Skiparadies Kanada Amphitheater am Gletscher

Das ist die absolute Einsamkeit: Ein Wintersportler aus Bayern hat in der kanadischen Wildnis eine Skihütte gebaut. Seine Lodge bietet die einzige Sauna und das beste Essen in einem Radius von Hunderten von Kilometern. Und ist nur per Hubschrauber erreichbar.

Günter Kast / Sandra Urbaniak

Von Günter Kast


Christophs Frau Irene hatte es sich hinterm "Pinkelbusch", keine 20 Meter von der Hütte entfernt, gemütlich gemacht, als sie ein tiefes Brummen hörte. Im Mondschein sah sie die Silhouette eines Grizzly. Er hatte sich zu voller Größe aufgerichtet, mindestens drei Meter hoch. Im nächsten Moment griff er an. Doch es war nur ein sogenannter "bluff charge". Kurz vor Irene stoppte der große Braune und drehte ab.

Wenn Christoph diese Geschichte erzählt, fügt er gerne hinzu, dass es in so einer Situation von Vorteil sei, wenn man die Hosen beim Pinkelbusch schon heruntergelassen habe. Seine Gäste lachen dann und freuen sich, dass die Bären jetzt, im März, unter Bergen von Schnee tief schlafen.

Kanada-Reisende wollen solche Geschichten hören. Ernste Gefahren gehen von Bären aber eher selten aus. Eine umgefallene Kerze in Christophs Hütte hingegen könnte zur Katastrophe führen. Würden wir das Burnie Glacier Chalet samt Internet-fähigem Computer und Funkgerät abfackeln, müssten wir in einer Schneehöhle bis zur nächsten Woche ausharren. Erst dann kommt Tom mit seinem Hubschrauber wieder, um uns ins mehr als 50 Kilometer entfernte Smithers zu fliegen, ein 5000-Einwohner-Nest, eineinhalb Flugstunden nördlich von Vancouver.

Es ist die absolute Einsamkeit, die uns so magisch anzieht. Schöne Skitourenberge gibt es in den Alpen zur Genüge. Aber eben auch Hütten und Menschen en masse. Würden wir vom Burnie Lake unterhalb der Hütte nach Süden marschieren, wären wir 350 Kilometer unterwegs, ehe wir auf eine Straße stießen, die diesen Namen verdient. Christoph Dietzfelbinger, gebürtiger Mittelfranke, braucht diese Weite. Schon 1986 wurde es dem angehenden Lehrer zu eng in Bayern. Der Bergführer-Aspirant pfiff auf den Staatsdienst, bewarb sich um ein Kanada-Visum und arbeitete im Winter als Heli-Guide und für den kanadischen Lawinenwarndienst.

Stabile Schneedecke, pfeifender Wind

Seine Erfahrung mit der weißen Gefahr wissen wir zu schätzen, als wir anderntags in Richtung Polemic Pass hochspuren. Vom Pazifik hat sich eine Warmfront herangeschoben, die Sicht ist miserabel und es schneit leicht. Nicht unbedingt die Bedingungen, die ein Bergführer mag, wenn er mit einer Gruppe am Ende der Welt unterwegs ist. Aber Christoph bleibt gelassen. Er gräbt ein Schneeprofil und nickt. Wir wagen uns an den Burnie Step, eine rund 45 Grad steile Rampe, die auf den Burnie-Gletscher hinaufleitet.

Die Schneedecke ist stabil, aber oben pfeift uns der Wind um die Ohren. Wir sind gerade einmal auf 1600 Meter über dem Meer, doch das Klima hier ist wesentlich rauer und extremer als in den Alpen. Die Gletscherzungen reichen fast bis auf 1000 Meter herab. Und es fällt Schnee, viel Schnee. Selbst in einem niederschlagsarmen Winter, wie wir ihn vorfinden, liegen rund um die Hütte im März rund zwei Meter gestapelte Flocken - auf gerade einmal 1000 Meter Meereshöhe.

Inzwischen fühlen wir uns wie Taucher in einem Milchsee. Wir sehen - nichts. Über uns ist es weiß, unter uns ist es weiß. Nur ab und zu erkennen wir schemenhaft ein Labyrinth aus Spalten und haushohen Séracs. Christoph bläst zum Rückzug. Wir nehmen es gelassen, spüren geradezu Vorfreude. Vorfreude auf eine Hütte, in der uns Monika erwartet.

Zu behaupten, die gebürtige Oberösterreicherin wäre die beste Köchin weit und breit, wäre ein Affront. Denn es gibt hier niemanden im weiten Umkreis. Sie ist tatsächlich die Beste. Wird uns mit einer dampfenden Suppe empfangen, dann selbstgebackenes Brot mit Salami und Käse-Happen reichen, uns zum Abschluss mit ofenfrischen Cookies mit Macadamia-Nüssen verwöhnen. Man merkt, dass Monika im Sommer in Bergbau-Camps für Minenarbeiter kocht.

Keine vier Stunden später wird sie das Abendessen servieren. Nicht gerade viel Zeit, um einen Bärenhunger zu entwickeln. Doch rund um die Burnie-Hütte gibt es durchaus Möglichkeiten: Man kann Holz hacken für den Ofen in der Küche oder für die Sauna im Keller. Jeden Nachmittag heizt Christoph den Saunaofen an, und allein deshalb lohnt es sich, auf die Hütte zu kommen. Das haben inzwischen sogar seine kanadischen Gäste verstanden. Dass sie sich - puritanisch erzogen - mitunter in Badekleidung auf die Saunabank setzen, ringt ihm höchstens ein Schmunzeln ab.

Berghütte mit Seele

Wer sich körperlich betätigen will, findet noch andere Herausforderungen. Zum Beispiel, so erklärt es uns Christoph, gibt es hier kein fließendes, sondern "gehendes" Wasser: Man schnappt sich zwei große Metallkübel, geht zum meist eisfreien Bach und balanciert mit der kostbaren Fracht zurück zur Hütte. Hinterher hat man Hunger - und um gefühlte zehn Zentimeter längere Arme.

Christoph hatte sich sofort in diesen Platz verliebt. Es war im Mai 1997, als er das erste Mal mit dem Hubschrauber hierher kam. Rund um Smithers hatte er damals viele Skitouren erkundet. Doch in die Howson Range, wie die Berge hier heißen, konnte man mit Packpferden nicht vordringen. Das Terrain ist im Frühling und Sommer zu sumpfig. Im folgenden Frühjahr kam er erstmals mit Gästen zum Burnie Lake. Sie campten, sammelten Beeren, beobachteten Schneeziegen und Vielfraße.

Nebenbei erkundete Christoph die Berge mit einer alten Karte. Der Howson Peak war der einzige Gipfel mit Namen. Eine Expedition des Kanadischen Alpenclubs hatte die Kette in den fünfziger Jahren erforscht. Die meisten heutigen Namen der Berge und Täler stammen von Christoph. Später verirrten sich nur noch Geologen in das Gebiet. Sie kamen - und gingen wieder. Christoph wollte bleiben. Und am Fuße des Burnie-Gletschers eine Hütte bauen.

Als er nach zähen Verhandlungen mit der Provinzregierung das Baurecht in der Tasche hatte, wartete die größte Hürde auf ihn: "Ich musste die Wet'Suwet'en von meinem Vorhaben überzeugen", erinnert er sich. "Ihnen gehörte das Land zuerst. Am Ende gaben sie ihren Segen, aber nur unter der Voraussetzung, dass meine Hütte keine Ware ist, die an Dritte weiterverkauft werden darf." Seine Herberge sollte also eine Seele haben. Christoph hatte nichts dagegen einzuwenden.

Pulverschnee am Polemic Pass

2001 legte er los. Während der ersten Bauphase musste der Heli 60-mal zwischen Smithers und den Howsons hin- und herfliegen. Doch der erste Flugtag fiel auf den 9. September 2001. Als die kanadische Regierung von den Anschlägen in New York hörte, ließ sie sofort den Luftraum sperren. Christoph rief daraufhin spontan den Notfall aus: Er habe hier oben eine Trekkinggruppe, der das Essen ausgegangen sei. Die müssten unbedingt ausgeflogen werden.

Keine Frage: Christoph ist ein hartnäckiger Bursche. Das merken wir anderntags, als wir uns den Polemic Pass - warum heißt der eigentlich so? - erneut vornehmen. Die Sicht ist noch immer schlecht, aber die Windmaschine bleibt diesmal ausgeschaltet.

Wenn die Sonne kurz durchscheint, erkennen wir ein Amphitheater inmitten einer atemberaubenden Gletscher-Szenerie mit blau schimmernden Eisbrüchen und schroffen Felsgipfeln. Jenseits des Passes locken uns unberührte Pulverschneehänge, die die Oberschenkel zum Glühen bringen werden. Trotzdem machen wir oben eine ausgedehnte Pause. Wozu Hektik verbreiten? Hier ist einfach niemand, der uns die "first tracks" streitig machen könnte.

Bergsteiger behaupten oft, sie würden sich inmitten großartiger Natur ausgesetzt und klein fühlen. Meist klingt das abgedroschen und klischeehaft. Hier trifft es tatsächlich zu. Und Christoph merkt uns das an. Merkt, dass wir uns schon wieder auf die Geborgenheit seines Burnie Glacier Chalet freuen. Dort werden wir uns heute Abend "Die Geschichte vom Brandner Kaspar" in der Verfilmung von Joseph Vilsmaier an die Wand beamen. Christoph wird herzhaft lachen, Karl Valentin zitieren und ein bisschen - wehmütig? - an die alte Heimat denken. Irgendwo in den Howson-Bergen, 50 Kilometer Luftlinie von Smithers entfernt.



insgesamt 5 Beiträge
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lamblies, 26.12.2010
1. Einsamkeit
Kein Mensch sollte einsam bleiben. Nach den Gesetzen des Marktes werden weitere Einsame folgen.
join3 26.12.2010
2. Das ist ein wahrhaft weiser Kommentar
Zitat von lambliesKein Mensch sollte einsam bleiben. Nach den Gesetzen des Marktes werden weitere Einsame folgen.
Leider bin ich gröber gestrickt und sage: Verdammt nochmal, können die Kanadier nicht eine Steinwurf weit denken ? Der "Bayer"und andere Gesinnungsgenossen werden noch 20 weitere cabins bauen und die gesamte Gegend mit Hubschraubern und Gröhlemännern vollschaufeln. Goodbye snowy mountains.
duffybarracuda, 26.12.2010
3. v
irgendwie muss auch ein Spiegelredakteur beim Urlaub noch etwas Geld verdienen, anders kann ich mir den langweiligen Artikel nicht erklären.
archie, 26.12.2010
4. Antwort
Muss denn hier alles schlechtgeredet werden? Nun gönnt den Leuten doch den kleinen Trip mit Hubschrauber in die kanadische Wildnis. Ich selbst habe zwar schon jetzt die Schnauze voll vom Schnee(schippen), aber der Geldbesitzer, der diesen Flug macht, hat dafür gewiß seine Leute.
mkalus 27.12.2010
5. .....
Zitat von lambliesKein Mensch sollte einsam bleiben. Nach den Gesetzen des Marktes werden weitere Einsame folgen.
Du hast keine Ahnung wieviel "nichts" es hier gibt. Ein, zwei Stuendchen mit dem Auto von Vancouver und dann geht dein Handy auch nicht mehr, und nicht weil Du auf irgendeiner Strasse im Nirgendwo bist sondern z. B. auf dem Transcanda. Gruss aus Vancouver.
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