten Steaks garen, beglückt er die Gruppe mit folgender Weisheit: "Wenn die Krähe kräht und die Toilette riecht, kommt der Schnee spätestens in zwei Tagen." Die Lösung, so Horst: Diese Phänomene kündigten ein Tiefdruckgebiet an, und soeben sei ihm ein leichter Fäkalgeruch vom WC in die Nüstern gestiegen.
Pistenkontrolle mit 25 Leuten
Am Hauptquartier der Bergretter trainiert Mongo, der Chef der Lawinenkommission, seinen Golden Retriever, einen der drei Lawinenhunde in Vail. Sein Chef Brice May lässt daneben seine Ski in den Schnee plumpsen und klickt sich in die Bindungen ein. Die Uhr zeigt 15.30 an, es ist Zeit für den Sweep. So bezeichnen Brice und seine Kollegen die Kontrollfahrt am Ende des Tages, bei der alle Gäste aus den Backbowls geholt werden müssen. Zügig überquert er die Piste und sticht ins freie Gelände.
Brice folgt immer dem Höhenzug zwischen Sun Down und Sun Up, den beiden westlichsten Backbowls. Aufmerksam taxiert er das Gelände und hält regelmäßig an, um sich per Stockzeichen mit seinen Nebenleuten zu verständigen, die mehrere hundert Meter entfernt von ihm als kleine, rote Punkte im großen Halbrund der Schüsseln zu erkennen sind. "Wir müssen jeden Tag das komplette Gelände absuchen, dabei sind mindestens 25 Leute im Einsatz", sagt er. Die Aufgabe ist alles andere als einfach, sind doch viele Abschnitte der Backbowls bewaldet oder zerklüftet.
Beim letzten Halt, bevor es durch einen Gully, also eine ins Gelände eingeschnittene Engstelle, zur Talstation des Lifts geht, rauscht es plötzlich im Funkgerät des Bergretters, und eine knarzende Stimme meldet sich. Es ist der Kollege zur rechten Hand, der von seiner Position aus einige Snowboarder entdeckt hat. Die fünfköpfige Gruppe lungere im lichten Bergwald in unmittelbaren Umgebung von Brice herum, mache aber keine Anstalten, aus der Deckung zu kommen.
Da Brice nach den Informationen des Bergretters schon einige Höhenmeter unter der Gruppe steht, beordert er einen in Reserve gehaltenen Kollegen zielsicher zu den Boardern, um sie vom Berg zu holen. Wenige Minuten später ist die Mission erfüllt - die Truppe hatte ihren Tag im Pulverschnee mit einem nicht ganz legalen Rauschmittel gefeiert.
Der Ruf der Krähe
Horst Essl und seine Gruppe sind inzwischen die letzten Meter durch die nun menschenleere Bergwelt zur Talstation des Sundown Express abgeschwungen. Gleich dahinter fängt die Wildnis an, der Nationalpark White River Forest. Tausende Quadratkilometer Berge, Schnee und Wald, durch die Luchse, Bären und Pumas streunen.
Auf der Fahrt nach oben berichtet Horst von seiner Begegnung mit einem Puma, es passierte im Jahr 2000 am Rand des Blue Sky Basin. "Zuerst habe ich nur den Haufen gesehen, den der Puma in den Wald gesetzt hatte. Der rauchte noch", erzählt Horst mit einem Schmunzeln. "Dann stand der Berglöwe auf einmal vor mir im Wald." Gemeinsam mit seinem damaligen Gast habe er sich dann langsam auf Skiern zurückgezogen - nicht ohne dem Besucher den Schweiß unter die Skibrille zu treiben. "Ich habe ihm gesagt: Du bist der Dickere von uns, dich nimmt er zuerst."
Wie hoch der Wahrheitsgehalt von Horsts Anekdoten wirklich ist, bleibt unklar. Aber am nächsten Morgen zeigt der Blick aus dem Hotelfenster, dass über Nacht Schneefälle Vail und die bewaldeten Flanken des Hausbergs in makelloses Weiß getaucht haben. Noch immer stieben massenhaft trockene, große Flocken aus einem grauen Himmel. Hier hat Horst Recht gehabt - auf der letzten Abfahrt des Vortags war deutlich der Ruf einer Krähe zu hören gewesen.
Saison: Die Skisaison in Vail dauert von Ende November bis Mitte April. Die beste Reisezeit ist der Februar. Im Schnitt fallen in Vail fast neun Meter Schnee pro Jahr.
Skigebiet: Höhenlage 2476 bis 3527 Meter, 193 Pisten (53 Prozent schwer, 29 Prozent mittel, 18 Prozent leicht), 31 Lifte (1 Gondel, 20 Sessellifte, 3 Schlepplifte, 6 Anfängerlifte
Anreise: Am besten ist ein Flug direkt nach Denver, von dort fährt man mit einem Mietwagen rund zwei Stunden über die Interstate 70 nach Vail.
Infos: Vail Resorts, Tel.: +49 (0)221 9235692, Internet: www.vailresorts.de, www.vailresorts.com oder www.snowusa.com, Mail: info@vailresorts.de.
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