Slum-Tourismus in Namibia Auf ein Bier zu Saddam

Der typische Namibia-Besucher will Elefanten, Giraffen und spektakuläre Dünen sehen. Ganz anders die Gäste einer jungen Unternehmerin - die führt Touristen in die Slums von Windhuk, zum Fidel-Castro-Kindergarten und zum Saddam-Hussein-Shoppingcenter.

Von Bernd Kubisch


Windhuk - Kinder laufen zwischen Holzhütten auf der Straße zusammen. Die Haare sind vom Sand aufgehellt, den der Wind über die holperige Fahrbahn wirbelt. Kein Auto weit und breit. Eine Sechsjährige, barfuß und mit Löchern im ausgewaschenen Kleidchen, streckt zögernd die Hand aus nach dem weißen, älteren Ehepaar, nicht um nach Geld und Bonbons zu fragen, sondern um behutsam über einen behaarten Arm mit weißer Haut zu streichen. Sie scheint zufrieden zu sein mit dem Berührten. Alle Kinder lachen. Eine Mutter mit Wassereimern in den Händen kommt näher. Die Atmosphäre ist entspannt. Es wird geplaudert, auf Englisch.

"Manche Kids in den Townships von Windhuk machen bei unseren Touren ihre erste Erfahrung mit Weißen und ausländischen Urlaubern", erläutert Rebekka Hidulika, Chefin von "Wanderzone Tours". Die 26-Jährige schmerzt es seit ihrer Teenager-Zeit, dass die meisten weißen Bewohner von Windhuk sowie Touristen einen großen Bogen um die Armenviertel von Namibias Hauptstadt machen.

Doch die junge Schwarze hat es nicht beim Bedauern belassen. Rebekka ist ist heute eine der ganz wenigen schwarzen Tourismus-Unternehmerinnen ihres weitläufigen Landes, wo auf Landstraßen Warzenschweine, Großantilopen und manchmal auch Giraffen die Fahrbahn überqueren. "Ich komme nicht aus einem Armenviertel, sondern aus der Mittelschicht und kann Möglichkeiten nutzen, die andere leider nicht haben." Rebekka spricht mit sanfter, ruhiger Stimme. Sie hat strahlende, dunkle Augen, kaum Make-up, ein wenig Kunsthaar verlängert ihre gekrausten Naturlocken.

Studium dank Regierungskredit

Die Jungunternehmerin, für deren Firma "Wanderzone Tours" heute ein Dutzend feste und freie Mitarbeiter tätig sind, betont: "Namibia hat doch viel mehr als Giraffen, Elefanten, spektakuläre Dünen, Wüsten, Küsten und deutsche Kolonialgeschichte - nämlich unsere Menschen." Damit meint sie in ihrem Vielvölkerland vor allem Ureinwohner wie Ovambo, Herero und die vielen Naturstämme, von denen manche heute noch am Rande von Wüste und Gebirge wie vor Jahrhunderten jagen und leben. Auch die sanfte Begegnung mit einer "Bushmen community" bietet Rebekka an.

Sie stammt aus dem Norden, aus Oshikuku. Beide Eltern haben Jobs. Die Mutter ist Lehrerin, der Vater Techniker. Die Familie verdient mehr als der Durchschnitt im Lande, das vor 100 Jahren noch zu Deutsch-Südwestafrika gehörte, zuletzt unter Südafrikas Verwaltung stand und seit 1990 unabhängig ist.

Für ihr Tourismusstudium erhielt Rebekka einen kleinen Kredit von der Regierung. Mit einem Bankdarlehen für ihre Unternehmensgründung sieht es dagegen schlecht aus. "Das ist so gut wie unmöglich", sagt die junge Frau. "Wir haben keine Sicherheiten". Sie zeigt auf Computer, Schreibtisch, drei Stühle, Aktenordner und Poster mit roten Dünen und dem Etosha Nationalpark. Die Wagen für Townshiptouren und Fahrten ins Hinterland zu Urvölkern sind meist Eigentum des Fahrers oder Führers oder gemietet. Das kleine Büro liegt im Zentrum, zwei Fußminuten von Tourismusbehörde, Hotels und Geschäften. Nur zehn Minuten liegt die "Alte Feste" entfernt.

Fernseh-Farmer locken Touristen an

Aufträge bekommt Rebekkas Team durch ihre Webseite, Empfehlungen zufriedener Kunden und Hinweise der Tourismusbehörde Namibias. "Der Job ist hart", sagt sie, "aber es geht langsam aufwärts." Nicht nur bei ihr, im ganzen Land, auch dank deutscher Rundfunk- und TV-Serien mit tierliebenden Farmern, die mehr Touristen locken.

Fakt ist: Namibia hat außer Ozean, exotischer Tierwelt, weiten Savannen, rötlichen und goldgelben Wüstendünen auch recht stabile politische Verhältnisse, weniger Gewalt und Kriminalität als in vielen anderen Länder des Kontinents. "Wir sind doch ideal für Afrika-Einsteiger", sagt Mandla Karongee. Der Herero ist einer von Rebekkas Führern.

"Fidel Castro Kinder Garden Kilimandjaro" steht auf einer mit Sonne, Palmen und Affen bemalten Wellblechwand. Fidel Castro hat in den achtziger Jahren der sozialistischen Befreiungsbewegung Swapo unter die Arme gegriffen. Und der Kilimandscharo steht zwar in Tansania, wird aber als bekanntester Berg Afrikas immer gerne als Namenspate bemüht. Nachmittags ist der Kindergarten dank der Unterstützung durch die evangelisch-lutherische Kirche eine Suppenküche für den Nachwuchs im Armenviertel.

Ein Ausflug mit "Wanderzone Tours" ist auch immer ein Stück Völkerkunde- und Geschichtsunterricht. "Die Stadtverwaltung tut, was sie kann mit ihren Mitteln", meint Rebekka. Es gibt inzwischen ein paar öffentliche Toilettenhäuschen aus grauem Blockstein sowie zwei, drei überdachte Märkte, in denen auch zur Regenzeit gefeilscht und gehandelt wird. Marktstände, Kräuterfrau, historische Hütte, Familienbesuche, soziale Projekte und Folklore stehen meist auf dem halbtägigen Programm. Dabei bleibt genug Zeit für persönliche Gespräche und Begegnungen.

"Wir brauchen mehr Rebekkas"

Ein flaches Holzhaus mit offener Ladentür, vor der Männer Bier trinken, wirbt mit roten Lettern auf weiß getünchten Brettern als "Saddam Hussein Shopping Centre". "Ob ich da fotografieren kann?", fragt der weißhaarige Herr aus London. "Reden Sie mit den Leuten, fragen Sie den Inhaber, erzählen Sie auch etwas von Ihrer Familie, von Ihrem Land", ermuntert Führer Mandla.

Er muss die drei Touristen später am Arm greifen und loseisen von Bier und Gesprächen. "Sehen Sie, es funktioniert. Wenn Sie auf unsere Menschen zugehen und sie ernst nehmen, sind Sie willkommen", sagt der Herero und lächelt zufrieden. Dann wird er auf Rebekka angesprochen und schwärmt von seiner Chefin: "Sie liebt die Menschen, wird von allen respektiert, macht viel für den Abbau von Vorurteilen. Wir brauchen mehr Rebekkas."

Später, am Rande eines der Armenviertels in der Kneipe "Golgota": Auf klapprigen Stühlen räkeln sich ein paar junge Männer und Frauen. Kaum einer hat einen festen Job. Die Lokalrunde, die der Gast spendiert, wird lässig und wohlwollend aufgenommen. Zehn Flaschen Bier und vier Glas Billigschnaps kosten umgerechnet neun Euro. "Zu mir hat sich seit vielen Monaten kein Weißer mehr verirrt", erzählt Kneipenbetreiber Chax.

Der 42-Jährige kann ein bisschen sächseln, wenn er will. "Die Swapo war unsere Hoffnung", erzählt er. "Durch die kam ich als 19-Jähriger in die DDR", ins "Bruderland". Er wurde in Dresden von 1982 bis 1986 zum Holzfacharbeiter ausgebildet. Einige Nachbarn schauen von der Straße neugierig auf den weißen Besucher. "In unserem Viertel kannst Du problemlos allein laufen. Alle wissen, Du kommst aus meiner Kneipe und bist ein Freund von Chax.", sagt der kräftig gebaute Schwarze und verabschiedet sich mit einer herzlichen Umarmung.



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