Solartaxi auf hoher See Der Tag nach Bali

Louis Palmer und seine Solartaxi-Crew sitzen an Bord des Greenpeace-Schiffs "Rainbow Warrior". Es geht nach Neuseeland. Endlich findet sich Zeit, über Eisbären, Öl und Buhrufe nachzudenken.


Heute sind wir an Bord des Greenpeace-Schiffs "Rainbow Warrior" gegangen. Zusammen mit der Greenpeace-Crew nehmen wir Kurs auf Auckland, Neuseeland. Bali liegt hinter uns. Dass wir mitfahren dürfen, haben wir einem Eisbären zu verdanken.

Res, ein junger Schweizer, der sich bei der Konferenz jeweils das Eisbär-Kostüm von Greenpeace überstülpte und herumwatschelte, hatte vor einer Woche beiläufig erwähnt, die "Rainbow Warrior" liege vor Bali. Nach einem spontanen Besuch lud uns Captain Mike Fincken ein, ins Land der 20 Millionen Schafe mitzufahren - nach Neuseeland. So kam es zu einem schnellen Szenenwechsel: Noch vor 24 Stunden verließen wir mit dem Solartaxi das Konferenzgelände, jetzt sind wir schon auf hoher See.

Nun ist Pause und etwas Erholung angesagt. Am 13. Januar sollen wir in Neuseeland ankommen. Vier lange Wochen ohne Landgang stehen uns bevor. Ei, ei... was machen wir nur so lange hier an Deck? Ich hab's: Wir lassen die vergangenen zwei Wochen Revue passieren:

Zur Eröffnung der Konferenz in Bali forderte Rajendra Pachauri, der Vorsitzende des Klimarats IPCC, der am vergangenen Montag den Friedensnobelpreis bekam, alle Delegierten eindringlich dazu auf, zu handeln. Was ansonsten passiere:

  • der Meeresspiegel wird wegen der Ausdehnung von warmem Wasser und Abschmelzen des Südpoleises um 1,5 Meter steigen
  • 70 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten können aussterben
  • Die weltweiten Temperaturen werden um 2,5 bis 5 Grad steigen
  • Wasserknappheit und Fluten werden zu Migrationen führen und damit zu Kriegen und Konflikten.

Am Freitagmorgen, dem offiziell letzten Tag der Konferenz, habe ich Pachauri vor seinem Hotel abgeholt und zur Konferenz gefahren. Während der Fahrt habe ich ihn gefragt, was passieren wird, wenn man seine Warnungen nicht ernst nimmt, wenn Bali scheitert. Seine Antwort: Sehr viele Menschen wären sehr, sehr verärgert.

Der erste Gast, der die Beine einziehen musste

Die Konferenzzeit werden wir nie vergessen. Wo auch immer wir mit dem Solartaxi aufkreuzten, haben wir ein Lächeln auf die Gesichter gezaubert. Und die vielen Fahrten mit Ministern, Delegierten und Vertretern der Presse haben uns Einblicke hinter die Kulissen verschafft.

Auch den neuen australischen Umweltminister Peter Garrett haben wir mitgenommen. Australien war jahrelang gegen jegliche Begrenzungen des Treibhausgasausstoßes. Doch seit drei Wochen ist eine neue Regierung im Amt, die das Kyoto-Protokoll sogleich unterzeichnet hat. Peter Garrett ist vor 15 Jahren als Lead-Sänger der Rockgruppe "Midnight Oil" bekannt geworden - mit Liedern gegen die Umweltzerstörung.

Als wir von seinen Beratern endlich grünes Licht bekamen und ihn in seinem Hotel abholen konnten, erschien ein Riese. Garrett war der erste Passagier, der im Solartaxi nicht die Beine ausstrecken konnte. Trotzdem fuhr er zwei Runden mit uns durch Nusa Dua. Falls wir mal in Canberra sind, so meinte er, sollen wir ihn unbedingt besuchen.

"Übernehmt endlich eine Führungsrolle"

Ich war erstaunt, als es plötzlich hieß, dass wir den kanadischen Delegationsleiter Stéphane Dion abholen sollen. Denn auch Kanada ist kein Musterland in Sachen Klimasschutz. Das hat folgenden Grund: Im Land finden sich die zweitgrössten Erdölreserven der Welt. Das schwarze Gold versteckt sich im Sandschiefer. Es zu gewinnen galt lange Zeit als sehr kostspielig. Doch seitdem der Ölpreis gestiegen ist, lohnt sich der Abbau. Die USA brauchen große Mengen Öl aus sicheren Orten - Kanada kann sie liefern. Und tut es. Der CO2-Ausstoß ist dadurch seit 1990 erheblich gestiegen.

Natürlich fuhren wir hin. Von Dions Berater erfuhr ich, dass es bei der Konferenz zwei kanadische Delegationen gäbe. Eine Regierungsdelegation, und eine Delegation der Opposition. Dion sei der Oppositionsführer - und möglicherweise Kanadas nächster Präsident.

Da Dion etwas Zeit hatte, fuhr ich ihn zu Bianca Jagger - der Vorsitzenden des Weltzukunftsrats (und Ex-Frau von Mick Jagger). Auch Jagger zeigte sich enttäuscht von Kanada, das sie sonst als sehr fortschrittliches Land kennt. Das Land solle endlich wieder die Rolle übernehmen, die es verdiene, sagte sie. "Übernehmt endlich eine Führungsrolle im Kampf gegen die globale Erwärmung."

Erik ist ausgestiegen

Samstagmittag, als die Verhandlungen 24 Stunden später als geplant zu Ende gingen, erzählte mir ein indischer Fahrgast strahlend und erleichtert vom Ergebnis der Konferenz. "So viele Buhrufe wie gegen die USA heute hat's in der Geschichte der Uno glaube ich noch nie gegen irgendjemanden gegeben", sagte er. "Am Schluss haben die Amerikaner doch noch nachgegeben. Gott sei Dank."

Außerdem hat uns Crew-Mitglied Erik gestern verlassen. Er ist mit all seinen Video-Bändern, die er seit Delhi aufgenommen hat, nach Berlin zurückgeflogen. Daraus soll bald eine Dokumentation entstehen. Wir warten nur noch auf eine TV-Station, die daran Interesse zeigt.



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